Beiträge von Leonhard

    Die Seite Wienschauen ist absolut bewundernswert, die Mühe, die sich der Betreiber macht, ist unglaublich. Hoffen wir, dass dieses Anprangern der Misstände irgendwann einmal etwas nutzen möge...Einer der Hauptgründe für die vielen Abrisse dürfte sein, was im ersten Absatz des Artikels steht:

    "Politik und Behörden haben Bebauungspläne erstellt und beschlossen, die Abrisse erst richtig attraktiv bzw. lukrativ machen – weil im Neubau dann viel mehr Fläche möglich ist. Zusammen mit dem problematischen Mietrechtsgesetz (eher niedrige Mieten im Altbau, unkontrolliert hohe Mieten im Neubau) arbeitet alles hin in Richtung Zerstörung."


    Trotz dieser katastrophalen Entwicklung muss aber immer noch gesagt sein, dass es in Wien dermaßen viele, man möchte fast sagen unendlich viele Gründerzeitbauten gibt, Gebiete, in denen man weit und breit fast nur alte, prächtige Gebäude sieht, wie man sich das in Deutschland gar nicht vorstellen kann; die Altbausubstanz ist immer noch gewaltig. Und in Budapest ist bei weitem nicht alles so geschlossen schön und alt, wie im APH immer behauptet wird, da wurde in den Straßenkämpfen im 2. Weltkrieg viel zerstört und später im Kommunismus durch unpassende Gebäude ersetzt. Ich würde deshalb Wien immer noch nicht unter Budapest ansiedeln, was die gründerzeitliche Altbausubstanz betrifft. Aber natürlich soll das nicht die stark gegensätzliche Entwicklung beider Städte beschönigen, bei der Wien sich ein Beispiel an Budapest nehmen sollte.

    Das ist halt das BRD-mäßige, alles ein bissl zu perfekt und aseptisch renoviert... aber ich würde generell trotzdem nicht sagen, dass es der Heidelberger Hauptstraße an Flair fehlt, sie ist schon sehr angenehm zu durchschreiten. So wie diese Straße würden auch in vielen anderen deutschen Mittelstädten die Hauptstraßenzüge aussehen, wenn nicht so viele davon im Krieg zerstört worden wären. Das einzige, was man vielleicht aussetzen kann, ist, dass diese Mischung aus einfachen Bürgerhäusern und niedrigen, dreistöckigen Gründerzeitlern halt ein bisserl provinziell wirkt, es fehlt die Grandezza der großen, höheren Prachtbauten, wie man sie in Großstädten findet, deren größere Etagenanzahl für die Vielzahl der gestalterischen Elemente des Historismus meines Erachtens von großem Vorteil ist. Trotzdem ist das hier eine schöne Straße und an echtem Flair besitzt Heidelberg weiter innen in der Altstadt ohnehin im Überfluss.

    Da hast du vollkommen recht, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Nachkriegsmoderne und größtenteils auch die heutige Architektur jemals als wertvoll angesehen werden wird. Ich wollte bloß sagen, dass der mangelnde Respekt vor alten Bauten keine Nachkriegserfindung ist.

    Das ist leider ganz normal, auch in der Gründerzeit hat man ohne Skrupel alte und wertvolle Gebäude abgerissen, auf diese Weise haben so einige Städte, u.a. auch Wien, radikal ihr Stadtbild verändert. Der Unterschied ist nur, dass uns die gründerzeitlichen Neubauten heute viel schöner erscheinen als die der Nachkriegsmoderne - die baulichen Verluste sind aber oft ähnlich schlimm. Leider hat die fortschritts- und wirtschaftsorientierte Mehrheit in unserer Gesellschaft wenig Respekt vor alter Baukultur, das ist schon seit langem so. Vielleicht gibt es heute sogar mehr Verständnis für den Wert alter Bauten als vor 150 Jahren, da wir größtenteils von einer lebendigen zu einer musealen Kultur mutiert sind.

    Heute hab ich endlich einige Nahaufnahmen der Fassade der Salinen-Administration (Ludwigstraße 27) gemacht, voilà:


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    Die Terrakotta-Ornamentik am Portal:


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    Ganz so scharfkantig und glatt wie zu Entstehungszeiten ist die Oberfläche zwar sicher nicht mehr, aber sie hat sich schon recht gut gehalten (abgesehen von einigen beschädigten Bereichen vor allem in der Sockelzone).

    Hab mir für 1€ das Probeabo geholt...


    Also: es ist noch nichts entschieden. Einige Zitate:


    "Wie es mit jetzt der Brandruine weitergehen soll, steht noch nicht fest. (...) Nach Angaben des Verwalters gibt es für den Eigentümer mit der Versicherung im Rücken keinen Druck zum Verkauf. Der Schaden dürfte in die Millionen gehen. Entgegen der kursierenden Gerüchte hätten sich bislang keine Investoren gemeldet.

    Kudszus (der Hausverwalter) sagt, dass die Überlegungen zur Zukunft noch laufen. Von der Tendenz her würden die Eigentümer anstreben, wieder ein Gebäude zu errichten. "Ein Wiederaufbau der historischen Fassade wäre auch in unserem Sinne."

    Beim Denkmalschutz der Stadt hält man die Reste der historischen Fassade für erhaltenswert und für rekonstruierbar. Es gebe ein sehr hohes Interesse an einem Wiederaufbau. Ordnungsreferent Frank Pintsch sieht sich in der Entscheidung bestätigt, dass bei der tagelangen schwierigen Brandbekämpfung ein Teil der Fassade erhalten worden ist."


    Das hört sich alles zuerst einmal zwar nicht schlecht, aber auch reichlich unverbindlich an. Ein Wort des Bedauerns vonseiten der Eigentümer über den Verlust eines so bedeutenden Baudenkmals findet sich im Artikel nirgends, sie sind nur froh, dass keine Person dabei zu Schaden gekommen ist. Zum Verhältnis der Eigentümer zum Gebäude an sich nur so viel:

    "Die heutigen Eigentümer hätten das Wohn- und Geschäftshaus seit mehr als zwei Jahrzehnten in ihrem Besitz, sagt Kudszus. Das schöne Gebäude mit der prägnanten Fassade und das Altbau-Flair hätten der Familie sehr gefallen."

    Das ist zwar ganz nett, aber eine wirkliche Wertschätzung eines so außergewöhnlichen Baudenkmals hört sich meines Erachtens anders an... nun, wir werden sehen.

    Noch eine nette Anekdote von gestern aus Wasserburg (manche werden es vielleicht eher als Beweis für den tiefverwurzelten Alltagsrassismus ansehen ;) Ich war beim Mittagessen in einem netten, urigen Lokal mit gotischem Gewölbe. Fast alle Gäste waren draußen im Schanigarten, als ich reinkam, war nur ein Tisch mit einem älteren Ehepaar besetzt, der Rest war leer. Das Ehepaar schien schon etwas länger darauf gewartet zu haben, endlich bestellen zu können und winkte immer wieder ungeduldig nach den Kellnerinnen. Die zwei Kellnerinnen waren stark beschäftigt, weil draußen alles voll war und sie alle Hände voll zu tun hatten. Eine Kellnerin, ein junges Mädchen, ging zu ihnen hin, entschuldigte sich und sagte ihnen, dass sie gleich kommen würde, um die Bestellung aufzunehmen. Kaum war sie wieder weg, standen die zwei Herrschaften auf und verließen murrend das Lokal. Die andere Kellnerin fragte das Madl, was passiert sei und warum die beiden Gäste gegangen seien, worauf das Madl in schönstem Bayrisch antwortete: "Ja mei, mit de Preissn is' hoid oiwei schwierig." ^^8o

    Dann kam sie zu mir und als ich sagte, natürlich ebenfalls auf Bayrisch, dass ich leider nicht viel Zeit hätte (ich musste zu einer Führung) und höflich fragte, ob ich innerhalb einer Dreiviertelstunde essen könnte, sagte sie "des griagn ma scho hi". Ich hab dann auch mein Essen sehr schnell bekommen, es war außerdem sehr gut :) beim Bezahlen hab ich mich dann nochmal bei ihr dafür bedankt, dass es so schnell ging, worauf sie lachend geantwortet hat "ja do herin sigt's ja koana, dass Sie Eana Essen friara griagn, do kemma des scho macha!" :)

    Da sieht man mal, wie viel es bringt, wie man mit den Leuten redet ;)

    Es ist sehr selten, dass man Führer findet, die mehr wissen, als das, was sie für ihre Führung auswendig gelernt haben... sobald man sie irgendetwas Weitergehendes fragt, stopseln sie rum, kommen aus dem Konzept und antworten irgendetwas Abstruses. Ich war heute in Wasserburg, hab dort zwei an sich schöne Führungen mitgemacht und bei einer war es auch so, dass die Führerin auf viele Fragen keine Antwort wusste (und das, obwohl sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums ist...). Trotzdem erfährt man immer ein paar interessante Dinge. Ansonsten war Wasserburg wie immer ein Traum :)


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    Wenn ich das richtig sehe und verstehe, ist im Zuge der Löscharbeiten mindestens der Giebel entfernt worden, die Frage ist, wieviel von der Fassade sonst noch steht... das ist echt furchtbar...

    Das Thema Sicherheit in Städten ist natürlich ein sehr subjektives und wurde außerdem durch diverse Anschläge in den letzten Jahren noch verschärft. In München, wo ich wohne, kann ich aber keine Verschlechterung der Sicherheitslage feststellen, ich hatte dort niemals ein Gefühl der Unsicherheit, auch nicht nachts in der U-Bahn. Allerdings bin ich meistens nur im Zentrum und den unmittelbar angrenzenden historischen Vorstädten unterwegs, in weiter draußen liegenden Vorstädten mag es teilweise anders sein. Ich denke, dass die recht gute Sicherheitssituation in München (und anderen bayerischen Städten) sicher der größtenteils bürgerlich-konservativen Politik in Bayern und der daraus resultierenden größeren Polizeipräsenz geschuldet ist, außerdem ist München so teuer, dass gewisse, sagen wir mal, "Gesellschaftsschichten" hier eh nicht so präsent sind.

    Wie Giulio schon geschrieben hat, ist die Sicherheitslage in Paris oder auch vielen italienischen Städten viel schlechter, z.B. sind Raubüberfälle oder auch einfache Diebstahldelikte selbst in einer reichen Stadt wie Mailand fast an der Tagesordnung, dort muss man echt aufpassen. Man merkt dies auch an den viel größeren Sicherheitsvorkehrungen an Wohnungstüren, die dort seit vielen Jahrzehnten absoluter Standard sind und ohne die niemand ruhig schlafen könnte. Von daher ist die Situation zumindest in Bayern viel, viel besser. Aber wer weiß, wie sich die Situation weiter entwickelt.

    Ich hab Wasserburg in den 70ern noch nicht gesehen, dafür bin ich zu jung, aber wenn ich mir den Dokumentarfilm von Wieland aus dem Jahr 1975 anschaue:

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    dann wäre mir der damalige Zustand schon lieber... auch damals waren einige Fassaden schon farbig, aber bei weitem nicht so knallig und perfekt renoviert wie heute. Wobei man aber sagen muss, dass Wasserburg durchaus auch einige Häuser mit Patina hat, ein bisserl spürt man die Alterswürde schon.

    Die Fassaden sind mir an sich zu bunt, etwas zurückhaltender würde mir besser gefallen (diese bunten Anstriche stammen eh erst aus der 2. Hälfte des 20. Jhs, vorher waren die Fassaden überwiegend grau). Mir gefällt aber die wuchtige und archaische Architektur, die eine sehr eigenwillige und beeindruckende Atmosphäre schafft. Außerdem ist die Lage in der Innschleife sehr malerisch.

    Ich werde heuer nach Wasserburg fahren, dort sind zwei Führungen, die mich sehr interessieren und auch sonst noch ein paar nette Veranstaltungen. Ich war zwar erst vor ein paar Tagen dort, aber ich finde, man kann nicht oft genug nach Wasserburg fahren :)


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    Die von dir angesprochenen "Stadtpalais" sind aber Bürgerhäuser und keine Adelspalais, nehm ich an, oder? Gab es in den Schweizer Städten überhaupt nennenswerten Adel?

    Danke für die schönen und interessanten Bilder!