St. Gallen - Mauern und Einfriedungen

  • Aha. Also "Problem Hauseingang" nach wie vor ungelöst. Ich meine, so ein Mauseloch ist ja kein Hauseingang. Ein Hauseingang sollte einen freundlich und hell empfangen und durchaus ein wenig einladend und repräsentativ wirken.

    Schade, die seitliche Garagenauffahrt sah auf dem Bild von der Straße so vielversprechend aus.

  • Dufourstr. 71 ist das oberste bergseits stehende Haus an der Winkelriedstrasse. Nach ihm quert das jahrhundertealte Knottergässchen die Strasse, wo auch die ebenso jahrhundertealte Bergstrasse - heute eher ein Treppenweg - einmündet (siehe nächsten Beitrag). Beide sind sehr willkommene Abkürzungen für die Fussgänger ins Stadtzentrum hinunter. Mit der Neuanlage von Strassen Ende des 19. Jahrhunderts erfuhren die bestehenden Strässchen Anpassungen, teilweise auch Verlegungen oder gar eine Aufhebung. So entstand hier eine dreieckige Restfläche, die als Wiesland belassen und mit Bäumen bepflanzt wurde.


    Zuoberst steht auf einem Podest ein sogenanntes "Hydrantenhäuschen". Solche gab es um 1900 viele in der Stadt. Ihrer Funktion bin ich noch nie nachgegangen, aber ich vermute, dass sie etwas mit der Trinkwasserversorgung zu tun haben und wohl auch als Strassenwärtermagazin dienen.



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    Das Knottergässchen (hier als sogenannte 'Schlepptreppe' ausgebildet) zwischen der Winkelried- und Dufourstrasse. Links Dufourstr. 70, zusammen mit Nr. 72 ebenfalls Bauten von Scheier & Dürtscher von 1900.



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    Das Hydrantenhäuschen trug bis um 2000 die Adresse Dufourstr. 67, seither ist es ohne Nummer. In beiden Giebelfeldern ist es mit 1888 datiert, also kurz nach dem Bau der Dufourstrasse ab 1883 und der Winkelriedstrasse ab 1887. Weiter westlich gibt es ein ähnliches Exemplar an der Dufourstr. 106 von 1904 (siehe hier mit ausführlicher Beschreibung).



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    Wiesenbord zwischen der Winkelried- und Dufourstrasse, Rückblick.


    Es handelt sich um die Partie, bei der ich vermute, dass die Strasse hangseitig um etwa 40 cm verbreitert worden ist. Mitte des 20. Jahrhunderts muss eh mal eine Strassenerneuerung auf ganzer Länge stattgefunden haben, denn solche schmalen Randsteine für die Trottoirs kamen erst damals auf. Ursprünglich wurden die Trottoirkanten mit hochkant gestellten Pflastersteinen ausgebildet und daneben eine breite Wasserrinne, ebenfalls aus Pflastersteinen. Die Strasse selbst war ursprünglich gekiest. Die aktuellen Randsteine, das Mäuerchen am Wiesenbord und der Brunnen zuoberst (siehe übernächste Abbildung) sprechen für die 1940er-Jahre.



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    Winkelried- und Dufourstrasse, rechts angeschnitten die Tigerbergstrasse. Links Winkelriedstr. 60 (nach 1960 abgebrochen), Mitte Dufourstr. 71, rechts Dufourstr. 70 und 72. Foto-Ansichtskarte von 1907 von C. Umiker, St. Gallen. Unbekannte Sammlung.



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    Brunnen von etwa 1940 im Spickel zwischen Winkelried- und Dufourstrasse.


    (womit wir nach exakt 59 Jahren wieder am Ziel meines ersten Ausflugs angelangt sind)

  • Nun wieder zur Talseite des Abschnitts Redingstrasse - Dufourstrasse:


    Oberhalb der Abzweigung der Redingstrasse scheint ein Park zu folgen, doch hinter den Bäumen steht der Wohnblock Redingstr. 3 aus den frühen 1970er-Jahren:



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    Abzweigung der Redingstrasse.



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    Redingstr. 3 gegen die Winkelriedstrasse.


    Der Zugang und die Parkierung sind ganz auf die Redingstrasse ausgerichtet, gegen die Winkelriedstrasse hingegen ist die Liegenschaft komplett mittels einer Thujahecke mit Maschendrahtzaun abgeschottet. Früher stand hier die bereits weiter oben gezeigte Villa "Freia":



    Wenn man nochmals das folgende Bild betrachtet, sieht man, wie der Turm der Villa auf den Strassenverlauf unterhalb ausgerichtet war:



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    Rosenberg, Mehrbildkarte, Ausschnitt mit der Winkelriedstrasse und der rechts abzweigenden Redingstrasse. Von links nach rechts: Winkelriedstr. 37, Dufourstr. 73 u. 71., Winkelriedstr. 38 (Villa "Freia"). Im Vordergrund der Garten von Zwinglistr. 10. 1908 gelaufene Ansichtskarte, Verlag G. Metz, Basel.


    Die Liegenschaft erstreckt sich bis zur Einmündung der Bergstrasse und des Knottergässleins. Beides sind jahrhundertealte Wege, welche die Bebauung des Rosenbergs und Neuanlage von Erschliessungsstrassen grösstenteils überlebt haben und heute noch beliebte Fussgängerverbindungen ins Zentrum hinunter sind:



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    Einmündung der Bergstrasse und des Knottergässleins.



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    Einmündung der Bergstrasse in die Winkelriedstrasse von unten. Das Knottergässlein mündet am linken Bildrand ein. Dufourstr. 71 scheint beinahe auf die Bergstrasse ausgerichtet zu sein.



    Die nächsten beiden Liegenschaften werden durch normierte Alu-Brückengeländer begrenzt, wie man sie überall in der Schweiz seit einem halben Jahrhundert praktisch auf jeder Brücke und Rampe sieht. Allein diesen Aspekt assoziiere ich nicht mit Wohnen. Dazu kommt noch, dass zu Winkelriedstr. 60 eine verkehrsgeometrisch gerecht geführte Rampe mit einem ebensolchen Geländer hinunter führt:



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    Winkelriedstr. 60, rechts das Flachdach von Nr. 58.



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    Winkelriedstr. 60.


    Der Vorgängerbau (siehe zweitletztes Bild im vorangehenden Beitrag) wurde nach 1960 abgerissen und hatte eine Ähnlichkeit mit Winkelriedstr. 62. Die verwandtschaftliche Beziehung zwischen den benachbarten Bauten Winkelriedstr. 60 und 62 sowie Tigerbergstr. 21 und 23 müsste mal erforscht werden. Sie sind zwischen 1886 und 1898 erbaut worden.



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    Winkelriedstr. 62, Villa "Bellaria", erbaut 1886 - eine denkmalpflegerisch in allen Belangen vorzüglich gepflegte Liegenschaft!

    Siehe Jahresbericht 2018 der Kantonalen Denkmalpflege St. Gallen (ziemlich am Schluss) und auch "Denkmalpflege und Archäologie im Kanton St. Gallen 1997 - 2003", S. 284.



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    Tigerbergstr. 21 und 23.


    Hiermit wäre eine erste Bestandesaufnahme der Liegenschaftsabgrenzungen an der Winkelriedstrasse mit teilweisen Rückblicken auf die Geschichte zu deren Bebauung zu Ende. Es folgt noch ein Artikel über die Gestaltung der Strassenoberflächen. Eine schöne Fortsetzung wäre jetzt noch die Vorstellung der Zwinglistrasse und Dufourstrasse in diesem Bereich samt baugeschichtlichen Rückblicken, womit die drei wichtigsten Strassen am Rosenberg dokumentiert wären. Dies sprengt aber meinen Zeitrahmen, und ich habe auch noch andere Ideen, die ich hier im Forum verwirklichen möchte.



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    Panorama vom Höhenweg aus auf die Kreuzung Dufour-, Tigerberg- und Winkelriedstrasse mit den Häusern Tigerbergstr. 21 und 23 sowie Winkelriedstr. 62 und 60. 1906 gelaufene Panorama-Ansichtskarte, Verlag Percy Hein, München. Vergrösserung.

  • Zur Oberflächengestaltung der Winkelriedstrasse


    Auf einer der frühesten Fotografien nach der Erschliessung des mittleren Rosenbergs ab 1883 ist im Vordergrund die Zwinglistrasse mit den 1890 erbauten Häusern Nr. 31 und 33 auszumachen. Ich gehe davon aus, dass am mittleren Rosenberg in den 1880er/90er-Jahren alle Strassen gleichartig erstellt wurden, sodass Fotos von der Zwinglistrasse auch auf die Winkelriedstrasse übertragbar sind. Die Fotografie zeigt die 1891 fertiggestellte Unionsbank am Multertor, aber noch nicht die ab 1894 erbauten Häuser Zwinglistr. 35, 37 und 39:



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    Blick von der Dufourstrasse über die Zwinglistrasse (im Vordergrund), Tellstrasse und Schlösslitreppe auf das Bahnhofquartier und die Altstadt. Kabinett-Fotografie zwischen 1891 und 1894.


    Manchmal sind es unscheinbare, ausgebleichte Fotos, die wertvolle Informationen enthalten. Bei dieser Kabinett-Fotografie interessierte mich vor allem das Haus Nr. 33. Mittels eines hochaufgelösten Scans zeigte es sich, dass das immer noch bestehende Haus ursprünglich Sichtbacksteinfassaden mit Mustern drin aufwies. Nebenher gibt der Ausschnitt auch Details zur ursprünglichen Oberflächengestaltung der Zwinglistrasse preis. Dieser Abschnitt gehört zur 1889 erfolgten Verlängerung von der Winkelried- bis zur Dufourstrasse hinauf, nachdem eine erste Etappe von 1884 bis 1886 vom Blumenbergplatz bis zur Winkelriedstrasse als Arbeitslosenbeschäftigung erstellt wurde.


    Die Strasse und das Trottoir bestanden aus Kies. Auf beiden Seiten der Strassenfläche waren mit Pflastersteinen einen halben Meter breite Wasserrinnen ausgeführt, und die Trottoirkante bildeten hochgestellte Pflastersteine. Eine solche Kantenausbildung bestand noch bis in die 1970er-Jahre an der Eichenstrasse und bis etwa 1990 bei grossen Teilen an der Dufourstrasse! In die Trottoirkante integriert waren die Gaslaternen. Die Holzzäune aus Pfosten und Hälblingen wurden jeweils mit dem Strassenbau erstellt. Ein Relikt einer solchen provisorischen Einzäunung hat sich bei Böcklinstr. 4 schon über hundert Jahre bis heute halten können!



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    Ausschnitt aus der Fotografie oben mit Zwinglistr. 33.


    Zwei Fotos aus einer Serie mit Strassenunterhalts- und Schneeräumungsmaschinen zeigen just wiederum die Zwinglistrasse. Sie stammen wohl aus den 1920/30er-Jahren und zeigen den Moment, als die Strasse zum ersten Mal befestigt wurde. Nach dem Flachwalzen des bestehenden Kieskoffers kamen eine oder zwei Schichten mit Bitumen (oder Teer?) und eingewalztem Rollsplitt darauf. Nach einigen Jahren wurde der Vorgang wiederholt, sodass mit der Zeit ein recht dickes Rollsplittpaket anwachsen konnte und die Trottoirkanten runder wurden. Vorgängig wurden an der Zwinglistrasse aber die Trottoirkanten durch schmale Randsteine aus einem harten Gestein ersetzt. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis etwa 1920 waren breite Randsteine üblich; erst mit dem Aufkommen des Bauhauses kann man einen gleichzeitigen Wechsel von breiten zu schmalen Randsteinen feststellen.



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    Strassenbelagsarbeiten an der Zwinglistrasse bei der Einmündung der Melchtalstrasse um 1920/1930.


    Die Trottoirkanten aus Pflastersteinen wurden zuerst durch Randsteine ersetzt und der bestehende Kieskoffer geebnet und gewalzt. Eine Dampfwalze zieht an einer Kette eine kleinere Walze für Feinarbeiten nach.



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    Strassenbelagsarbeiten an der Zwinglistrasse Höhe Nr. 43. Um 1920/1930.


    Nach dem Walzen des Kieskoffers wurde eine Lage Bitumen oder Teer aufgespritzt.



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    Strassenbelagsarbeiten an der Gottfried-Keller-Strasse Höhe Nr. 3. Um 1920/1930.


    Der nächste Schritt anhand einer Fotografie von Arbeiten an der Gottfried-Keller-Strasse: Bei ihrer ersten Besfestigung streut links ein Arbeiter Rollsplitt auf die frische Bitumenschicht. Ob dieser dann sofort auch eingewalzt wurde, weiss ich nicht, aber in den 1960/70er Jahre war dies üblich. Bei diesen späten Strassensanierungen erinnere ich mich noch, dass dieser Vorgang einmal wiederholt wurde. Nach fünf bis zehn Jahren kamen eine oder zwei neue Schichten darüber. Die 1907/08 erstellte Gottfried-Keller-Strasse wies seit Anfang an breite Randsteine und breite, gepflästerte Wasserrinnen auf, ganz typisch für die Jahre 1900 bis 1920. Die Strasse und wohl auch das Trottoir waren gekiest.



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    Schlitteltag des Instituts Schmidt an der Zwinglistrasse, Höhe Nr. 22, nach 1902. Fotograf O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.



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    Die Zwinglistrasse heute.

  • Und wie gemächlich so eine historische Dampfwalze ihre Arbeit verrichtete, sieht man in diesem Video:

    Der Dialekt ist herrlich! :smile: (Ton laut stellen, vor allem ab 1:55)


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