Beiträge von ursus carpaticus

    Das Feld ist uferlos. Manche Rathäuser wurden abgerissen und später relativ außerhalb neu gebaut - etwa Landeshut /Schlesien. Manche Städte in NÖ haben das Rathaus gar nicht am Platz stehen, wie Horn oder Eggenburg. Wien ist da auch ein Sonderfall - das Alte Rathaus befindet sich in einer engen Straße. Großstädte sind da überhaupt unberechenbar. In Nürnberg oder Würzburg sind die Rathäuser auch nicht am Hauptmarkt. Auch Regensburg ist so ein Fall. Bamberg mit dem Brückenrathaus ist völlig absurd. Das Passauer Rathaus steht auch irgendwo abseits am Fluss. Salzburg ist ganz ähnlich.

    Auch das (kriegszerstörte) Znaimer Rathaus stand ZWISCHEN den beiden Stadtplätzen. Das Kremser Rathaus steht an keinem zentralen Platz, denn Krems hat keine solchen - anders als die Zwillingsstand Stein - dafür aber an der Hauptstraße. In etlichen Städten steht das Rathaus in einem späteren Erweiterungsgebiet und verlieh dort einem neu gegründeten Platz die Bedeutung als neues Zentrum: St. Pölten.

    Interessant im Sinne des Strangerfinders ist auch Mühlhausen in Thüringen, wo das Rathaus ganz versteckt ist.

    Wie gesagt, das Feld ist weit...

    Versuchen wir es systematisiert: Ostdtld (bis incl. Sachsen, Brandenburg): Rathaus immer am (bzw auf dem) Platz.

    Südostösterr. (Kärnten, Stmk): ditto. NÖ: eher auch, Ausnahmen. OÖ: eigentlich immer. Alpengebiet: mitunter fehlen zentrale Plätze, dementsprechend kein einheitliches Bild. Böhmen/Mähren: immer am Ringplatz, nur wenige Ausnahmen. Bayer. Städte mit Straßenmärkten: eigentlich auch immer. Alte, verwinkelte Großstädte: keine Regel.

    Hessen: eigentlich immer am Markt, so klein dieser auch sein mag (so weit mir bekannt). Ähnl. Niedersachsen.

    Was soll man sagen, Zeno? Dass man in Franken in Sachen Stadtbildpflege offenbar unfähig ist? Kaum ein Gebiet in D, das so beanstandbar ist, sogar Bamberg hat schwere Wunden. Diese Fürther Verunstaltung war mir bekannt, ich denke aber, der Platz ist immer noch recht schön - das soll diese "Sanierung" nicht schönreden. Aber diese schiachen Häuser - sie entsprechen ziemlich meinem so innig geliebten Wiederaufbau"stil" - stehen doch gewissermaßen außerhalb, ja sorgen für eine gewisse Abgrenzung des Ensembles.


    vgl dieses Musterbeispiel:


    slavonice_poz.jpg


    nämlich jenes die Renaissance-Zeilen sprengende Schulgebäude. Innerhalb einer Zeile wäre die Wirkung viel zerstörerischer.

    Zeno, keiner hier befindet sich in einer Endlosschleife. Man wird doch noch auf die Inkonsequenz von Haltungen hinweisen, die für Stadt A was fordern und eine entsprechende Verwirklichung in Stadt B ablehnen. Das ist alles. Wenn man jeden halt so dahingeworfenen Nebensatz aufblähen will, könnte man trocken einwerfen: quod erat demonstrandum - Dass mir dieses Thema so nahegeht, ist eher natürlich, denn das waren ja dereinst wunderbare Städte, deren Verlust eben schwerwiegt. Aber eben auch denen, die diesen schönreden...

    Aber das gehört ja nicht hierher. Sonst hast uns nix mitzuteilen über das in Frage stehende Mingener Projekt, dass immerhin an die 95% meines Postings ausgefüllt hat? Gfallts dir oder gfallts dir nicht?

    Ich hab mich geautet: mir gfallts nicht schlecht.

    Da gibt es derer einige, zumindest unbewusst. Im Ergebnis mögen die nicht, wenn da nachträglich herumgewerkelt wird, sei es in Ulm oder auch hier in Minga.


    Wer hat behauptet dass im Frankenland „alles richtig gemacht wurde“?

    Das hat in der Tat wer behauptet, noch im APH. Ich weiß nicht mehr, ich hab einen Verdacht, aber das reicht nicht, ich kann mich da sehr gut irren. Es lautete ungefähr so: Aber imgrunde unseres Herzens wissen wir ganz genau, dass unser fränkischer Weg der richtige war oder auch: dass wir alles richtig gemacht haben. Jedenfalls keine Erfindung von mir. Philon hat da vehement dagegen Stellung bezogen.

    Um ein anderes, damit natürlich nicht vergleichbares Beispiel zu nennen: ich weiß nicht, was zB Riegel meint, dass man mit einfachen Mitteln die heutigen Theresienplatzhäuser in Nürnberg qualitativ in Richtung Altstadttauglichkeit verbessern könnte. Meiner Meinung nach ist das unmöglich. Aber hier scheint mir in der Tat ein solcher Versuch gelungen. Ich versteh nur nicht, warum das eine so mit hellrosa Leuchtbrille gesehen wird und das hier so runtergemacht wird. Die gründerzeitlichen Proportionen sind doch gewahrt, und mehr will diese Fassade gar nicht sein.

    Oder stört sich wer daran, dass die Malereien "reine Renaissance" suggerieren? Das wäre immerhin ein Ansatz. Mich stört das aber sicher nicht. Auch wenn es eigentlich nicht passt, aber diese Spannung hat etwas Reizvolles.

    Weiß nicht, was alle ham - es ist doch eine handwerklich äußerst gediegene Arbeit, die ihre städtebauliche Aufgabe voll und ganz erfüllt. Welches "Ergebnis" überzeugt denn so richtig? Mal abgesehen von gewissen Wiederaufbau-Mekkas im schönen Frankenland, wo alles richtig gemacht wurde und wird?

    Die gesamte Straßenflucht erfährt eine beträchtliche Aufwertung. Und warum soll man dieses "Experiment" nicht "wiederholen"? Bleiben für den 60erJahr-Puristen von heute ansonsten zu wenig glatte Fassaden über?

    Abgesehen von allem anderen, glaub ich nicht einmal, dass das besonders billig ist.

    Sieht jedenfalls nicht so aus.

    Nur, als einziger Kritikpunkt, hätte man die Fenster schöner machen können, nicht so verspiegelt und mehr gegliedert. Aber auch damit kann man leben.

    Was ist eine "schlesische Stadtanlage?" "Brandenburgisch" bzw "Böhmisch" sagt mir nicht viel, das scheint mir nicht so umrissen. Wahrscheinlich versteh ich auch von Brandenburg zu wenig. Die seinerzeitige APH- Galerie wurde nicht weitergeführt bzw auf ostdt. Gebiete erweitert. Bleiben wir lieber bei schlesisch, hier ein klassisches Beispiel:

    Stadtplan


    Ein großer Ring mit Rathaus (in der Platzmitte!) und Mittelblock, von in die Hauptrichtung zwei Hauptstraßen auslaufen, zunächst parallel, und dann keilweise zusammenführend, was oft "Niedertor" genannt wird.

    Luckau kann man da noch gut gelten lassen, wenn man den Block zwischen Ring und Langer Straße zum Ring zählt, Görlitz/Zittau eher nicht, das scheint mit dieser Doppelplatzanlage ein spezifisches Lausitzer Phänomen zu sein. FFO hat dieses Schema eventuell aufgewiesen, ist aber bekanntlich baulich untergegangen. Dieses erstreckte sich auch nach Böhmen, zB Glatz, Braunau.



    Der eher phänotypische Hauptunterschied liegt darin, dass die Plätze in Böhmen idR frei gehalten wurden. Es gibt natürlich bedeutende Ausnahmen, aber die sind eher inselartig ("Kretzl") oder beschränken sich auf Einzelbauten wie Rathäuser, seltener (Pilsen) auch Kirchen. Im Süden bilden sich oft mehrere Plätze heraus, dies wohl schon nach NÖ Vorbild (Zlabings).


    In Cottbus war der Phänotyp eindeutig schlesisch, so wie es heute eher böhm. ist - Rathausblock in der Mitte, typ. spätbarocke Giebelhäuslein auf kleinen Parzellen, Backsteintürme als Dominanten...

    Die eigentliche schlesische Struktur mit dem Neumarkt ist ziemlich verwaschen, wenn sie überhaupt jemals vorhanden war.

    Ich seh s auch so.


    Zwar ist diese Ansicht schön:


    image005_3.png


    Aber das trifft auch auf den Istzustand zu. Und überdies:

    Wieviele Rathäuser würden weit dringlicher einer Reko harren?


    1280px-Anklam-1840-Rath-03.jpg


    Anklam. Inmittten der heutigen Leere täte das echt gut. 1842 ließ die Stadt das Rathaus abreißen, ohne zuvor einen Ersatzneubau geplant zu haben.

    1920px-Altes_Rathaus_Marktplatz_Palais_Neubrandenburg.jpg

    Neubrandenburg - kein Kommentar nötig!

    Und hier das allerschmerzlichste: Brandenburg, Neustädtisches Rathaus.

    Das Neustädt'sche Rathaus zu Brandenburg


    Von Halle/Saale redn wir erst gar nicht!

    Auch die Stadt Cottbus wurde im II. Weltkrieg arg hergenommen, jedoch anders als so viele unglückliche Städte östlich von Berlin nicht völlig zerstört. Ihr Platz zählt auch heute noch zu den schönsten im Osten.


    Wobei es mit diesem letzten Satz so eine Sache ist - auch heute noch - oder: nur heute?


    Imgrunde handelt es sich bei Vorher und Danach um zwei Platzkonzepte:



    +Datei:Cottbus 07-2017 img23 Altmarkt.jpg





    Vorher stand da ein Komplex aus "Neuem" und "Altem" Rathaus, mit einem hübschen Turm in der Mitten, dessen W-Fassade mit einem nicht unoriginellen, aber ästhetisch doch ein wenig riskanten Historismus-Giebel mit expressionistischem Anhauch versehen war:


    Yyj8GPS-FC2Oe0xVSLngENEn-q2Uaf2JJ0mgHAx8p1oE_9AZgxwdK8M0g0CjQkvZBeFwVZFukxGJ6920rpqufAPdCXPV5mVLSVzD3T4Qfr5A8Od0KYYa1omEu_Frna8cMiNREaT44DGC


    Blick von weiter hinten:

    aus dem APHNeugestaltung Altmarkt Cottbus « Nagler und Dieck


    Hier hamma das markante links angeschnittene historistische Haus als wichtige Orientierungshilfe, und die brauchen wir jetzt!!!


    Ich klau daher zur Sicherheit mal ein Bild von Villa1895 aus dem APH:

    31438-neu-dsc0251-jpg


    damit jeder schnallt, worum es sich handelt.


    21987248924_e087a3a59e_k.jpg



    Cottbus ist dabei kein einzigartiges Phänomen. In etlichen schlesischen Städten wurde das Rathaus in der Mitte abgerissen bzw ist eingestürzt, ohne dass dies als fehlend empfunden wird: Waldenburg, Friedland, Landeshut...

    In Böhmen hat man idR gleich auf die Platzbebauung verzichtet und das nicht ganz ohne Grund...


    Hier übrigens ein interessantes Zerstörungsbild:






    Bilder 2020 - Kulturland BrandenburgKulturland Brandenburg



    Die hier angeschnittene arg zerstörte Westseite des Platzes wurde übrigens recht anständig ersetzt:



    pictures from above old church square photo view market photos von aerialview aerial fotos aerialphoto nicolai der cottbus oben blick bilder oldmarket nikolaikirche luftbild oldmarketsquare luftaufnahme lausitz altmarkt vonoben luftfoto nicolaichurch picturesfromabove photosfromabove bildervonoben nicolaichurchcottbus nikolaikirchecottbus cottbusaltmarkt fotosvonoben


    Es ist natürlich klar, dass in diese Gegenrichtung das Alte Rathaus deutlich mehr fehlt:

    Man merkt, dass der Westteil des Platzes schon vor der Zerstörung moderner war, dass man, vielleicht ausgehend vom wuchtigen Rathaus, auf die Bewahrung des alten Platzbildes weniger wert legte.


    Cottbus_Marktplatz_mit_Rathaus.jpg?ssl=1


    Was soll man dazu sagen? Reko oder nicht?

    Przemyśl besitzt einige sehenswerte Bauten, die ein gutes Panorama ergeben. Wie so oft in Polen ist die nähere Befassung indes enttäuschend.

    Przemyśl rentals for your holidays with IHA direct


    Der Ringplatz wirkte bei meinem Besuch vor über zehn Jahren uferlos:




    Sprzedam dom : Przemyśl , ulica rynek Rynek, 831 m2, 1889000 PLN, 12 pokoi  - Domiporta.pl

    wenngleich er schöne Ecken aufwies:

    przemysl_rynek07-1024x683.jpg

    vor allem aber dieses:




    Przemyśl


    Tja...,

    diese schöne Zeile im Zuammenhang gesehen:

    272327.jpg



    ein herrliches Platzbild, ist man geneigt zu sagen...

    Ja, beim A..., Herr Karl, wie der Wiener entgegnen würde.

    Man beachte die ganz rechts angeschnittene Brandmauer. Dort hört es nämlich auf...


    Rynek w Przemyślu – Przemyśl – atrakcje turystyczne - Tropter.com



    Widok na rynek - Przemyśl. Zdjęcie nr 57 / 109


    Rynek w Przemyślu - Polskie Szlaki


    Ganz offensichtlich fehlt hier was.


    Przemysl - Rynek | Kamera Live! | on-line


    [Obrazek: 7r.jpg]


    Nun, diese Visu scheint noch sciene fiction zu bleiben. Aber immerhin wurde diese hässliche Baulücke auf der Oberen Platzkante geschlossen, und zwar mit zwei Laubenhäusern:



    Przemyśl, Kamery internetowe, kamerki online, Przemyśl na żywo, webcam


    Arkasse hatten wir in Budweis zwar schon bessere, aber immerhin...


    Wahrscheinlich wäre eine Reko dieses visualisierten Rathauses für die Wiedergewinnung des Stadtraumes wirklich unentbehrlich...


    Mir will indes scheinen, dass der Platz nach Norden hin sozusagen verdoppelt worden ist. Die Südhälfte wäre wunderbar quadratisch und dazu von alten Parzellen bzw Häusern gesäumt. Es scheint, dass die Ostzeile einfach weggerissen worden wäre, was indes sich nicht mit obiger Visualisierung vereinbaren ließe.

    Jetzt rächt es sich, dass wir keine Genies wie Rastrelli im Forum haben.


    Pokoje Gościnne

    Na ja, da hast du wirklich nicht zu viel versprochen, und ich muss meine vorschnell gefasste Meinung revidieren. Eine sehr "urbane" Altstadt. Aber die Klein- und Großstadtkategorie pflegt in deutschen Altstädten ohnedies zu verschwimmen.

    Die mittels Stiegen erhöhten Laubengänge erinnern ein wenig an Schlesien, dh wahrscheinlich wird es eigentlich eher umgekehrt sein...

    BOLKENHAIN/ BOLKÓW- LAUBEN am Markt (Schlesien) 1928 - EUR 8,45 | PicClick  DE


    Oder auch hier rechts:


    Untermarkt_23_4_1813_Koenig_Friedrich_Wilhelm_III.jpg

    diese bemühten Orientalismen haben oft (jedenfalls hier!) etwas sehr Unschön-Plumpes an sich (weshalb ich auch der Hamburger Syngogenreko nicht sehr begeistert gegenüberstehe). Fast kommt es mir "drauf angelegt" vor. Man vergleiche damit die zwanglose Eleganz der "üblichen" Neostile.

    An sich könnte man meinen, dass die Neue Mitte keinen Traditionalisten so richtig kratzen würde: Moderne wurde durch Moderne, Mist durch Mist ersetzt.

    Indes verkennt diese Sicht, dass die NM ein Wiederaufbaukonzept verdrängte, das bei etlichen hier das ungefähre Ansehen einer wirklichen Altstadt genießt.

    Darum scheint es in Wahrheit zu gehen: der Disput um die NM ist ein Disput über den wahren Wert des Wirtschaftswunder-Wiederaufbaus bzw über den Verlust von Wirtschaftswunder-Stadträumen.

    Wäre die Neue Mitte anstelle einer veritablen Altstadt errichtet worden - dieser Disput hätte kaum heftiger ausfallen können.

    IMG_0799_sil.jpg

    Hier auf diesem Bild prallen diese Welten aufeinander. "Alte Häuser", noch mit Dächern (das einzige "echte", bloß angeschnittene Beispiel kann hier außeracht bleiben) und klar angeordneten Fensterachsen versus einen Solitär, der sich um derlei einen feuchten Dreck schert. Früher ein ungetrübter Blick auf diese Wiederaufbauidylle vor den Dominanten der Altstadt, heute alles verwinkelt und verdeckt.

    2 Konzepte, 2 unterschiedliche Zeiten, 2 Schichten.

    Meine tiefe Geringschätzung, ja Verachtung für diesen "klassischen" Wiederaufbau"stil", in Ulm gottseisgelobt keineswegs omnipräsent, der in meinen Augen althergebrachte Formen eher verunglimpfte als aufgriff, ist wohl bekannt (notabene: es gibt in Ulm sehr wohl Beispiele eines einfühlsamen, formbewussten Wiederaufbaus). Mich interessiert hier das für mich neue, ungewohnte Phänomen, dass dessen in meinen Augen zwischen günstigstenfalls Belanglosigkeit und zumeist Geschmackslosigkeit angesiedeltes Erscheinungsbild durch diese nunmehrige Gegenüberstellung mit Architektur, die wenigstens diesen Namen verdient (ohne dass sie es verdiente, in den Himmel gehoben zu werden), deutlich abgemildert erscheint, ja zu an und für sich völlig ungerechtfertigten Ehren kommt. Tatsächlich entsteht hier so etwas wie das Gefühl eines "Bruches"- da Altstadt- dort "Moderne". Diese Platzhalter der 50/60er-Jahre erfüllen plötzlich so etwas wie eine wirkliche Funktion, so etwas wie "Altstadt" zu repräsentieren.

    Gerade Verfechter dieser früheren "Allerweltstradition" sollten der Neuen Mitte doch daher dankbar sein, dass deren höchst beschränkte Vorzüge plötzlich so nach oben gekehrt werden...