Nürnberg - Fachwerkbauten

  • Burgstrasse 27 (Eckhaus zur Oberen Schmiedgasse)



    MI02565e08b.jpg
    Burgstrasse bei der Einmündung der Oberen Schmiedgasse und Am Ölberg Richtung Südwesten.
    Nr. 27 ist links des Baumes. Vergrösserung
    (Quelle: bildindex.de)



    Trotz der regelmässigen Fensteranordnung ist das Grundgerüst dieses Hauses sehr uneinheitlich, wie die unterschiedlichen Geschosshöhen und auch die Dachflächen mit unterschiedlichen Neigungswinkeln und Ausrichtungen. In der Giebelwand ist ein älterer Sparren sichtbar, welcher auf den Fusspunkt des 3. Obergeschosses zielt, und denselben Neigungswinkel wie die Gegendachfläche hat.


    Es können zwei Fachwerktypen unterschieden werden:


    älteres Fachwerk (15./16. Jh.) mit
    - angeblatteten (?) Fuss- und Kopfbändern
    - unregelmässiger Pfostenstellung
    - enggelegter Balkendecke über dem Eckraum des 1. Obergeschosses


    jüngeres Fachwerk (19. Jh.) mit
    - einfachen Brüstungsstreben
    - geschosshohen Wandstreben


    Ein Vergleich mit dem oben beschriebenen Haus Halbwachsengässchen 1 wäre aufgrund der übereinstimmenden Fachwerktypen angebracht, aber wegen mangelnder Detailerkennung aus den beiden Aufnahmen noch aufgeschoben. Viel mehr Sinn macht eine Hervorhebung des ursprünglichen Grundgerüstes des mutmasslichen Kernbaus, welcher wohl in Etappen aufgestockt worden ist. Auffallend bleibt die eigenartige und unregelmässige Verteilung der Bundpfosten, welche zudem nicht im Einklang mit der Balkenlage stehen.



    burgstr.entz.jpgburgstr.entz.grundgeruest.jpg
    Links: entzerrter Ausschnitt aus obiger Aufnahme; rechts: Eintragung des Grundgerüstes.


  • Auch ich finde keine Antwort, weshalb an der Traufseite nur teilweise Fachwerk freigelegt worden ist. Entweder wurde dort das Fachwerk schon früher durch Mauerwerk ersetzt, oder es war bei der Freilegung sehr schadhaft, sodass man dort auf eine Freilegung verzichtete.


    Dass die Pfosten innerhalb eines Geschosses unterschiedlich stark sind, hängt damit zusammen, dass bei Umbauten möglichst viel brauchbares Material wiederverwendet worden ist. So konnte ohne weiteres ein sehr starker Pfosten dort eingesetzt werden, wo er eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre; Hauptsache, es war ein Pfosten dort.


    Dieses Wiederverwenden von Hölzern habe ich beim Haus Salzgasse 21 in Limburg a. d. Lahn demonstriert; siehe dazu insbesondere auch den Folgebeitrag.


  • Überkreuzte Streben sind in Nürnberg offenbar doch nicht so selten, wie ich anfänglich meinte; offenbar bekam ich diesen Eindruck effektiv von der zufälligen Auswahl der Bilder aus dem Marburger Bildindex.


    Streben (oder sind es Bänder?) *), welche am einen Ende angeblattet, und anderen Ende eingezapft sind, dachte ich auch schon entdeckt zu haben. Ich war mir aber nie sicher, da es meist nicht genug scharfe Photos waren. Zudem ist das Fachwerk hier ziemlich stark überstrichen, oder gar verspachtelt, sodass solche Details nicht mit Sicherheit bestimmbar sind. Wenn man aber die Streben in der Brüstung links betrachtet, so sind diese ebenfalls oben eingezapft und unten angeblattet! Aus diesem Grund habe ich bei Beschreibungen von andern Fachwerkbauten bspw. meist "angeblattete (?) Bänder" geschrieben, wenn ich über die effektive Verbindungsart unsicher war, hingegen von der Verstrebungsart her die Anblattung logisch gewesen wäre. Aber eben - Ausnahmen bestätigen die Regel!


    Beispielsweise ist mir schon beim Grolandhaus aufgefallen, dass ein einziges Fussband im 1. Obergeschoss eingezapft war (ganz links), und nicht wie alle andern angeblattet:


    MI07686b02b.jpg
    Ausschnitt aus dem 1. Obergeschoss des Grolandhauses (Paniersplatz 20) von Osten.

    Vergrösserung (Quelle: bildindex.de)


    Eine Antwort hierzu habe ich keine. Bei Ludwigstrasse 74 würde ich diese Mischform in die Übergangsphase von der Blatt- zur Zapfenverbindung einordnen, und deshalb die Entstehungszeit des 2. Obergeschoss eher ins 16. Jahrhundert als in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts einordnen.



    Versuch einer Rekonstruktion:


    (edit.: dieser erste Rekonstruktionsversuch ist überarbeitet worden, siehe Beitrag vom 26.9.2009)



    ludwigstrasse74-OG2.jpg
    Ludwigstr. 74, 2. Obergeschoss. (Foto: baukunst-nbg)


    ludwigstrasse74-OG2_rek.jpg
    Rekonstruktionsversuch der ursprünglichen Fensteranordnung.



    Zu den Balkenlagen:


    Zitat von baukunst-nbg

    Die Balkenlage unter dem 2. OG ist eng, darüber weit. [...] Ich frage mich ferner, ob die Unregelmäßigkeit in dem Balkenkopf oberhalb des rechten Fensters eine Bedeutung hat.


    Der unterschiedliche Balkenabstand zeigt hier schön an, dass im 1. Obergeschoss die Stube untergebracht war, und im 2. Obergeschoss die Schlafräume.
    Die Unregelmässigkeit am erwähnten Balkenkopf würde ich eher als Schaden ansehen; alle Balkenköpfe haben ja eine unebene Schnittfläche, was darauf hindeutet, dass diese einst fasssadenbündig abgesägt worden sind, als das Haus aufgestockt und verputzt worden war.



    Zum Dacherker:


    Hat man Dacherker in dieser Form noch im 18./19. Jahrhundert verwendet? Er sieht eher nach 16./17. Jahrhundert aus. Vielleicht wurde er bei der Aufstockung wiederverwendet, oder ist ein jüngerer Nachbau?



    *)
    Ist ein Verstrebungsbalken angeblattet, so nennt man diesen Fussband, Kopfband oder Steigband.
    Lange Bänder, welche sogar über mehrere Stockwerke verlaufen können, nennt man auch Schwerter.
    Ist ein Verstrebungsbalken eingezapft, so nennt man diesen Fussstrebe, Kopfstrebe, Wandstrebe oder Brüstungsstrebe.


  • Aus dem Strang "Würzburg" eben aufgeschnappt: klick! (unterste Zeile und Folgebeiträge)


    Anscheinend soll in dieser Burg ein in Nürnberg Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochenes Fachwerkhaus hier "wiederaufgebaut" worden sein. Wenn ich aber die Bilder dieser Burg betrachte, denke ich eher, dass das Haus lediglich als Materiallieferant gedient hatte... jedenfalls kann ich nichts Nürnbergisches daran erkennen. Es wäre aber trotzdem interessant, zu wissen, um welches Haus es sich gehandelt hatte.


    Burg Kreuzenstein / Niederösterreich (vier Bilder auf der vierten Zeile)


    Bild 1
    Bild 2

  • Zitat von baukunst-nbg

    Ich kann mir das irgendwie nicht vorstellen. Ein solches Fachwerk kenne ich überhaupt nicht aus Nürnberg. Ich würde mal gerne mehr nachlesen.

    ursus carpaticus - in welchem Buch ist die Baugeschichte denn etwas tiefgreifender beschrieben?bauk


    Da in Österreich die Neostile bzw Sammelsurien aus dieser Zeit generell über Gebühr verachtet werden, bezweifle ich, dass über Kreuzenstein eine entsprechende wissenschaftliche Aufarbeitung stattgefunden hat.
    Wir müssen uns also selbst ein paar Gedanken drüber machen.
    1) Die Angabe, dass es sich um ein Nürnberger Fachwerkhaus handelt, ist zweifelsohne richtig. Warum hätte Graf Wilczek (wer sonst?) eine solche Mär in Umlauf setzen sollen? Schließlich war das Haus (überhaupt aus damaliger Sicht!) keineswegs ein Prunkstück seiner "Sammlung". mW ist sogar der Name des Hauses überliefert. Werd mich bei Gelegenheit drum kümmern.
    2) muss man die Vorgangsweise des Sammlergrafen berücksichtigen. Ihm ging es sicher nicht um einen getreuen Aufbau des Hauses, sondern um Schaffung seiner Burg "aus so vielem alten Material wie möglich" unter gleichzeitiger Anwendung eigener ästhetischer Überlegungen.


    mE "klappte er das Haus sozusagen auf und integrierte es in eine Steinwand. Alsdann fügte er einige "Verschönerungen" an:
    a) unter den Festern wildwuchernde, kreuzförmige Raster (wohl aus der französischen Fachwerkkunst entlehnt)
    b) den mittigen Giebelabschluss mit vorgezogenem Dach (entlarvendes 19 JH, vor allem bei ländlicher Villen- und Salettarchitektur in NÖ weitverbreitet)
    c) wahrscheinlich setzte er das Ganze auf eine einem anderen (nichtnürnbergerischen) Bau entnommene Konsole mit reichen Schnitzereien.
    Denken wir uns diese 3 Elemente weg - und schwupps haben wir (seitenübergreifend) ein durchgehendes Geschoss einer schlichten, ansprechenden Nürnberger Fachwerkfassade vor uns! (Dass von der Fassade keine größeren Bruchstücke übernommen wurden, schließe ich eigentlich aus. Warum sonst das Ganze, und wer hätte dies sonst ausführen sollen? Bei uns gab es sicher kein diesbezüglich geschultes Handwerk, und das Fachwerk sieht, abgesehen von den unter a) dargestellten Bereich, recht solide gearbeitet aus.)
    Bitte diese Überlegungen zu berücksichtigen und dann alles neu zu überdenken. Vielleicht kommen wir so der Wahrheit ein Stück näher.

  • Zitat von bauunst-nbg

    Ich bin sehr gespannt. Deine Hinweise sind schon weiterführender, aber der Gedanke war wohl der, daß "Nürnberger Fachwerkhaus" generell auch mißverständlich sein könne wie "Wiener Schnitzel". Immerhin war "Nürnberg" ja zur fraglichen Zeit ein Synonym für die mittelalterliche Stadt schlechthin. Es könnte also sein, daß Wilczek seine wohl tatsächlich aus historischen Baumaterialien bestehende Kreation sinnbildlich-romantisierend als "Nürnberger Haus" bezeichnet hat.

    Dagegen spricht freilich, daß Wilczek andere Bestandteile seiner Anlage nach ihren echten Herkunftsorten benannt hat. Außerdem war er - offenbar leidenschaftlicher Sammler - an seinen Objekten wohl wirklich interessiert.

    Es bleibt also spannend, und ich freue mich auf die Lösung, vor allem, von welchem Nürnberger Haus die Teile stammen.


    Ich glaube zwar schon, dass es etwas mit einem echten Nürnberger Fachwerkhaus an sich hat. Aber nachdem ich mal versucht habe, das Fachwerk genauer zu beschreiben, bleibe ich bei meiner Meinung, dass ein solches nur als Materiallieferant gedient hatte.


    Aber weshalb hätte dann der Bauherr Graf Nepomuk Wilczekin soweit entfernt altes Holz einkaufen sollen? Hatte er zuerst effektiv gedacht, dieses abgebrochene Nürnbergerhaus 1:1 in seine Burgenprojekt zu integrieren, später aber die Idee fallen gelassen, weil es nicht ins Konzept passte? Oder interessierten ihn Bauteile davon, z.B. geschnitzte Balken? An das glaube ich wiederum weniger, da das Nürnberger Fachwerk wenig bis überhaupt nicht beschnitzt ist.


    Auf diesem Bild erkennt man verschiedene geschnitzte Balken:
    - die beiden Fratzen sind noch in so gutem Zustand, sodass ich sie für eine Neuschöpfung des späten 19. Jahrhunderts betrachte
    - Die Schwelle mit Rankenwerk - ein wiederverwendeter Balken aus einem Innenraum? An einer Aussenfassade habe ich in Nürnberg sowas noch nie angetroffen
    - Das Füllholz mit zwei Eselsrücken - kenne ich so im Fachwerkbau nicht (vielleicht in niedersächsischen Fachwerk?). Oder sind dies Bretter eines ehemaligen Wandtäfers? Als oberen Abschluss sieht man häufig solche Eselsrücken
    - geschnitzter Eckpfosten - im alemannischen Fachwerk nicht üblich, eher im fränkischen Fachwerkbau


    Dann habe ich versucht, die Verstrebungsart zu eruieren. Auf diesem Bild erkennt man Fussstreben, welche bis zum Halsriegel (= Sturzriegel) reichen. Unmittelbar darüber setzten kleinere Kopfstreben an. Diese erinnern mich eher an die Fränkische Bauweise als denn an die Nürnbergische (oder Alemannische) Bauweise. Zudem bestehen einzelne Streben nur zwischen Brust- und Halsriegel, was konstruktiv völlig sinnlos ist. Auch die Zierfachwerke in den Fensterbrüstungen passen nicht zueinander: gebogene Fussstreben, Andreaskreuze, Andreaskreuze in Kombination mit einer Raute... Ein völliges Sammelsurium, wie es ja dem ganzen Schloss eigen ist! Obwohl es sich also um ein Fantasiefachwerk handelt, welches weder zeitlich noch stilistisch eingeordnet werden kann, wirkt es sehr malerisch.


    Ich vermute also, dass Graf Nepomuk Wilczekin auf Vorrat ein Abbruchobjekt in Nürnberg für sein Burgenprojekt aufgekauft hat, seine Idee eines Wiederaufbaus aber nicht umsetzen konnte, sodass von diesem Haus heute nur noch wiederverwendete Balken existieren.

  • Hab mir bei Mag Lenhart folgende Infos geholt:
    Über dieses angebliche Nürnberger Haus gibt es keine konkreten Infos. Wenn tatsächlich "früher" ein konkreter Name eines abgebrochenen Hauses angeführt wurde, liegt es daran, 'dass früher viel erzählt worden sei'. Das Fachwerk sei natürlich nicht echt, sondern vorgeblendet (was wohl aufgrund der Bilder klar erscheint).
    Tatsächlich sei also alles ungeklärt.
    Tut mir leid, dass ich unreflektiert der früheren, auch mich ereilt habenden lokalen Überlieferung gefolgt bin.

  • Das muss Dir doch nicht Leid tun... Jedenfalls gab es eine Diskussion darüber, für das ist ja dieses Forum da. Und wir konnten auch ein Beispiel am hier erarbeiteten Strang nachprüfen und als "nicht-Nürbergisch" oder "nicht-mehr-Nürnbergisch" entlarven...


    Was Überlieferungen betrifft (auch schriftliche); da bin ich speziell bei solchen vom Ende des 19. Jahrhunderts sehr kritisch! Es war die Zeit, als der Historismus und die Burgenromantik aufkamen. Da ist sehr vieles fantasiert, ausgeschmückt oder romantisiert worden... Ein wahrer Kern ist meistens da, aber man muss ihn nur richtig interpretieren.


    Das Fachwerk auf Burg Kreuzenstein sehe ich übrigens als echt an, ich sehe da nichts Vorgeblendetes.


  • Die Fassaden von Schloss Neunhof wären es sicher wert, genau aufgezeichnet zu werden. "Genau" heisst hier nicht masstäblich genau, sondern in Skizzenform mit allen Details, was für die Erforschung der Baugeschichte schon genügen würde.


    Das Fachwerk scheint hier schon sehr früh in grossen Teilen erneuert worden zu sein; jedenfalls zu einer Zeit, als noch mit Sichtfachwerk gebaut wurde, und nicht erst im 18./19. Jahrhundert. Es ist vorauszuschicken, dass unter dem Verputz des 2. Obergeschosses auch Fachwerk schlummern dürfte.


    Als Grundgerüst erkennt man eine Stockwerkskonstruktion mit kurzen, angeblatteten Fuss- und Kopfbändern an allen Pfosten; als Bauzeit vermute ich 15./16. Jahrhundert (im Web ist praktisch nichts über die Baugeschichte des Schlosses zu finden, nur das Baudatum "1503" habe ich als Entstehungsdatum der beiden Querhäuser gefunden). Das Fachwerk innerhalb der Rahmen (Schwellen, Pfosten und Rähme) dürfte dann im 17. Jahrhundert vollständig ersetzt worden sein. Was den Anlass dazu gab, ist mir völlig schleierhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nach 100 bis 200 Jahren ein Fachwerk in so schlechtem Zustand war, dass dieses ersetzt werden musste; da wird es noch andere Gründe gegeben haben. Von dieser Bauphase stammen die stärker geneigten Fussstreben, welche überdies eingezapft sind. Dadurch erhält man den Eindruck von doppelten Fussstreben, was natürlich nicht beabsichtigt war.


    Auch heute scheint das Fachwerk nicht in guten Zustand zu sein, wenn man die Ecken auf Schwellenhöhe betrachtet, welche teilweise willkürlich verputzt sind. Auch sind alle Büge, welche die Auskragung unterstützen, verputzt.


    Die liegenden Dachstühle gehören nicht zwingend zum Kernbestand. Jedenfalls erkennt man auf dem zweiten Bild, dass das Giebeldreieck vollständig aus erneuerten Balken besteht. Beim linken Giebel gibt es zudem einige Fehlstellen in der Konstruktion.


    Die angesprochenen Verjüngungen an den Pfosten im dritten Bild sind mir auch nicht erklärbar.


  • Mehrere Blattsassen kann man aber auch an der Giebelseite erkennen, z.B. aus der zweiten Photographie des ersten Beitrags:


    neunhof-schloss-2.jpg
    Bild: baukunst-nbg


    Im rechten Eckpfosten sieht man die Blattsassen eines Fuss- und eines Kopfbandes. Auch auf allen Abbildungen des obenstehenden Beitrags kann man in allen Schwelle weitere Blattsassen erkennen, welche hinweisen, dass die Pfosten offenbar mit doppelten Fussbändern ausgesteift waren! Ob die Verjüngungen in den Pfosten der Traufseite damit in Zusammenhang stehen, ist mir aber weiterhin unklar.


  • Das Dach hat in der Tat eine ungewohnte Form. Seine Neigung und das unverstrebte Fachwerk der Giebelwand deuten auf das 18./19. Jahrhundert. Auch das grosse Zwerchhaus ist wirklich ungewohnt. Hier K-Streben, und an den Fassaden x-Streben - auch dies deutet darauf hin, dass der Quergiebel jünger als die Vollgeschosse, aber älter als das Dach ist.


    Zitat von "baukunst-nbg"

    Seltsam auch, daß neben dem Eckpfosten traufseitig mit kleinstem Abstand nochmals Pfosten folgen.


    Das sind doch die Regenabflussrohre... grins. Bei Prechtelsgasse 10 ist mir derselbe Fehler auch mal passiert, als ich die Fassaden durchzeichnete.

  • Am Ölberg 1



    Mit der Vorstellung dieses Hauses möchte ich einen vorübergehenden Abschluss unter die Gruppe der gotischen Bauten setzen. Die gotischen Fachwerkbauten werden charakterisiert durch die Verstrebung mit Fuss- und Kopfbändern, sowie oft durch Fenstererker. Als Abschluss dieser Entwicklung sehe ich die Verstrebungsform mit überkreuzten Bändern an. Die Frage, ob diese als Einfluss des fränkischen Fachwerks oder als hiesige Eigenentwicklung zu werten ist, bleibt noch offen.


    Die nächste Stufe war die Verstrebung mit K-Streben, welche ich wiederum als typisch Nürnbergisch betrachte. Bei (Neu)-Bauten mit K-Streben sind die Fenstererker wahrscheinlich verschwunden. Bis hierher haben wir nun einige Gebäude kennengelernt, und nun interessiert mich die Fortsetzung (siehe Liste der Verstrebungsformen), da offenbar ein radikaler Wechsel erfolgte.



    MI02565e08b.jpg zoom.gif
    Burgstrasse (links) bei der Einmündung der Oberen Schmiedgasse (Mitte) und Am Ölberg (rechts);
    rechts des Baumes Am Ölberg 1. Blick von Nordosten. (Quelle: bildindex.de)



    Mit Am Ölberg 1 möchte ich mich an eine zeichnerische Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes herantasten. Es war ein Fachwerkhaus, welches wahrscheinlich noch aus dem 15. Jahrhundert stammte und 1944 zerstört wurde. Veränderungen hat es nicht in so grossem Mass wie die meisten anderen Bauten erfahren, sodass man sich an ihm eine gute Vorstellung eines Hauses aus gotischer Zeit machen kann. Auf das Haus habe ich schon im Folgebeitrag zur Beschreibung des Hauses Obstmarkt 1 hingewiesen, mit welchem es grosse Ähnlichkeiten besass. Dort war eine Frage betreffend des Giebeldreiecks aufgetaucht, und durch den Vergleich mit Prechtelsgasse 10 und Am Ölberg 1 wurde versucht, eine Antwort zu finden.



    Beschreibung


    Von Ölberg 1 standen mir nur Aufnahmen der Giebelfassade zur Verfügung (sicher wird es auch Aufnahmen der Trauffassaden und evtl. Grundrisse geben), aber für einen Rekonstruktionsversuch sind noch mehr Kenntnisse über das Haus erforderlich.


    Das Haus stand auf annähernd quadratischen Grundriss, und lag mit seinen Traufseiten im Süden gegen die Obere Schmiedgasse, im Norden gegen Am Ölberg, und mit seiner Giebelseite im Osten gegen die Burgstrasse. Die Lage am Hang wurde ausgenützt, um direkt von der rückseitigen Gasse ins 1. Obergeschoss zu gelangen. Dies dürfte der Haupteingang gewesen sein, und deshalb wurde das Haus mit seiner Nummerierung zu Am Ölberg gezählt, auch wenn die besonntere Traufseite auf die Obere Schmiedgasse gerichtet war. Das Erdgeschoss war gegen die vordere Gasse geöffnet.


    Über einem Sockelgeschoss (ob gemauert oder Fachwerk ist nicht klar) erhoben sich zwei Fachwerkgeschosse mit einem zwieinhalbgeschossigen Satteldach darauf. Wegen dem grösseren Pfostenabstand und den breiteren Fenstern vermute ich im 1. Obergeschoss den Platz der ursprünglichen Stube, und darüber die Schlafräume. Nun fällt auf, dass die Balkenlagen über dem Erd- und 1. Obergeschoss nicht von Traufseite zu Traufseite verliefen, was der Normalfall wäre, sondern zur Giebelseite hin. Dies ist ein Hinweis auf die Orientierung der Stube und allfälligen Nebenstube. Der Charakter eines Raumes wird stark geprägt durch die Verlaufsrichtung der Deckenbalken. Der Blick in einen Raum mit in die Tiefe verlaufende Balken wird geöffnet, während ihn querliegende Balken bremsen. Daraus schliesse ich, dass die Schauseite des Hauses mit den dahinterliegenden Stuben die Giebelwand war, und nicht die südliche Traufwand.



    ak-oelberg.jpg
    Blick von der gegenüberliegenden Zeile an der Burgstrasse gegen Am Ölberg von Südosten, um 1930. (Foto-Ansichtskarte, Verlag Liebermann & Co., Nürnberg.



    Links ist die südliche Traufseite gegen die Obere Schmiedgasse knapp zu sehen. Jedenfalls erkennt man aber, dass diese nicht so reich befenstert war wie die Giebelseite, obwohl sie länger Sonnenschein besass. Dies ist ein weiterer Hinweis, dass die Hauptstube gegen die Giebelwand ausgerichtet war.


    Auf Photos von ca. 1920 sieht man das Haus noch komplett verputzt.


    oelberg1photo25.jpg
    Entzerrter Ausschnitt aus der Ansichtskarte oben.



    Auf der Grundlage dieser Ansicht zeichnete ich in einem ersten Schritt die Fassade durch. Natürlich erfolgte dies auf einer viel grösseren Ansicht als hier sichtbar, sodass sehr viele Details im Balkenwerk sichtbar waren. Schwierig war es aber, die Schattenkanten der stark hervortretenden Putzfelder von den Balken unterscheiden zu können. Auch wurden stellenweise Waldkanten oder stark verfaulte Balkenkanten überputzt, sodass nicht überall der tatsächliche Balkenquerschnitt sichtbar war. Einzelne Fehlstellen wurden offenbar mit Farbe ergänzt.


    Unklare oder unscharfe Stellen wurden nicht durchgezeichnet, die Fensterrahmen- und Leibungsbretter des 19. Jahrhunderts hingegen schon. Mit Hilfe anderer, mir unbekannter Photos dürften hier schlecht sichtbare Details noch zu ergänzen sein. Für eine Weiterbearbeitung bildet die Durchzeichnung dennoch bereits eine wertvolle Grundlage, welche bis zum Ziel immer wiederverwendet werden konnte.




    oelberg1aufnahme25.jpg
    Digitale Umzeichnung nach dem entzerrten Photoausschnitt.



    Konstruktionsbeschrieb


    1. Erdgeschoss
    - Annahme in Massivbauweise, aufgrund der Lage unter dem Niveau von Am Ölberg
    - Eingang von der Oberen Schmiedgasse her
    - Balkenlage auf Mauerschwelle aufliegend, in Längsrichtung verlaufend
    - Balkenabstand normal


    1. Obergeschoss
    - Stockwerkbauweise
    - Schwelle über den Balken um den ganzen Grundriss umlaufend, an den Ecken mit Zangenverbindung
    - Pfosten ohne Rücksicht auf die Balkenlage des Erdgeschosses unregelmässig verteilt, wobei das linke und mittlere der drei Felder gleichbreit sind
    - sehr breite, angeblattete Fuss- und Kopfbänder an allen Pfosten, auch entsprechende Blattsassen gegen die Südseite
    - schlanke Brüstungspföstchen, verraten dahinter befindliche Bohlenausfachungen
    - zwischen die Pfosten eingespannte Brust- und Sturzriegel; ursprünglich Fenstererker? Im Vergleich mit andern Bauten des 15./16. Jh's möglich, aber keine Spuren ersichtlich
    - Balkenlageabstand eng, Rücksichtnahme auf Pfostenstellung, in Längsrichtung verlaufend, evtl. mit längslaufenden Bohlen gefüllt?
    - Fensteranordnung symmetrisch, 19. Jh., das mittlere (Doppel)-Fenster ohne Bezug auf die Pfostenstellung


    2. Obergeschoss
    - Stockwerkbauweise
    - Pfosten leicht unregelmässig und unabhängig von der unteren Pfostenstellung des 1. Obergeschosses verteilt, wobei der mittlere Pfosten nicht exakt auf den Bodenbalken ausgerichtet ist, wodurch eine querliegende Bundebene hätte entstehen können
    - hohe Fuss- und kurze Kopfbänder an allen Pfosten, an den Gebäudeecken Verdoppelung der Fussbänder, auch entsprechende Blattsassen gegen die Südseite
    - zwischen die Pfosten eingespannte Brustriegel; ursprünglich Fenstererker? Kaum, da die hohen Fussbänder unter die vorstehenden Brüstungsriegel zu liegen kämen, und ein Aufrichten dadurch erschwert wäre
    - Fensteranordnung zur Pfostenstellung leicht verschoben, symmetrisch, in Brustriegel eingeschnitten, 19. Jh.


    1. Dachgeschoss
    - Schwelle über Dachbalken zwischen den Sparren
    - bis zum First durchgehender Firststud, verstrebt mit hohen, angeblatteten Fussbändern
    - zwei stehende Stuhlpfosten mit je einem angeblatteten Steig- und Fussband
    - Fenster in Brustriegel eingeschnitten, diverse Fensterpfosten teils auf ungestörten, teils auf eingeschnittenen Brustriegeln stehend
    - Kehlbalken und Riegel an Sparren angeblattet


    2. Dachgeschoss
    - keine Schwelle über Kehlbalken (Normalfall, aber im 1. Obergeschoss und auch bei Obstmarkt 1 vorhanden)
    - zwei fast geschosshohe, angeblattete Fussbänder am Firststud
    - Fenster in Brustriegel eingeschnitten, Fensterpfosten teils auf ungestörtem, teils auf eingeschnittenen Brustriegeln stehend
    - Hahnenbalken wahrscheinlich an jedem Sparrenpaar, da gemäss den beiden kleinen Fensterchen ein Firstraum (3. Dachgeschoss) abgetrennt war
    - Hahnenbalken und Riegel an Sparren angeblattet
    - Firstpfette ungewiss



    Verstrebung:


    Die Verstrebung aller Vollgeschosse erfolgt mit angeblatteten Fuss- und Kopfbändern. Im Dachgeschoss kommt noch ein Steigbandpaar hinzu, und an beiden Eckpfosten des 2. Obergeschosses sind zudem zwei Fussbänder übereinander angeordnet.


    Auffallend ist der Unterschied zwischen der Form der Bänder am 1. und 2. Obergeschoss. Gleich wie bei vielen Bauten des 15./16. Jahrhunderts sind die Bänder am 1. Obergeschoss kurz, aber sehr kräftig (breit) ausgebildet. Am 2. Obergeschoss haben sie eine normale Breite, aber die Fussbänder reichen mit ihrer halbgeschossigen Höhe einiges über die Brustriegeloberkante, während die Kopfbänder kurz sind. Die Bänderpaare am Firststud sind etwa ¾-geschosshoch.



    Fenstererker:


    Anzeichen von einstigen Fenstererkern gibt es keine. Insbesondere scheinen alle originalen, fassadenbündigen Brustriegel überdauert zu haben. Dies schliesst aber nicht aus, dass einst am 1. Obergeschoss Fenstererker vorhanden gewesen sein können, da dort die Stube und Nebenstube lagen. Mir ist auch noch nicht klar, ob der Brustriegel eines Fenstererkers aus einem Stück war, oder aus zwei Teilen bestand, dem eigentlichen Brustriegel und aufgesetztem Erkerprofil. Letzteres hätte zur Folge, dass von einem entfernten Fenstererker praktisch keine Spuren mehr zeugen.


    Beim 2. Obergeschoss sind Fenstererker kaum denkbar. Dagegen sprechen die enge Pfostenstellung sowie die hohen Fussbänder (das Anblatten von über die Brusthöhe reichenden Fussbändern am Schluss des Aufrichtens, also nach der Anbringung der vorstehenden Brustriegel, wäre unmöglich; es sei denn, dass die Erkersimsen nachträglich auf fassadenbündige Brustriegel angebracht worden wären).



    Dachstuhl:


    Gemäss den Pfosten in der Giebelwand handelt es sich um einen zweifach oder dreifach stehenden Dachstuhl. Auf der Aussenaufnahme ist allerdings nicht ersichtlich, ob im Firststud unter der Kehlbalkenlage ein Unterzug eingezapft war, und ob zuoberst eine Firstpfette sass. Die drei Dachgeschosse, gemessen an der Oberkante von Dach-, Kehl- und Hahnenbalken sowie First, sind alle genau gleich hoch.



    Fazit:


    Am Ölberg 1 hat mit dem bereits beschriebenen Haus Obstmarkt 1 sehr viele Gemeinsamkeiten. Das augenfälligste Merkmal, die verdoppelten Fussstreben, führte richtigerweise zur Annahme, dass diese beiden Bauten verwandt sind. Auch Prechtelsgasse 10 gehört eindeutig in diese Gruppe, auch wenn es stärker verändert worden war.


    Das 1. Obergeschoss wird durch relativ weite Pfostenabstände strukturiert, welche mit sehr breiten, kurzen Bändern ausgesteift sind. Ob einst Fenstererker vorhanden waren, konnte nicht nachgewiesen werden. Aufgrund der Fensteröffnungen und der eng gelegten Balkendecke konnte die Stube und eine allfällige Nebenstube hinter der Giebelwand lokalisiert werden. Die dünnen Brüstungspföstchen sprechen für eine Ausfachung der Brüstungen mit Bohlen.


    Das 2. Obergeschoss besticht durch die in Nürnberg eher ungewohnte enge Pfostenstellung, sowie hohe Fussbänder und doppelte Anordnung der Fussbänder an den Gebäudeecken (eine enge Stellung der Pfosten sowie doppelte Fussbänder sind vor allem im Württembergischen Einzugsgebiet des Alemannischen Fachwerkbaus zu beobachten).


    Die unterschiedliche Pfostenstellung und deren Verstrebungsart beider Obergeschosse entspricht weitgehend jener an Obstmarkt 1. Auch hier wurde die Fensteranordnung im 18./19. Jahrhundert regularisiert.


    Der Dachstuhl besteht wie auch bei den Vergleichsbauten aus einer stehenden Konstruktion. Als Besonderheit gilt hier der über alle drei Dachgeschosse verlaufende Firststud, wie ein solcher ursprünglich auch bei Prechtelsgasse 10 bestanden haben könnte. Bei Obstmarkt 1 war ein solcher nicht vorhanden (siehe dazu den nach dem ersten Bild angegebenen Link).






    Zur Rekonstruktion der Giebelfassade:



    oelberg1original25.jpg
    Mutmasslicher originaler Bestand, nach der Weglassung späterer Veränderungen.



    In einem ersten Schritt wurden alle als sicher jünger erkennbaren Bauteile "ausradiert". Durch Fenstervergrösserungen abgeschrotete Balken wurden ergänzt. Der so abgeänderte Aufnahmeplan bildete nun die Grundlage für den Rekonstruktionsplan.




    oelberg1rek-farbig25.jpg

    Mutmassliches ursprüngliches Aussehen.



    Nun galt es, die fehlenden Blattsassen zu ergänzen (einzelne Blattsassen nahmen den ganzen Balkenquerschnitt ein, andere hingegen nur einen Teil). Ebenso musste jetzt nachgeprüft werden, ob die verbliebenen Balken wirklich alle dem Originalbestand angehörten. Ein spezielles Augenmerk fiel hier auf die Sturzriegel im 1. Obergeschoss, wobei die Höhe der ursprünglichen Fenster nicht nachgewiesen werden konnte. Im Vergleich mit anderen Bauten (Grolandhaus, Waaggasse 11, Augustinerstr. 7) dürfte die Höhe der Ursprünglichen entsprochen haben.


    Als Hypothese gilt die Einzeichnung des Fenstererkers. Allgemein befanden sich solche nicht nur an den Fenstern der Stube, sondern umfassten oft die ganze Fassadenbreite, wenn nicht sogar ein ganzes Geschoss. Die Breite des linken Fensters könnte ebenfalls der Ursprünglichen entsprochen haben. Das mittlere Doppelfenster schnitt in ein Kopfband hinein, lag zudem asymmetrisch zur Pfostenstellung, aber fast eingemittet zur gesamten Fensterteilung. Aufgrund des identischen Pfostenabstandes mit dem linken Feld ist ursprünglich eine Wiederholung des linken Fensters wahrscheinlich. Diese beiden Fenster gehörten zur Stube. Ob rechts wie eingezeichnet ein breiteres Fenster bestand, oder ein solches von gleicher Breite wie links, ist auch nicht eruierbar.


    Edit.5.1.2020: Die folgende Passage betreffend der Sturzriegel muss überarbeitet werden. In Nürnberg waren die Sturzriegel selten von Pfosten bis Pfosten durchgehend, sondern zwischen die Fensterpföstchen eingespannt.


    Im 2. Obergeschoss war insbesondere die Höhenlage der Sturzriegel unbekannt. Bautechnisch wäre diese unterhalb der Kopfbandsassen zu erwarten, damit nicht ein Knotenpunkt von drei zusammentreffenden Balken entstünde (oberhalb der Blattsassen wäre dies unmöglich, da dafür die Eck- und der Mittelpfosten zu kurz wären). Bei den meisten dokumentierten gotischen Bauten der alemannischen Bauweise trifft sich die Unterseite der Sturzriegel mit dem Schnittpunkt von Kopfbandunterseite und Pfostenkante, sodass trotzdem ein Knotenpunkt von drei zusammentreffenden Balken entstand! Dies war allgemein ein konstruktiver Schwachpunkt der alemannischen Bauweise, welcher mit dem Übergang zur Zapfenverbindung eliminiert werden konnte. Die Einzelfensterbreite wurde jener vom 1. Obergeschoss übernommen. Grundsätzlich ist es auch möglich, dass die Sturzriegel nicht von Pfosten zu Pfosten liefen, sondern zwischen zwei bis an den Rähm reichenden Fensterpföstchen lagen (s. Bild der Rückseite, hier nicht wiedergegeben)!


    Die Fensterteilung im Giebelfeld ist ebenfalls eine Annahme. Vom Bestand wurden Fensterpfosten übernommen, welche zur Mittelaxe symmetrisch waren und nicht auf abgeschroteten Brustriegel sassen, und als Fensterbreite wiederum jene der unteren Geschosse.



    Soviel zur zeichnerischen Rekonstruktion der Giebelfassade des Hauses Am Ölberg 1. Ich habe mir mal die Freiheit genommen, ohne gesicherte Befunde die Vorstellung einer Fassade aus dem 15. Jahrhundert zu wagen, und bezeichne diese als mögliche Hypothese. Die Untersuchung weiterer Bauten dieser Fachwerkepoche wird vielleicht weitere Erkenntnisse und mehr Gewissheit geben.




    oelberg1photo10.jpg . oelberg1aufnahme10.jpg . oelberg1original10.jpg . oelberg1rek-farbig10.jpg

    Entzerrte Photo, Umzeichnung, Originalbestand, Rekonstruktion



    > weiter zu Teil 2.

  • Als Auflockerung mal ein Beitrag, welcher kein Fachwerkhaus Balken um Balken "auseinandernimmt"...



    ak-naegerleinsmuehle.jpg
    Pegnitz Richtung Osten. 1904 gelaufene Ansichtskarte, Verlag Wilhelm Hoffmann A.-G., Dresden.



    Westlich der Maxbrücke gab es beidseits der Pegnitz diverse Mühlen. Das Wasser wurde leicht aufgestaut, und durch zwei seitliche Kanäle den anliegenden Mühlen zugeführt. In den angebauten Holzschuppen dürften sich die Wasserräder befunden haben, welche die gewonnene Energie durch Wellen in die eigentlichen Mühlengebäude transferierten.


    Dem Stil nach stammten die Mühlengebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber ihr Kern dürfte schon Jahrhunderte zurückgereicht haben. Weiss jemand, ob diese Mühlen schon vor dem Krieg abgerissen wurden? Anstelle der Mühlen am nördlichen Ufer besteht nur noch eine Parkanlage, und anstelle jener am südlichen Ufer Neubauten. Die Schwelle, welche einst das Wasser aufstaute, ist heute noch vorhanden, aber begradigt. Oberhalb der Schwelle gibt es am südlichen Ufer noch eine historische Gebäudegruppe (Untere Kreuzgasse), aber ich denke kaum, dass es sich auch bei ihnen einst um Mühlen gehandelt hat.


    Heutige Situation (Blickrichtung nach Osten):
    http://www.bing.com/maps?osid=5ce6f0ca-702b-40a7-8077-39f3341eedd9&cp=s781dyhxpd08&lvl=19&dir=90&style=b&v=2&sv=2&form=s00027


    Interessant ist nun die Behandlung der Fassaden. Das vorderste Gebäude ist mit einem Brettchen-Fachwerk versehen. Man erkennt dies daran, dass sie "Balken" weit vorstehen. Ich nehme an, dass es auch in Nürnberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts Bauvorschriften gegeben hat, welche Sichtfachwerkbauten untersagten. Mit dem Aufkommen des Historismus errang der Fachwerkbau ein Wiederaufblühen, oft aber nur noch als Zierde, und nicht mehr als Tragkonstruktion. Somit vermute ich, dass das Brettchenfachwerk erst nachträglich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts angebracht worden war.


    Das zweite Gebäude trägt ebenfalls ein "Brettchenfachwerkkleid", aber interessant ist nun das dritte Gebäude:



    ak-maxbruecke1.jpg
    Ungelaufene Ansichtskarte um 1900/1910, Hermann Martin, Kunstverlag, Nürnberg.



    Dieses war effektiv in Fachwerk konstruiert, aber wahrscheinlich wurden die Balken und die Putzfelder mit dem gleichen Farbton gestrichen, sodass nur das Relief der Balken sichtbar blieb (auf der Ansicht nur schwer sichtbar!). Diese Art von "Übertünchen" von Fachwerk kann man oft bei Jahrhunderte alten Fachwerkbauten feststellen (ca. 1800), bevor die Fachwerke unter eigentlichem Verputz verschwanden.




    Unabhhängig von den Mühlengebäuden noch eine ganz andere Ansicht, welche einen Biergarten der Tucher-Brauerei zeigt (weiss jemand, wo der genau war?). Das Fachwerk links stammt wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert, passend zum barocken Mansarddach. In Bildmitte dominiert eine Giebelwand den Biergarten, deren Fachwerk aus ungewöhnlich geraden Balken besteht. Wurde hier schon vor 100 Jahren eine Hofauskernung betrieben, und das Fachwerk der stehen gebliebenen Giebelwand mit Brettchen begradigt? Irritiert hatten mich die drei übereinanderstehenden Pfosten im 2. Obergeschoss sowie in beiden Dachgeschossen, welche eine unregelmässige Strebenverteilung nach sich ziehen. Wenn man aber die linke Dachlinie genau betrachtet, sieht man, dass die Fassade hier leicht abgewinkelt war.



    ak-tucher-biergarten.jpg
    Keine Verlagsangabe, gelaufen 1909.

    .

  • Zitat von Norimbergus

    MI02568g08b.jpg 51
    Pfeifergasse (Quelle: bildindex.de)


    Wenn ich nichts übersehen habe, so konnte dieses Bild noch nicht zugeordnet werden. Beim Durchblättern des Bands 11 der Nürnberger Erinnerungen (Unbekannte Altstadt) bin ich jetzt auf den Seiten 148 und 149 darauf gestoßen. Es handelt sich um den nördlichen Bereich der Maiengasse, Blickrichtung nach N (evtl NNW). Das Fachwerkhaus war Maiengasse 4, das Haus mit dem kleinen Vorbau mit Mansarddach, der für eine Verengung der Gasse sorgt (auf der östlichen Seite wurde die Gasse übrigens auch enger) war Maiengasse 2, dahinter sieht man am rechten Bildrand angeschnitten noch das Dach des Hauses Jakobstraße 35.

    Dieser enge Durchgang zur Jakobstraße wurde auch beim Wiederaufbau nicht verbreitert (vielleicht ein bißchen, aber nicht wesentlich): Google Maps.

    Im nördlichen Bereich von Maiengasse 4 (dem Fachwerkhaus) ist heute eine parallel zur Jakobstraße verlaufende Gasse (reiner Fußgängerbereich), der südlichere Abschnitt (mit der angeschnittenen Durchfahrt) dürfte schon in dem Bereich liegen, der heute mit der Nordostecke des Parkhauses überbaut ist.


    Danke Norimbergus! Dem mit "Pfeifergasse" angeschriebenen Bild ist noch niemand nachgegangen. Demnach wäre die Beschriftung auf dem Bildindex-Bild falsch, aber zumindest nicht weit weg von der Pfeifergasse.


    Vom Biergarten zwischen vorderer und hinterer Ledergasse habe ich mittlerweile eine zweite Ansicht gefunden. Die Vermutung, dass es sich im Hintergrund um das Weizenbräuhaus handeln könnte, hatte ich anhand der grobschlächtigen Gurtsimse und Fensterumrandungen ebenfalls, aber ich hatte nirgends eine Seitenansicht gefunden, welche bestätigen konnte, dass dort Giebel an Giebel sass. Gewissheit hatten mir dann aber die beiden charakteristischen Schornsteinabdeckungen gegeben, welche sogar auch auf Ansichten der Spittlertormauer zu sehen sind.


    Diese zweite Ansicht mit dem Braustübl-Garten werde ich bald auch hier zeigen, denn dort erkennt man, dass hier schon um 1900 eine Häuserreihe entlang der hinteren Ledergasse abgebrochen worden ist, und nur die Erdgeschossfassaden als Hofeinfassung erhalten blieben.

  • Weissgerbergasse 10



    Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, dass Innere des in den letzten Jahren restaurierten Hauses kurz vor seiner Fertigstellung zu besichtigen. Unter fachkundiger Führung des Projektleiters Michael Taschner, unter anderem auch Vorstandsmitglied der "Altstadtfreunde Nürnberg", erfuhr ich so viel Wissenswertes über die Baugeschichte, spezielle Probleme beim Umbau, und auch über die verwendeten Materialien. Doch am besten ist es, wenn man sich am 3. und 4. Oktober gleich selbst ein Bild macht, wenn das Haus der Öffentlichkeit präsentiert wird:


    Zitat

    Einweihung
    Es ist soweit!
    Am 3. und 4. Oktober steht das Haus in der Weißgerbergasse 10 allen Interessierten von 11.00 bis 18.00 Uhr offen. Das zukünftige Dr.-Erich-Mulzer-Haus mit all seinen Altstadtfreunden (die Sie auch gerne durchs Haus führen werden) freut sich auf Sie. Von der Bibliothek der Altstadtfreunde bis ins Dachgeschoss, vom Fachwerk bis zur freigelegten Malerei - alles zu besichtigen!
    Kommen Sie und machen Sie sich selbst ein Bild, es lohnt sich!
    Zum Tag der Offenen Tür der Stadt Nürnberg haben wir - wie der Name schon andeutet - auch geöffnet. Am 17. und 18. Oktober von 11.00 bis 16.00 Uhr werden auch an diesem Wochenende kostenlose Führungen durchs Haus veranstaltet.

    Quelle: Altstadtfreunde Nürnberg e.V. – Home



    Den besten Begleittext zu den folgenden Bildern findet man auf der Seite der Altstadtfreunde Nürnberg; abgeschlossene Projekte, wo ein kurzer Abriss über die Baugeschichte des 1390 errichteten Hauses als auch über die Vorgeschichte des aktuellen Umbaus zu lesen ist.



    Doch nun zum Hausrundgang vom 17. September 2009:
    (die Innenaufnahmen erfolgten ohne Blitzlicht, um die natürliche Belichtung festzuhalten. Dies hat zur Folge, dass das hereinfallende Licht einen Blaustich hat, und warme Farbtöne, speziell jene der gelb-ocker gestrichenen Bauteile, durch das Kunstlicht der Baulampen verstärkt werden.)



    weissgerbergasse10_3364x30_16.09.09.jpg


    Neben dem ockerfarben gestrichenen Fachwerk fällt die Giebelständigkeit des Hauses auf. Während in Nürnberg die Traufständigkeit die Regel ist, gibt es bei Eckbauten die Ausnahme, dass der Giebel zur Gasse gerichtet sein kann. Eine Regel war bisher nicht auszumachen; beide Typen kommen vor (z.B. Dötschmannsplatz 13: traufständig, Prechtelsgasse 10: giebelständig).




    weissgerbergasse10_3435x38_17.09.09.jpg


    Beim Erdgeschoss ist am Relief die Steinstruktur noch sichtbar. Nur ein dünner Schlämmputz wurde aufgebracht, welcher in den nächsten Tagen noch mit einer Quaderbemalung ergänzt wird. Diese Technik ist mindestens ab dem 17. Jahrhundert im ganzen Stadtgebiet nachweisbar. Auf diese Weise ist es möglich, eine stark veränderte Steinquadermauer mit möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten, und die Flicke wie auch die Ausmauerungen jüngerer Fensteröffnungen mit modernem Material zu ergänzen. Bei einer Steinsichtigkeit hätten viele Originalquader ausgewechselt werden müssen, um ein schönes Steinbild zu erhalten.


    Die unterschiedlichen Bauphasen der Obergeschosse können an der südwärts gerichteten Giebelfassade anhand der Verstrebungen abgelesen werden:
    Das 1. Obergeschoss wird durch 2/3-wandhohe, eingezapfte Streben ausgesteift. Diese dokumentieren zusammen mit der regelmässigen Fensteranordnung die Umbaumassnahme von 1728. Diese Strebenanordnung hat ihren Ursprung in der K-Verstrebung, welche ab etwa der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts auftritt. Nur sind hier keine Kopfstreben mehr vorhanden, und der Schritt zu den wandhohen Streben, wie sie typisch für die konstruktiven, nicht auf Sicht berechneten Fachwerke des 18. und 19. Jahrhunderts sind, ist nicht mehr weit.
    Das 2. Obergeschoss zeigt die Verstrebungsform mit angeblatteten, hohen Fussbändern und kurzen Kopfbändern. Diese Verstrebungsart ist eine sehr gebräuchliche bei den gotischen Fachwerkbauten in Nürnberg, doch hier haben wir mit 1390 eine sehr frühe Datierung derselben.
    Das Giebeldreieck ist eine vollständige Rekonstruktion, wobei nur noch wenige Anhaltspunkte vorhanden waren. Im Verlauf der Jahrhunderte hatte sich der ganze Dachstuhl, und damit auch die beiden Giebelwände, nach hinten geneigt. Dies hatte zur Folge, dass wahrscheinlich ebenfalls im 18. Jahrhundert das Giebeldreieck grösstenteils neu errichtet wurde, wobei glücklicherweise die wichtigsten Balken wie Schwelle, stehende Stuhlpfosten und die Sparren mit diversen Blattsassen erhalten blieben, und somit Anhaltspunkte für die Rekonstruktion lieferten. Für die Fensterteilung sowie eine allfällige Binnenteilung der grossen Gefache fehlten originale Spuren, weshalb man hier frei rekonstruieren musste.




    weissgerbergasse10_3437x38_17.09.09.jpg


    Auch die Seitenfassade zeigt dieselben Verstrebungsarten wie an der Vorderfassade. Bemerkenswert sind die kurzen Fussbänder beim Eckzimmer des 2. Obergeschosses (anstelle von hohen Fussbändern). Hier befindet sich eine Bohlenstube, deren Gefache anstatt mit Backsteinen mit Holzbohlen ausgefacht, und anschliessend mit Tonplatten (oder einem Lehmpaket) und Kalkputz versehen worden waren. Auf diese Weise erreichte man eine bessere Wärmedämmung für die beheizten Stuben. Wahrscheinlich stehen die kurzen Fussbänder damit im Zusammenhang.
    [Als Hypothese vermute ich, dass hohe Fussbänder einen normalen Balkenquerschnitt aufweisen, und kurze Fussbänder nur einen flachen, sodass sie vor die Bohlenflucht zu liegen kommen. Bei einem normalen Querschnitt hätten die Bohlen unterbrochen werden müssen. Lange Fussbänder mit brettartigem Querschnitt hätten eine zu geringe Aussteifungswirkung, und wären zudem in der freien Fensterwahl hinderlich, da hier meistens bis an die Pfosten reichende Reihenfenster angeordnet wurden. Solche Stuben waren überdies prädestiniert für die Anlage eines Fenstererkers. Über die Problematik hoher Fussbänder bei Fenstererkern siehe Waaggasse 11.]




    weissgerbergasse10_3441_38_17.09.09.jpg


    Schön sieht man auf diesem Bild, welche Sorgfalt der Fassadenrestaurierung angedeiht worden ist. Die neuen Holzbalken und Aufdoppelungen heben sich vom alten Holz zwar etwas ab, sind aber nicht durch Aufrauhen mit dem Beil oder übertriebenem Hobeln mit dem Schropphobel künstlich gealtert worden. Die geschickte Auswahl des Holzes mit Schwindrissen und behutsames Einpassen hat zu diesem Ergebnis einer immer noch geschichtsträchtigen Fassade geführt.


    Hervorzuheben ist der Kalkputz, welcher im Gegensatz zu einem Zementputz viel dünner aufgetragen werden kann, und somit nicht so schokoladentäfelchen-mässig über die Balken vorsteht. Dies entspricht den historischen Verputzen. Ebenfalls kam die historische Maltechnik zur Anwendung, indem die Balken optisch auf die Gefache verbreitert wurden, mit einem schwarzen Filet (Ritzer) als Abgrenzung. Das Fachwerk wirkt somit kraftvoller, und es können stark waldkantige und unterschiedlich dicke Balken einander angeglichen werden.


    Auch bauarchäologische Spuren wurden in den neuen Balken wiederhergestellt. Wohl sind diese konstruktiv nicht mehr von Nöten, aber um den Fortbestand der Baugeschichte an der Fassade ablesbar zu belassen, hat man beispielsweise die (neuen) Blattsassen ehemals vorhandener Kopfbänder in den Rähm des 1. Obergeschosses wieder eingesetzt.




    weissgerbergasse10_3440_38_17.09.09.jpg


    Der Aufzugserker unter einem Schleppdach ist eine Rekonstruktion. Luftaufnahmen der Alliierten liessen diesen noch erkennen, und anhand von Spuren am Dachstuhl konnte der Erker in seiner ursprünglichen Grösse erfasst werden. Der originale Erker dürfte erst ca. 1970 abgebrochen worden sein.




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    Zwei noch existierende Aufzugserker unter Schleppdach:
    links Rückseite von Obere Krämersgasse 22 (gegen die Obere Schmiedgasse); rechts Rückseite Weinstadel




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    Treppenhaus im 1. Obergeschoss. Überall findet man noch Reste alter Wandputze und Bemalungen (Putzfeld links). Auch die Treppenuntersicht ist unter Schonung möglichst viel historischer Substanz ergänzt worden. Ob das Bild bereits den Endzustand zeigt, entzieht sich meiner Kenntnis.


    Vom Erdgeschoss habe ich leider keine Photos gemacht. Die ganze Decke besteht aus einer eng gelegten Balken-/Bohlendecke, und ist ockerfarbig gestrichen. Das Untergeschoss wird von einer neuen Betondecke überspannt, welche auf den originalen Aussenmauern liegt. Da das Gebäude auf einer Auffüllschicht gegründet ist, waren Arbeiten am Fundament unumgänglich.




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    Eckraum im 1. Obergeschoss. Dieses Geschoss wird das neue Domizil der "Altstadtfreunde Nürnberg" beherbergen.




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    Prächtiges Wand- und Deckentäfer aus dem 18. Jahrhundert im Raum daneben. Nur bei drei Feldern ist die ursprüngliche Bemalung hervorgeholt und restauriert worden. Die restlichen Felder bleiben unter jüngeren Farbanstrichen vorerst konserviert, und könnten jederzeit auch hervorgeholt werden. Das Täfer wird aber in den Grundtönen der ursprünglichen Bemalung des 18. Jahrhunderts gefasst.




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    Kammer im rückwärtigen Bereich. Der Boden ist genau ins Blei gesetzt worden, und somit ist am Wandfuss die schiefe Lage des Hauses erkennbar. Die Aussenwand zeigt auch innen das Fachwerk, und somit ist keinerlei Isolation vorhanden! Bewusst verzichtete man auf Experimente mit Platten und dazwischen liegender Isolation, und verputzte lediglich das Backsteinmauerwerk aussen und innen. Eine solche Kältebrücke kann durchaus in Kauf genommen werden, da es sich um eine sehr kleine Fläche handelt. Allerdings ist von einer schnelleren Verschmutzung infolge Kondensatfeuchte auszugehen.




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    Treppenhaus im 2. Obergeschoss




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    Flur in der Wohnung im 2. Obergeschoss. Beim "eingestellten" Raum handelt es sich um die Bohlenstube.




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    Die Bohlenstube, links mit rekonstruierter Bohlenwand




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    Blick von der Bohlenstube durch den Flur zurück ins Treppenhaus




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    Blick von der Bohlenstube durch den Flur zurück Richtung Gassenseite, wo sich der Eingang zu einem schlichten, festlichen Raum öffnet...




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    Die ganze Innengestaltung mutet wie eine musikalische Komposition an, indem Bauteile unterschiedlichster Stilepochen verbunden werden. Zwischen der gotischen Fachwerkkonstruktion und der Doppeltüre liegen etwa vier Jahrhunderte!




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    Die Doppeltür und der Raum dahinter dürften zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingebaut worden sein.




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    Blick zurück in den Flur mit dem neuen Wohnungsabschluss. Kleines architektonische Kritik: die Türe geht auf die verkehrte Seite auf. Eine sich öffnende Tür sollte immer den Blick auf die Haupträume frei geben, und die befinden sich neben mir. Hinten links betritt man die Kammer mit der dunkel-erdrot gestrichenen Decke, und rechts geht es zum Badezimmer. Die offene Küche befindet sich gegenüber der Wohnungstüre.




    weissgerbergasse10_3423x30_17.09.09.jpg


    Wie die beiden Dachgeschosse genutzt werden, weiss ich nicht. Jedenfalls ist hier der originale Dachstuhl von 1390 in seiner ganzen Grösse erlebbar.




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    Alte Putzreste im 1. Dachgeschoss




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    Aussicht vom 1. Dachgeschoss auf die Weissgerbergasse. Es gibt wohl nur sehr wenige Häuser, bei denen das Innere und der Aussenraum so authentisch sind!

  • Einfach wunderbar! Die Altstadtfreunde leisten hier ganz besondere Arbeit! Die Weißgerberlände, ein weiterer Bereich unterhalb der Burg (Dürerhaus) und eine kleiner Bereich am Fluss (Pegnitz?) waren so ziemlich die einzigen Altstadtbereiche, die mir in N gefallen haben. Gibt es noch einen annährend schönen Straßenzug, der den Krieg und die Nachkriegszeit halbwegs überstanden hat?


    Hoffentlich gibt es noch weitere Einzelobjekte, die in Zukunft von den ASF hergerichtet werden können!? Wenn nicht, dann wäre ein Umdenken hin zu einzelnen Totalrekonstruktionen ein hoffnungsvoller Schritt zur Rückgewinnung des alten, wunderbaren Stadtbilds. Sicherlich momentan nur fromme Hoffnung, aber die Reko des Pellerhaus-Hofes geht schon einmal in die richtige Richtung.

  • Weißgerbergasse, exilant. Die Lände ist woanders (und ist lange nicht so schön). :zwinkern:
    Im übrigen hab ich die Gasse als weit geschlossener in Erinnerung. Sind hier etwa in jüngster Zeit Abbrüche und Neubauten erfolgt? In N ist alles möglich!
    Im übrigen ist es von der Denkmalschützer albern, eine (so weitgehende) 'Restaurierung' wie diese durchgehen zu lassen, und Rekos zu verunglimpfen.

  • Neue Erkenntnisse zu Ludwigstr. 74, 2. Obergeschoss:


    Ich hätte es kaum für möglich gehalten, aber hier ist noch ein existierendes Beispiel für gekreuzte Streben, das ich beim Durchsuchen meiner Bilderkiste gefunden habe. Eine Dendro-Datierung gibt es offenbar nicht; die Denkmalliste sagt "im Kern 2. H. 15. Jh.".


    Das interessante Geschoß ist das 2. OG. Das 3. OG wurde offenbar später aufgestockt, vielleicht im 18. oder 19. Jh., vermute ich. [...] Auch das Fachwerk im 2. OG wurde offenbar später verändert - die Fenster sind sicherlich größer als ursprünglich. Bei den gekreuzten Streben meine ich zu sehen, daß die Fußstrebe unten angeblattet und oben eingezapft ist, während die Kopfstrebe angeblattet ist. [...] Ob auch auf der linken Seite gekreuzte Streben waren, kann ich nicht ersehen. Zunächst hatte ich gedacht, daß die Strebe unter dem linken Fenster noch ein Rest einer ursprünglichen hohen Fußstrebe war, aber den Gedanken habe ich wieder verworfen.


    Nun hatte ich kürzlich die Gelegenheit, diese Fassade genauer anzusehen. Dabei sind mir weitere Blattsassen in der linken Fassadenhälfte aufgefallen:


    ludwigstr74_3105xx_15.09.09_details.jpg
    Ausschnitt aus dem 2. Obergeschoss mit Markierung der schwach sichtbaren Blattsassen einstiger Bänder.


    Ganz eindeutig bestanden also auch links überkreuzte Strebenpaare. Dies bedingt aber, dass dort auch ein schmaleres Fenster sass. Wie ich im 2. Zitat schrieb (...Wenn man aber die Streben in der Brüstung links betrachtet, so sind diese ebenfalls oben eingezapft und unten angeblattet...), so handelt es sich bei diesen nun tatsächlich um die Reste der ursprünglichen Fusssbänder! Diesen Gedanken hatte bereits baukunst-nbg, ihn aber wieder verworfen. Auch die andere Feststellung von baukunst-nbg (...Bei den gekreuzten Streben meine ich zu sehen, daß die Fußstrebe unten angeblattet und oben eingezapft ist, während die Kopfstrebe angeblattet ist...) stimmt nach wie vor, indem wie rechts auch im linken Pfosten kein Blattsass der Fussstrebe vorhanden ist.


    Der 2. Rekonstruktionsversuch sieht nun folgendermassen aus:


    ludwigstrasse74-OG2_rek2.jpg
    2. Rekonstruktionsversuch der ursprünglichen Streben- und Fensteranordnung.


    Diese Besonderheit, überkreuztes Strebenpaar mit unten angeblatteter, oben eingezapter Fussstrebe und angeblattetem Kopfband, nehme ich einfach mal zur Kenntnis. Eine Erklärung habe ich nach wie vor nicht. Aus diesem Grund bleibe ich bei meiner Datierung eher ins 16. Jahrhundert als in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Man sieht auch, dass es bereits Schwierigkeiten bei der Unterscheidung von "Band" und "Strebe" gibt, was bereits in die Übergangszeit des Fachwerks hinweist.

  • Zitat von "baukunst-nbg"

    Vielen Dank für deine neuen Untersuchungen. Schön, daß du Gelegenheit hattest, Nürnbergs interessante Fachwerk-Reste in natura zu betrachten. Ich freue mich schon auf weitere Erkenntnisse.

    Die Weißgerbergasse 10 habe ich auch schon angeschaut und bin wie immer begeistert von der Arbeit, die dort geleistet wird. Es ist tatsächlich bedauerlich, daß qualitätvolles Bauen und Restauerieren heutzutage unerschwinglich ist - Ausnahmen wie hier bestätigen die Regel. Natürlich stehen die hypothetischen Rekonstruktionen u. a. im Fachwerkbereich teils im Widerspruch zu einer wissenschaftlichen Denkmalpflege, aber nicht zuletzt der didaktische Wert einer solchen Maßnahme sollte wohl jedem Wissenschaftler (die sich ja Irrtümer immer vorbehalten!) die chronische Angst vor dem Handeln nehmen.

    Die Ludwigstraße 74 ist sehr interessant, und ich freue mich über die neue Rekonstruktion. Kann es aber nicht auch sein, daß zwei Fenster auch in das linke Feld eingepaßt waren?


    Es wäre möglich, dass auch links zwei Fenster, oder zumindest ein breiteres, eingepasst waren. Mit den ursprünglichen Fensterformaten habe ich mich generell noch nicht so auseinandergesetzt, obwohl die Beschäftigung mit diesem Thema ein sehr Wichtiges ist! Es ist mir bisher aufgefallen, dass die Reihenfenster in Nürnberg keine starken Fensterpfosten als Unterteilung besitzen, welche die Last vom Fenstersturz verteilen, sondern nur dünne Pföstchen, welche ich aber als Bestandteil des Fensterrahmens ansehe. Dies ist eine Nürbergische Eigenheit, und gerade deshalb ist das ein sehr interessantes Kapitel! Bei der Rekonstruktion von Ludwigstr. 74 habe ich die Fenster einfach mal so angenommen, da es dort vielmehr um die Strebenanordnung ging.

  • Mühlgasse 2



    Nun möchte ich vorläufig ein letztes Haus genauer betrachten, welches ebenfalls überkreuzte Streben besitzt. Es steht in der Strassengabelung Karl-Grillenberger-Strasse und der Mühlgasse, beim Aufeinandertreffen mit der Oberen Wörthstrasse. Auf den ersten Blick übersieht man diese Verstrebung, insbesondere weil das Fachwerk stark verändert worden ist.


    Das Bayerische Baudenkmalinventar gibt zu diesem Haus nur einen kurzen Kommentar: Ehem. Beamtenhaus, dann Handwerkerhaus, zweigeschossiger Fachwerkbau mit Sandsteinsockelgeschoss, im Kern 1. Hälfte 16. Jh., angebautes Stübchen.



    muehlgasse2_3497_40_17.09.09.jpg
    Mühlgasse 2 von der Oberen Wörthstrasse her (Ostfassade).


    Leicht kann man erkennen, dass die rechte (nördliche) Haushälfte nachträglich erhöht worden ist. Demnach handelt es sich ursprünglich um ein zweigeschossiges Haus mit einem Sandsteinerdgeschoss und einem Fachwerkobergeschoss mit zwei Dachgeschossen. Das 1. Dachgeschoss wurde also später teilweise zu einem 2. Obergeschoss ausgebaut.


    Die Verstrebung mit einzelnen Fussstreben ist minimal ausgeführt, aber infolge Störung des ursprünglichen Fachwerks kann man davon ausgehen, dass einst noch mehr Streben bestanden. Insbesondere meint man auf diesem Bild im 1. Obergeschoss links eine K-Verstrebung zu erkennen. Doch weit gefehlt...



    muehlgasse2_3497xx_17.09.09.jpg
    Ausschnitt aus dem Bild oben.


    Es handelt sich um ein überkreuztes Strebenpaar (X-Verstrebung), wobei die Fussstrebe eingezapft, und das Kopfband angeblattet ist (die Eisenklammer im Rähm dürfte eine nachträgliche Sicherung des Kopfbandes sein)! Diese Mischform besteht auch beim letzten Beispiel Ludwigstr. 74, nur dass dort die Fussstrebe unten angeblattet und oben eingezapft war. Ein weiterer Unterschied besteht auch in der Länge der Streben; während bei der X-Verstrebung normalerweise das Kopfband kürzer als die Fussstrebe ist, sind bei Mühlgasse 2 die Streben gleich lang.


    Wie steht es nun mit den anderen Streben? Nirgendwo an der Fassade lassen sich weitere Blattsassen feststellen, die auf weitere Kopfbänder hingewiesen hätten. Auch sind keine Holznagellöcher sichtbar, welche allenfalls ehemalige Kopfstreben nachweisen liessen. Vor allem beim Bundpfosten in der Mitte des 1. Obergeschosses hätten sich doch Kopfstreben erhalten, da dort auch nachträglich keine Fenster ausgebrochen worden waren. Somit gehe ich mal davon aus, dass die restlichen Verstrebungen effektiv nur aus Fussstreben bestanden, genau wie beim 1. Obergeschoss von Weissgerbergasse 10, dessen Fachwerk mit gleichartigen 2/3-wandhohen Fussstreben dort von 1728 datiert.


    Als weiteres kleines Detail ist mir im 1. Dachgeschoss links der Riegel zwischen dem Sparren und der Fussstrebe aufgefallen; an ersteren ist er angeblattet und in letztere eingezapft. Der entsprechende Blatteinschnitt im Sparren rechts ist ebenfalls vorhanden. Dieses Detail bestand so auch beim Grolandhaus.



    Fazit:
    Da diese X-Verstrebungen bei Mühlgasse 2 und Ludwigstr. 74 bisher in Nürnberg alleine dastehen, würde ich sie in die Spätzeit der Verwendung von X-Streben ansiedeln. Insbesondere wegen der Zapfenverbindung der Fussstrebe komme ich auf die Spätzeit, und ganz sicher nicht in die Frühzeit dieser Verstrebungsart. Der Schritt zur K-Verstrebung scheint von der Verzapfung und vom Balkenbild her nicht mehr weit zu sein.


    Hingegen weisen die restlichen Fussstreben in eine Bauzeit des Hauses im Ausklang der K-Verstrebung, als die Fachwerk-Baukunst langsam in Verfall geriet, und die Kopfstreben weggelassen wurden. Es ist aber auch denkbar, dass gleichzeitig mit der K-Verstrebung die sparsamere Technik nur mit einer Fussstrebe auch Verwendung fand (bspw. auch bei Augustinerstr. 7, 3. Obergeschoss).



    muehlgasse2_3390x40_16.09.09.jpg
    Mühlgasse 2 von der Karl-Grillenberg-Strasse her (Nordfassade).


    Leider gibt die nördliche Traufseite keine weiteren Erkenntnisse mehr zur Baugeschichte des Kernbaus, da hier die Fassade mit Ausnahme eines Eckpfostens und Teile von Schwelle und Rähm komplett ersetzt worden ist.


    Die Aufstockung hingegen ist wieder von Interesse, da hier an jedem Pfosten kurze Fussstreben angebracht sind, welche mit ihrer Aneinanderreihung an Niedersächsisches Fachwerk denken lassen. Leider ist auch hier das Fachwerk infolge Fensterausbrüche nicht mehr im ursprünglichen Zustand, und auch in der rechten (westlichen) Stockwerkhälfte erscheint das ganze Grundgerüst stark verändert.


    Diese lückenlose Aneinanderreihung von kurzen Fussstreben ist mir hier erstmals aufgefallen, und erinnert an Niedersächsisches Fachwerk. Gleichartiges Fachwerk kommt auch an folgenden Bauten vor:
    - Albrecht-Dürer-Str. 24, nach 1570
    - Mostgasse 2, 1566?
    - Obere Krämersgasse 16, 2. Obergeschoss, 1564?/17. Jh.? (Haus der Altstadtfreunde)
    - Schlotfegergasse 7/9, 1564?
    Diese bisher noch nicht beachtete Fachwerkverstrebung behalte ich mal im Auge.