Dachziegel

  • Im Thread "Muldental" kam die Sprache auf in der DDR verbreitete GELBE Dachziegel:


    Das Rittergut Kössern war noch vor wenigen Jahren in einem traurigen Zustand.


    Einiges ist noch zu tun. Die typischen gelben Ostdachziegel stören das Bild erkennbar.


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    Kössern


    Während am Gasthof Hirsch gewerkelt wird..


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    ... Mal eine Frage zu den seltsamen gelben Ziegeln, wie auf dem Gasthof zum Hirsch zu sehen: was ist das für Material? Sind die gelb glasiert, oder aus gelbem Ton, oder noch was anderes? Aus der Nähe "in echt" habe ich noch nie so einen Ziegel gesehen, daher meine Frage.

    Aha, aus gelbem Ton also.

    Sehr ungewöhnlich auf jeden Fall, denn überall sonst wurden Dachziegel aus rotem Ton gemacht.

    In der Ostschweiz habe ich schon ab und zu bei Bauten aus der Zeit um 1880/1900 Biberschwanzziegel aus gelbem Ton bemerkt, die heute alle ziemlich dunkelgrau/braun sind. Ich denke, das war eine Mode in jener zeit, als die Vielfalt an verschiedenen Materialien sehr gross war. Diese Ziegel halten auch heute nach über hundert Jahren noch gut, genau wie die üblichen roten. Ich empfinde sie allerdings als ein bisschen poröser und demnach auch leichter als die üblichen roten Dachziegel.


    Das war auch die Zeit, als glasierte Dachziegel angeboten wurden. Von meinem Fenster aussehe ich auf der gegenüberliegenden Hangseite ein Haus mit grünen Falzziegel, das mir schon als Kind aufgefallen ist. Allerdings habe ich bis heute noch nie nachgeschaut, ob diese grün glasiert sind oder aus grün eingefärbtem Ton bestehen.

    Dagegen, dass es sich bei den gelben Bieberschwänzen um eine Mode gehandelt hat, spricht die Tatsache, dass praktisch von einem Tag auf den anderen wieder rote Ziegel Verwendung fanden. Auch die praktisch neuen gelben Ziegel wurden am Leipziger Neuen Rathaus schnell gegen rote Ziegel ausgetauscht. Und da man wieder den Würzburger Stein beschaffen konnte, wurden die letzten Kriegsschäden behoben. ...

    Diese Dächer des Vierseithofes (s. vorletzten Beitrag) sind eigenartig gedeckt.

    1. Sind Schieferdeckungen um Leipzig herum bekannt?

    2. Schieferdeckungen bestehen in der Regel aus gleichgrossen Schieferplatten. Hier aber wurde aus unterschiedlich grossen Platten eine Deckung erreicht. Ich kann mir vorstellen, dass jahrhundertealte Schieferdeckungen so aussahen. Irgendwie passt sie zum einen Fachwerkhaus (das zwar wie eine Rekonstruktion aussieht), aber beim barocken Mansarddach sieht sie schon gesucht aus.

    Zitat von Stahlbauer

    Die DENKMALSCHMIEDE HÖFGEN wurde von einem kunstsinnigen Physiker als Ruine entdeckt und wieder aufgebaut.


    Schiefer ist an der Mulde kein gewöhnlicher Baustoff. Das wird wohl eher "Kunst" sein.

    Nochmal zu den Dachziegeln:

    die grünen sind mit Sicherheit grün glasiert, denn solche habe ich mal bei einem Dachdeckerbedarf ausgestellt gesehen (sie finden manchmal für gemustert belegte Dächer Verwendung). Blau glasierte Dachziegel waren um die Nullerjahre mal bei einigen Einfamilienhäusern Mode; die grün glasierten eher bei "historistischem Mittelalterambiente" und auch Jugendstilbauten, jedenfalls sind sie mir in diesem Zusammenhang schon aufgefallen.

    Bei "preußischen" Backsteinbauten zwischen etwa 1850-1890 fanden immer wieder gelbe Backsteine als Kontrast und Verzierung Verwendung, oft für Bänder aus einer Lage (d.h. die Häuser sind großteils ziegelrot, aber gelb gestreift). Von daher, gelbe Tonwaren gibt es schon lange und wurden auch immer wieder gefertigt. Ich habe auch schon ganze Gebäude in ziegelgelb gesehen, aber die sind recht selten, üblich ist ziegelrot mit ein bißchen gelb.

    Ich nehme an, aus diesen Tonvorkommen wird man dann die gelben Dachziegel gemacht haben.

    Trotzdem bin ich verblüfft, daß man offenbar in der DDR eine Zeitlang vor allem gelbe Dachziegel machte, von woanders kenne ich das nicht.

  • Über die gelben Backsteine gibt es bei Wikipedia einen Artikel: Greppiner Klinker


    Es gab sicher in der Umgebung noch weitere solcher Tonvorkommen, die man dann eher regional verwendete. Hier in Thüringen wurde z. B. in Eisenach um 1900 viel mit den gelben Klinkern gebaut, gelbe Dachziegel habe ich aber hier noch nicht gesehen.

  • Über die gelben Backsteine gibt es bei Wikipedia einen Artikel: Greppiner Klinker

    In Greppin wurden Klinker für Fassadenverkleidungen hergestellt. Die Produktion ist schon seit vielen Jahre eingestellt. Dachziegel hab die offensichtlich nicht hergestellt.

    Die zu Ostzeiten verbauten gelben Dachziegelwaren recht rau, jedenfalls nicht engobiert. Die Bruchflächen waren durchgehend gelb,.


    In "Baustoffkenntnis" von Scholz/Hiese wird als natürliche Brennfarbe für Dachziegel "gelbrot" angegeben. Wird im reduzierten Feuer gebrannt, erzielt man Dachziegel mit graublauer Farbe.


    Allgemein wird beschrieben, dass die Farbe des Brenngutes durch Beimengungen von Metalloxiden bestimmt wird. Ist neben Eisen auch Kalk vorhanden, entsteht beim Brennen ein gelber Farbton.

  • Diesen Strang könnte man zu einem Buch ausweiten!


    Eine spontane Bemerkung zu den Tonfarben, auch wenn sie Backsteine betrifft und nicht Dachziegel: Es gibt auch hellbeige Backsteine, die im Zusammenspiel mit roten Backsteinen beinahe weiss erscheinen. Im Kopf schweben mir einige solcher Fassaden vor, aber es kommt mir spontan keine Adresse in den Sinn. Fotos folgen, sobald ich was finde.

  • auch hellbeige Backsteine

    In Halle (Saale) gibt es Ziegelfassaden, die dem nahekommen. Allerdings ist das eher ein gebrochener Farbton..

    Wie hier als Ausfachung in der Saline.


    1024px-SalineHalle.JPG


    SalineHalle

    User:Iqmanuelnavarro, CC BY-SA 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5>, via Wikimedia Commons


    Oder die Elisabethkirche:


    1024px-2008-01_Halle_%28Saale%29_07_Elisabeth-Kirche.jpg


    2008-01 Halle (Saale) 07 Elisabeth-Kirche

    Ralf Lotys (Sicherlich), CC BY 2.5 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.5>, via Wikimedia Commons

  • In der Rhön waren so in den 1910er bis 1930er Jahren in einigen Dörfern blaue Dachziegel Mode bzw. gerade günstig verfügbar. Vor allem in Unterweid sind immer noch viele Häuser inkl. Kirche mit den Ziegeln gedeckt, die anscheinend nicht glasiert sind und einen schönen changierenden Farbton haben, nicht so auffallend wie die glasierten blauen Ziegeln.


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    Unterweid-1.jpg



    Bevor sich die industriell hergestellten Ziegel durchsetzten, waren hier die Dächer in dieser Art gedeckt. Auf Scheunen und ganz vereinzelt auf Wohnhäusern gibt es noch eingie dieser Dächer in der Rhön, die oft noch aus dem 18. Jh. stammen. Die Zwischenräume der Ziegeln sind mit Strohbündeln (Strohfiedern genannt) abgedichtet, die bei einem Brand brennend umherflogen und andere Dächer ansteckten, weshalb sie Anfang des 19. Jh. verboten wurden.


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    Hier sind die Strohbündel einigermaßen zu erkennen, das Foto habe ich während des Abrisses einer Scheune von 1796 gemacht.


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  • Ein sehr interessantes Thema!


    Im süddeutschen Kulturraum (Baden-Württemberg, Franken sowie Elsass und Schweiz) und in Burgund gibt es diese wunderschönen glasierten Dachziegeln


    Bsp aus Dijon:


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    Basel, das Münster:


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    Thann/Oberelass ebenfalls das Münster:


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  • Colmar, Münster:


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    Kaufhaus:


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    Freiburg altes Kaufhaus:


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    Kirche in Schorndorf:


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    (bei Tübingen gibt es auch Dorfkirchen mit solchen Türmen. Meist blieb es aber beim grün)



    Kirchen in Franken


    Bsp: Meinheim:


    https://c8.alamy.com/compde/ft…n-gunzenhausen-ftjdc8.jpg


    Windsfeld:


    https://www.fraenkisches-seenl…ndsfeld-dorfansicht-4.jpg


    Markt Berolzheim


    https://upload.wikimedia.org/w…tberolzheim.stmichael.jpg


    Und viele weitere.


    In Franken und Schwaben beschränken sich die bunten Dachziegeln also offenbar auf die Kirchtürme!

    Sicher wollte man ein Schieferdach, aber das Geld war zu knapp oder der Rohstoff zu weit weg und als "Ersatz" dann diese wunderschönen bunten Ziegeln.


    Leider habe ich im Internet bisher wenige Seiten gefunden, die sich damit beschäftigen und warum gerade Süddeutschland und Burgund?