Limburg an der Lahn - Fachwerkbauten

  • Zitat von RMA

    Danke, dass du das nochmal aufgegriffen hast, Riegel. Mit dem Erker ist die Symmetrie der Fassade dann auf faszinierende Weise plötzlich wieder hergestellt. Allerdings bin ich ehrlich gesagt mit dem Grundriss des Erkers irgendwie unzufrieden, er scheint nicht zu der feinen Gliederung der Fassaden zu passen, und die Fenster wirken etwas zu breit. Kannst du einen dekagonalen Grundriss definitiv ausschließen?


    salzgnordwest_rek_turm2.jpg


    Version mit Eckerker auf dekagonalem Grundriss.

  • Nun gibt's auch noch ein bisschen Text zum letzten Rekonstruktionsvorschlag.


    Diese Variante basiert nun auf dem von RMA vorgeschlagenen Zehneck, und somit ergeben sich Fensterbreiten, welche mit jenen der Fassade harmonieren. Ich habe nochmals alle mir bekannten Erker in Limburg studiert, und nirgends einen entsprechenden Erker gefunden. Was mir aber aufgefallen ist, dass jeweils überall die Fensterbreiten von Erker und Fassaden übereinstimmten (sofern man sich die ursprünglichen Fenstermasse vorstellt, die meistens im 18./19. Jahrhundert verändert worden waren). Hierzu kann man sich beispielsweise gut beim Haus "Trombetta", Frankfurterstr. 2 (Bild 55) ein Bild machen. Die Fenster der Fassaden sind dort allerdings auch nachträglich verändert worden, aber anhand der erhaltenen Brüstungen mit dem Auge leicht rekonstruierbar. Die Erkerfenster sind in die Tiefe verlängert, aber in der ursprünglichen Breite belassen worden.


    Die Variante mit einem Runderker ist auch nicht auszuschliessen (das Zehneck tendiert ja schon fast zur Rundform), und dies würde ich dem Können unseres Zimmermannes von Salzgasse 21 ohne weiteres zumuten. Allerdings frage ich mich, wie das optisch aussehen würde; ein Runderker würde wohl ziemlich plump und schwerfällig wirken, und ob ein solcher zu den Rundgiebeln und den vielen geschwungenen Balken passen würde, bezweifle ich sehr. Die Ansatzstellen des ehemaligen Eckerkers sind sichtbar, und diese ergäben eine Zylinderform mit relativ grossem Durchmesser.


    Weitere Spekulationen sind nun nicht mehr zulässig, solange nicht eine Bauuntersuchung mit genauer Fassadenaufnahme bekannt ist. Dafür sei aber zur Vervollständigung des Rekonstruktionsversuchs nun auch die Nordfassade (Hauptfassade!) beigefügt. Im 1. Obergeschoss bin ich auf ein sechsteiliges Reihenfenster gekommen, was hier einen grossen, die gesamte Hausbreite einnehmenden Saal bezeichnen würde (vgl. mit dem Bauphasenplan weiter oben). Dieser Saal nähme auch zwei Fünftel der Gebäudetiefe ein, und hätte in der Mitte einen starken Deckenunterzug, welcher sich in der Westfassade mit seinem geschnitzten Balkenkopf zeigt. Über das Erdgeschoss kann im jetzigen Zustand leider keinerlei Aussage gemacht werden.


    Der Eckerker ist nicht einfach hingezeichnet, sondern aus dem Balkengefüge konstruiert. Auch wenn die Ansichten jetzt ziemlich stimmig erscheinen, kann ich nur betonen, dass es bei einer Weiterbearbeitung noch einige Knacknüsse zu lösen gäbe (bspw. die Abstützung durch Büge, Einzelfenster im 2. Obergeschoss links des Erkers, Gebälkaufbau auf Deckenhöhe als Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Gebälkaufbauten an den beiden Fassaden, etc.). Die erste Frage war, wie viele Seiten des Zehnecks der Erker umfassen würde. Bei analogen Beispielen sind es meistens sechs bis sieben, je nach dem Durchmesser des Erkers. Bei Salzgasse 21 war es ein eher grosser Durchessser, was bei sieben Seiten eine enorme Auskragung bedeutet hätte. Auch ist die räumliche Wirkung des Erkerinnern nicht zu vernachlässigen.


    Eine kurze Bewertung:
    - 7 Seiten: starke Auskragung (-)
    - 6 Seiten: normale Auskragung (+)
    - 7 Seiten: ein Fenster in der Mittelaxe des Erkers (+)
    - 6 Seiten: Fensterpfosten in der Mittelaxe (-)


    Auch hier gibt es Argumente für und wider eine Lösung, die nicht einfach gefunden werden kann. Ich tendiere aber für die Lösung mit sechs Seiten, und nehme einen Pfosten statt eines Fensters in der Mittelaxe in Kauf, auch wenn innenräumlich gesehen ein Fenster in der Mittelaxe angenehmer wäre (Beispiel eines Erkers mit Pfosten in der Mittelaxe: St. Gallen, "Blaues Haus", Gallusstr. 20, erbaut 1575).


    Nun haben sich meine Kenntnisse über dieses Haus erschöpft, und ich werde ganz sicher bei meinem nächsten besuch in Limburg versuchen, das Innere dieses Hauses besichtigen zu dürfen. Eines steht für mich nun jedoch fest:


    Limburg hat einige gut erhaltene und dokumentierte Gebäude aus dem 14. Jahrhundert zu bieten. Zusammen mit der grossen Anzahl weiterer restaurierter und dokumentierter Gebäude ist Limburg in eine obere Kategorie von Fachwerkstädten zu stellen. Salzgasse 21 hat aber bisher ein Schattendasein unter den vielen Fachwerkbauten gefristet. Dies hat natürlich damit zu tun, dass der ursprüngliche Bestand sehr stark beeinträchtigt ist und die Seitenfassade heute einen sehr heruntergekommenen Eindruck macht. Ich sehe dieses Haus dennoch als einen der bedeutendsten Fachwerkbauten in Limburg an, wenn nicht überhaupt im Hessischen Raum! Einen Vergleich des Fachwerks beispielsweise mit der nicht mehr bestehenden "Goldenen Waage" in Frankfurt braucht Salzgasse 21 absolut nicht zu scheuen!

  • Fischmarkt 20




    Kürzlich ist mir eine alte Ansichtskarte in die Hände gefallen, die das Haus vor ca. 100 Jahren zeigt. Das Fachwerk am 1. Dachgeschoss entspricht dem heutigen Zustand, während am 2. Dachgeschoss das Fachwerk aufgemalt ist (heute verschiefert). An den drei Vollgeschossen "klebt" ein Brettchenfachwerk in historisierendem Stil, welches wohl bei der letzten Restaurierung wieder entfernt worden ist.


    ak-limburg1+lim153.jpg

    Links: Ansichtskarte um 1900/1915 (Glaesser'sche Buchhandlung, Anton Hötte, Limburg a. d. Lahn); rechts: heutiger Zustand.



    Die Baugeschichte des Hauses vermute ich nun wie folgt:


    - spätestens Ende 16. Jahrhundert:
    Bau des Hauses spätestens im 16. Jahrhundert (die Dachgeschosse stammen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, wie in diesem Beitrag nachzulesen ist. Das Erd- und 1. Obergeschoss dürften noch älter sein, beim 2. Obergeschoss kann ich keine Aussage machen)
    - 19. Jahrhundert:
    Verputzen des Fachwerks, neue regelmässige Fensteranordnung in klassizistischem Stil
    - um 1900:
    Aufbringen eines "Fantasie-Brettchenfachwerks" an den drei Vollgeschossen (Zustand auf der Ansichtskarte)
    - ca. 1970:
    Entfernung des "Brettchenfachwerks" (heutiger Zustand)


  • Danke für das Niederschreiben der Erinnerungen und Gedanken deines Bekannten, der das alte Frankfurt noch aus persönlicher Sicht kennt. Es ist interessant, dass er auf den gleichen Schluss gekommen ist wie ich, nur dass ich aus architektonischer und kunsthistorischer Sicht argumentierte. In diesem Beitrag hatte ich folgenden ersten Schluss formuliert:

    Ich habe in Limburg wie erwartet keine Bauten gefunden, welche jenen von Frankfurt entsprechen. Die Erforschung eines gemeinsamen Urtypus verläuft ebenfalls negativ, da die ältesten bekannten Bauten in Frankfurt erst dem 15. Jahrhundert entstammten, in Limburg hingegen dem späten 13. Jahrhundert, weshalb sich auch hier keine Vergleiche mehr tätigen lassen.
    Aber der Weg, nach gemeinsamen Merkmalen von verschiedenen Bauten untereinander zu suchen, wie es Walter Sage in "Das Bürgerhaus in Frankfurt am Main" praktiziert hat, hat sich als Erfolgsversprechend erwiesen!


    Nach langer zeitlicher Distanz muss ich aber diesen Schluss hinterfragen, insbesondere was die Bauten aus dem 15. Jahrhundert betrifft. Ich denke da beispielsweise ans Haus Bischofsplatz 7 (Haus mit dunkelbraunem Fachwerk), das durchaus auch in Frankfurt hätte stehen können. Nur ist aber das APH-Forum nicht der Ort, wo man diesen Schluss weiter ergründen kann. Dazu müssten die Fachwerkbauten in Frankfurt systematisch weiter erforscht werden.


    Auch aus städtebaulicher Sicht lassen sich die beiden Städte nicht vergleichen, denn Frankfurt war immerhin schon im Mittelalter eine Grossstadt und entsprechend dichter bebaut, während Limburg zu dieser Zeit eher als kleinere bis mittelgrosse Stadt galt.

  • Nun folgt eine Fortsetzung des Beitrages mit dem Titel:


    Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts
    (oder: eine Serie von Bauten, welche höchstwahrscheinlich alle vom selben Zimmermeister errichtet worden sind)


    den ich hier weiterführe.



    Während der Beschäftigung mit diversen Einzelbauten, insbesondere mit Salzgasse 21, fielen einige Fachwerkbauten durch besondere gemeinsame Merkmale auf. Ihr Zusammenspiel gibt diesen Häusern ein eigenständiges Aussehen, und hebt sie dadurch von den anderen Bauten der Limburger Altstadt ab. Freilich können einzelne dieser Merkmale auch an andern Bauten vorkommen und einer Modeströmung der Zeit zugeordnet werden. Nur lassen sie sich aber nirgendwo sonst finden, was meine Überzeugung bekräftigte, diese Bauten alle der Hand ein und desselben Zimmermeisters zuzuschreiben.


    Die Merkmale sind folgende:


    - ausschliesslich konvex gebogene, profilierte Giebelabschlussbalken
    - mehrfach profilierte Schwellen, Rähme und Ständer, teilweise mit Schiffstau
    - eigenwillig geschnitzte Balkenköpfe, insbesondere die mächtigen Köpfe der Unterzüge
    - vertiefte Wandpartien zwischen verstrebten Eck- und Bundständer und benachbartem Pfosten (Hauptverstrebung)


    Auf die Erläuterung dieser Merkmale verweise ich auf den oben verlinkten Beitrag.


    Liste der Bauten, bei denen meiner Meinung nach der unbekannte Zimmermeister sein Können verewigte:


    - Salzgasse 21 (Neubau um 1573)
    - Nonnenmauer 7 (Neubau 1584)
    - unbekanntes Nebengebäude (Abb. im Marburger Bildindex)
    - Römer 2, 4, 6 (Umbau 1581-83?)
    - Fischmarkt 20
    - Salzgasse 23-25
    - Plötze 19-20
    - Kornmarkt 7


    Das Doppelhaus Kornmarkt 8 / Kolpingstr. 7 weist nur einige der gemeinsamen Merkmale auf, und kann nicht mit Sicherheit dem Zimmermeister zugeordnet werden.




    Nun gibt es noch weitere Bauten, die einige der genannten Merkmale aufweisen. Sie zeigen aber entweder eine einfachere Bauweise, oder ihr Fachwerk ist zugedeckt und lassen sich nicht genauer untersuchen. Ungewohnt für meine Beiträge muss dieser Beitrag leider mit einem einzigen Bild auskommen. Mangels eigener Fotos verweise ich auf das Inventar „Kulturdenkmäler in Hessen“ (Titel anklicken), oder gebe Vorschaubilder aus Wikipedia Commons (dreimal in die Bilder für eine hohe Auflösung klicken). Wenn ich es wieder einmal nach Limburg schaffe, werde ich nachträglich eigene Bilder einstellen.




    Brückengasse 4


    448px-Brueckengasse_4_Limburg_01.jpg
    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Cirdan, 2011.


    Gemäss dem Inventar wurde das Haus um 1580/90 errichtet. Über dem massiven Erdgeschoss von 1949/50 folgen zwei verputzte Fachwerkobergeschosse und darüber ein zweigeschossiges Giebelfeld mit freigelegtem Fachwerk.


    brueckeng4entz.jpg
    Entzerrter Ausschnitt aus dem Wikimedia-Bild oben


    Auffallende Merkmale des Fachwerks:
    - regelmässig und friesartig angeordnete, genaste S-Streben
    - Andreaskreuze kombiniert mit Rauten oder Kreisen auf Brüstungshöhe ganz aussen
    - kleine gebogene Hölzer zuoberst seitlich des Fensters
    - Schiffstau an den Schwellen beider Dachgeschosse (der Rähmbalken des 2. Obergeschosses verputzt)


    Die Versuchung ist gross, runde Giebelabschlussbalken hinzu zu rekonstruieren, die allenfalls bei einer Renovation entfernt wurden, um so ein „wörtliches Abbild“ der Giebel von Salzgasse 21 und Nonnenmauer 7 zu erhalten. Der Versuch schlägt aber fehl, weil die Andreaskreuz-Felder dann viel zu weit nach innen zu liegen kämen, auch wenn diese durch die bestehenden Sparren merkwürdig angeschnitten werden. Trotzdem könnte auch dieses Giebelfeld, wenn nicht sogar das ganze Haus, ein Werk unseres Zimmermeisters sein. Nur vertiefte Wandfelder mit verzierten Kopfwinkelhölzern kommen nicht vor.




    Frankfurter Str. 4a-6


    316px-Limburg%2C_Frankfurter_Stra%C3%9Fe_4a-6.JPG

    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Karsten Ratzke, 2013.


    Die Beschreibung im Inventar „dreigeschossiges Fachwerkhaus mit Schweifgiebel der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts“ wird der Giebelform nicht ganz gerecht, denn der Giebel besteht nur aus konvex gebogenen Giebelabschlussbalken, und nicht aus aufgesetzten, geschweiften Bohlen wie bei einem typischen Schweifgiebel.


    Auch wenn das Fachwerk durch die Fensteranordnung des 18./19. Jahrhunderts sowie durch eine teilweise unsachgemässe Renovation gestört ist, sind seine Merkmale trotzdem noch abzulesen:
    - Hauptverstrebung in „Tropfenform“ aus gebogenen Fussstreben mit genasten Gegenstreben und verzierten Kopfwinkelhölzern
    - regelmässig und friesartig angeordnete S-Streben
    - profilierte Schwellen, Rähme und Giebelabschlussbalken


    Das Haus erweckt den Eindruck einer vereinfachten Ausgabe eines Fachwerks wiederum unseres Zimmermeisters. Aufwändige Schnitzereien wie Schiffstau oder solche an Balkenköpfen fehlen, ebenso vertiefte Wandfelder.




    Frankfurter Str. 20-22


    460px-Limburg%2C_Frankfurter_Stra%C3%9Fe_20-22.jpg

    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Karsten Ratzke, 2013.


    Das gemäss Inventar „traufständige Fachwerkhaus der Zeit um 1700“ besitzt ein Zwerchhaus mit Schweifgiebel, welcher der Giebelform aus ausschliesslich konvex gebogenen Giebelabschlussbalken erstaunlich nahe kommt. Da das Doppelhaus heute komplett verschiefert ist, können keine Angaben zum Fachwerk gemacht werden. Das Haus, oder zumindest der Quergiebel, könnte ein Werk unseres Zimmermeisters sein.

  • (Fortsetzung)


    Plötze 1 (kein Bild in Wikimedia Commons)


    Das Fachwerkhaus von 1580/90 besitzt gegen Osten einen kleinen Rundgiebel mit geschnitzter Reliefplatte. Die Gefache reichen über die Dachfläche hinaus, womit keine geschweifte Bohlen zur Giebelform führen, sondern konvex gebogene Giebelabschlussbalken.


    Weitere Merkmale des Fachwerks:
    - Hauptverstrebung in „Tropfenform“ aus gebogenen Fussstreben mit genasten Gegenstreben und verzierten Kopfwinkelhölzern
    - geschnitzte Balkenköpfe (Form auf der Abbildung im Inventar nicht erkennbar)
    - profilierte Schwellen und Rähme


    Das Haus könnte demnach ein Werk unseres Zimmermeisters sein.




    Plötze 18 (kein Bild in Wikimedia Commons)


    Vom viergeschossigen Fachwerkhaus (links vom Hausw mit Runderker) sind nur einige geschnitzte Balken am Erd- und 1. Obergeschoss freigelegt. Inventartext: „ [...] Schuppen-, Flecht-, Zahnschnitt- und Perlstabmotiven weisen auf eine Entstehung der Fassade kurz vor 1600. Auch der kannelierte Balkenkopf in der Mitte des 4. Obergeschosses weist auf diese Zeitstellung.“ Die Schnitzereien würde ich zusätzlich mit „Schiffstau“ beschreiben; jedenfalls kommen sie den Schnitzereien unseres Zimmermeisters sehr nahe.




    Salzgasse 3


    320px-120412-Limburg-Salzgasse_3_und_5-7.JPG
    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Karsten Ratzke, 2012.


    Das Fachwerk zeigt alle Merkmale unseres Zimmermeisters auf, mit Ausnahme von vertieften Wandpartien. Die Fachwerkformen wie Hauptverstrebungen in „Tropfenform“, Rautenmotive, Andreaskreuze in Kombination mit Kreisformen weist das Haus (oder zumindest die Fassade) wahrscheinlich ebenfalls als ein Werk von ihm aus.




    Schiessgraben 1 (kein Bild in Wikimedia Commons)


    Nur der Ostgiebel mit ausschliesslich konvex gebogenen Giebelabschlussbalken und die Reihung der genasten S-Streben sowie Viertelskreisstreben weisen auf unseren Zimmermann hin. Der Rest des Fachwerks mit wandhohen Streben und veränderter Fensterteilung zeigt einen anderen Charakter. Der Eckerker ist rekonstruiert.

  • Neues zum Haus "Fischmarkt 20"



    Erfreuliches gibt es nun zum Haus Fischmarkt 20 weiter zu berichten, das kürzlich eine partielle Renovation erfahren hat. Als Urheber des Giebelfeldes (und möglicherweise auch des heute verputzten 2. Obergeschosses) vermutete ich bereits den Zimmermeister, dessen mutmassliche Werke ich in den letzten beiden Beiträgen aufführte.


    Zuerst folgen Ausschnitte aus früheren Beiträgen, die bereits von diesem Haus handelten:


    Aus dem Beitrag '5. Analytische Freilegungen':



    Eine Sanierung hat nun 2012 stattgefunden!



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    Beitrag Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts
    (ohne Zitat, aber der Vollständigkeit halber hier auch aufgeführt)



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    Aus dem Beitrag zur jüngeren Baugeschichte des Hauses:


    Kürzlich ist mir eine alte Ansichtskarte in die Hände gefallen, die das Haus vor ca. 100 Jahren zeigt. Das Fachwerk am 1. Dachgeschoss entspricht dem heutigen Zustand, während am 2. Dachgeschoss das Fachwerk aufgemalt ist (heute verschiefert). An den drei Vollgeschossen "klebt" ein Brettchenfachwerk in historisierendem Stil, welches wohl bei der letzten Restaurierung wieder entfernt worden ist.


    ak-limburg1+lim153.jpg
    Links: Ansichtskarte um 1900/1915 (Glaesser'sche Buchhandlung, Anton Hötte, Limburg a. d. Lahn); rechts: heutiger Zustand.


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    Aus dem Online-Inventar "Kulturdenkmäler in Hessen":


    Zitat

    Wie eine ältere Fotografie belegt, zeigten auch die darunter liegenden Fassadenbereiche ein zeittypisches und sehr aufwändiges Fachwerk mit Kielbogenrahmungen der Fenster.

    Das ist aber eine grobe Falscheinschätzung im Inventar! Wenn man das Fachwerk des Erdgeschosses auf der alten Ansichtskarte mit dem heute sichtbaren konstruktiven Fachwerk vergleicht, kommt man sehr leicht zum Schluss, dass es sich nur um ein historisierendes Scheinfachwerk handelte, und nicht um ein zeittypisches Fachwerk von 1580/90. Auch stammt die regelmässige Anordnung der grossen Fenster eindeutig aus dem 18./19. Jahrhundert, nachdem das ursprüngliche Fachwerk verputzt worden war.


    Zitat

    1890 wurde die Hauptfassade von dem Goldarbeiter Heinrich Herber zum Teil neu gestaltet, so schmückte er die Balkenköpfe über dem Erdgeschoss mit einer Nachahmung der Fratzenmasken von Brückengasse 9.

    Die Balkenköpfe betreffend liege ich wohl falsch, als ich im Beitrag 26 schrieb „Einige der Fratzen an den Balkenköpfen sind aufgedoppelt. Beim Verputzen des Fachwerks wurden die vorstehenden Teile abgebeilt, da diese der Verkleidung im Weg waren, und bei der analytischen Freilegung wieder ergänzt. Das Brettchenfachwerk würde ich demnach auch der Fassadenneugestaltung unter Goldarbeiter Heinrich Herber 1890 zuschreiben.



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    Nach meinem Limburg-Besuch im Jahr 2007 hat sich der Zustand des Fachwerkgiebels offenbar so stark verschlechtert, dass er gesichert werden musste:

    http://www.flickr.com/photos/64479867@n00/4122106052/in/set-72157622810849338



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    Auf der Website der Fachwerk-Community finden sich zwei Bilder der 2012 erfolgten Sanierung:


    fischmarkt20restaurierung1.jpg . fischmarkt20restaurierung2.jpg
    Direkteinbindung der Bilder hier mit freundlicher Genehmigung des ausführenden Zimmermeisters, Detlef Rien, 56368 Kazenelnbogen, gestattet


    Man sieht, dass ein sehr grosser Teil der Balken und der beiden Bildreliefs ersetzt werden musste. Man erkennt aber auch, dass die Arbeit mit grösster Sachkenntnis traditioneller Zimmermannskunst erfolgte.



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    Ein Bild vom fertigen Zustand:


    320px-53117_Limburg%2C_Fischmarkt_20.JPG
    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Oliver Abels, 2013.
    (dreimal ins Bild klicken, damit sich eine hochauflösende Vergrösserung öffnet)


    Der Fachwerkgiebel wurde gleich schief wie vor der Renovation eingebaut, sodass er mit dem verzogenen Dachstuhl weiterhin eine authentische Einheit bildet. In Limburg sind Renovationen dieser Art seit Jahrzehnten die Regel!

  • Plötze 16



    Dieses Fachwerkhaus zeichnet sich durch einen zweigeschossigen Runderker und durch besonders reiches Zierfachwerk mit fantasievollen Mustern aus. Rundformen sind im Fachwerkbau naturgemäss schwierig zu erstellen und dementsprechend selten. Obwohl das Fachwerk schon vor Jahrzehneten freigelegt worden war, zeigten sich unter Spachtel und Farbe der scheinbar unversehrten Fassade immense Schäden, die kürzlich mit handwerklich höchstem Sachverständnis behoben wurden.


    Zuerst ein Link mit der Geschichte des Hauses und einem Bild vor der Renovation:
    Online-Inventar "Kulturdenkmäler in Hessen"


    Auf der Webseite der ausführenden Firma "Handwerk und Lehm - Hermann Birkenfeld" gibt es eine Bilderreihe, welche die Arbeiten und den fertigen Zustand zeigt (durch klicken ins Bild öffnet sich ein separates Fenster, in dem die vergrösserten Bilder bequem geblättert werden können):
    Limburg Plötze 16


    Weshalb das Fachwerk des Giebelfeldes bei der Renovation verschiefert worden ist, weiss ich nicht. Schlechter Zustand? Die Fassade ist gegen Westen gerichtet... Auf dem Bild von vor der Renovation im Online-Inventar sieht das Fachwerk des Giebeldreiecks nach historistischem Fachwerk aus.

  • Ein prächtiger Bau, Riegel.


    Hier auch ein Foto des "Siegerhauses", Plötze 16 nach Restaurierung:
    431px-Limburg_BW_10.jpg
    Bildquelle: Wikipedia, Benutzer: 'Berthold Werner'


    Was mag wohl hinter der grau verputzten Erdgeschossfassade sein und wäre es wiederherstellbar?


    Beachtenswert ist zudem, dass die Wabenfenster wohl nach historischen Vorbild wiederhergestellt wurden. So sah der Erker zuvor aus.


    Ein weiterer bebilderter und erläuterter Bericht der Baumaßnahmen:
    Wiederherstellung Runderker „Siegeshaus“, Altstadt Limburg - Architekt Stephan Dreier
    (>Referenzen>Private Bauvorhaben>Sanierung „Siegeshaus“ (1570), Plötze 16, Altstadt Limburg)

  • Mantikor

    Es sind gerade diese hochwertigen Restaurierungen, die mich in Limburg nebst der Fülle an Bauten von 1300 so faszinieren! Und vielen Dank für die Ergänzungen zum letzten Objekt. Auf die Seite des Architekturbüros bin ich beim Googeln nicht gestossen… Dasselbe Büro war auch bei der Restaurierung gleich gegenüber beteiligt:




    Plötze 17



    Dieses Haus zeichnete sich bis zur kürzlich erfolgten Restaurierung durch nichts aus. Es war ein grau verputztes Fachwerkhaus zwischen einem Neubau und dem Fachwerkhaus Plötze 19/20. Die Fensteranordnung des 18./19. Jahrhunderts und fehlender Schmuck verunmöglichten eine ungefähre Datierung des Hauses. In der Denkmalliste wird es als "zu einer Gruppe traufständiger Häuser mit Zwerchhäusern gehörend, die sämtlich um 1600 entstanden sind", bezeichnet. Tatsächlich stammt der Kern des Hauses von 1536, mit einer durchgreifenden Umbauphase von 1678/79 (s. dritten Link).


    Link zur Geschichte des Hauses und einem Bild vom Vorzustand:
    Online-Inventar "Kulturdenkmäler in Hessen"


    Auf der Webseite der ausführenden Firma "Handwerk und Lehm - Hermann Birkenfeld" gibt es eine Bilderreihe, welche die Arbeiten an der Fassade zeigt (durch klicken ins Bild öffnet sich ein separates Fenster, in dem die vergrösserten Bilder bequem geblättert werden können):
    Limburg Plötze 17


    Beschreibung der Umbaumassnahmen und Bilder der Restaurierung des ganzen Hauses:
    Architekt Stephan Dreier
    > Referenzen > Private Bauvorhaben > "Haus zur Messerschmiede"


    Wie man den Bildern entnehmen kann, wurde durch die Rekonstruktion der ursprünglichen Fensteranordnung die Fassade zu mehr als 50 % neu erstellt. Hier nähme es mich wunder, wie sich die Denkmalpfege dazu stellte, da ja nach aktuellen Denkmalpfege-Grundsätzen jede Epoche eines Hauses zu schützen ist und Rekonstruktionen abgelehnt werden… Dazu vergleiche man den Bestandesaufnahmeplan und den danebenstehenden Rekonstruktionplan auf der Seite des Architekten. Speziell hervorheben möchte ich auch die Rekonstruktion der geschweiften Giebellinie.

  • Plötze 19-20



    Der Fassade des Hauses Plötze 19-20 sieht man es kaum an, dass sich dahinter ein Doppelhaus verbirgt. Nur der eigenwillige Doppelgiebel und die unterschiedlichen Fensterformate deuten darauf hin.


    lim125.jpg
    Linke Hälfte (Nr. 19) des Doppelhauses im Jahr 2007.



    Auf dem ersten Bild im nächsten Beitrag sieht man das ganze Doppelhaus. Mittlerweile ist der Giebel von Nr. 19 leider mit zu grossformatigen Schieferplatten neu verkleidet worden.


    Schon zwei frühere Beiträge behandelten die Frage, ob das Haus ursprünglich ein Haus war, das eine nachträgliche Teilung erfahren hatte, oder ob es von Anfang an als Doppelhaus konzipiert worden war:

    Plötze 19-20 ist ein Kuriosum: über die zwei eng aneinander geschmiegten Giebel über einer einheitlichen Hauskonstruktion kann nur gemutmasst werden. Wurde das Haus schon sehr früh auf zwei Besitzer geteilt, welche erst danach die Giebel aufbauten? Der Normalfall ist folgender, dass ein Haus mit einem hausbreitem Giebel errichtet wird, und erst danach eine Teilung erfährt; also auch der Giebel (resp. Dachraum) wird einfach durch eine Wand in der Mitte geteilt, was aussen in der Folge nur durch eine unterschiedliche Schieferverkleidung und leicht unterschiedliche Fenster bemerkt werden kann.
    Trotz der massiven Fensterveränderung ist viel vom originalen Zierfachwerk erhalten geblieben.

    Interessant ist nun ein Blick auf die Teilung des Hauses: meist sind breite Gebäude nachträglich halbiert worden durch Erbteilung oder Verkauf. Plötze 19-20 wird wohl von Anfang an als Doppelhaus konzipiert worden sein. Nebst dem Doppelgiebel (der wahrscheinlich aber nicht mehr das ursprüngliche Aussehen besitzt) weisen die Wandfelder in Gebäudemitte mit den reichen Zierformen auf diese Aufteilung hin. Dass der rechte Unterzugsbalkenkopf unter dem Dachgeschoss recht verloren direkt auf einer Wandfüllung ruht, ist statisch unmöglich. Wenn man sich nun die Gebäudetrennwand im 1. Obergeschoss hinter dem rechten Ständer des verzierten Mittelfeldes vorstellt, kommt diese direkt auf und unter einen Deckenbalken zu liegen. Die Trennwand im 2. Obergeschoss wäre dann hinter dem Wandfeld mit den beiden übereinander liegenden Rauten, just unter dem erwähnten Unterzugsbalkenkopf. Unmittelbar hinter dem Rautenfeld wäre dann ein Ständer, welcher die Trennwand abschliesst und den Unterzug trägt, an der Aussenfassade aber nicht in Erscheinung tritt. Diese Lösung wäre bei einer nachträglichen Teilung wohl kaum so ausgeführt worden.


    Das Online-Inventar "Kulturdenkmäler in Hessen" geht zwar von einem Haus mit nachträglich erfolgter Teilung aus. Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung eines von Anfang an als Doppelhaus konzipierten Bauwerks.




    Mich reizte nun aber ein Rekonstruktionsversuch des Fachwerks.


    Vom ursprünglichen Sichtfachwerk sind nur noch Partien in Fassadenmitte und an beiden Kanten erhalten. Die beiden Pfosten in der Mitte der beiden Wandfelder des 2. Obergeschosses dürften ebenfalls dem Kernbestand angehören, da sie Unterzüge mit geschnitzten Balkenköpfen tragen.


    Anhaltspunkte für das ursprüngliche Fachwerk geben einzelne Holznagelköpfe. Allerdings müssten diese an Ort oder mittels höher auflösender Fotos ohne Schattenwurf gesucht werden (auf der verkleinerten Abbildung oben nicht sichtbar). Zudem fällt auf, dass der zweite Pfosten von links am 1. Obergeschoss eine Profilierung besitzt (hier auch nicht erkennbar, da im Schatten liegend). Da er mit dem Kopfwinkelholz und der Gegenstrebe eine Einheit bildet, darf er ebenfalls dem Kernbestand zugeordnet werden. Dasselbe gilt auch für den Pfosten darüber am 2. Obergeschoss, nur dass dieser keine Profilierung besitzt.


    Dafür weist der rechte Fensterpfosten des zweiten Fensters von links am 2. Obergeschoss wieder eine Profilierung auf. Er steht aber im Verband mit dem konstruktiven Fachwerk der Fensteranordnung des 18./19 Jahrhunderts, und ist hier sicher zweitverwendet (möglicherweise ursprünglich das Gegenstück zum profilierten Pfosten im 1. Obergeschoss).


    Unter der Annahme, dass das Haus als Doppelhaus konzipiert worden war, dürfte in beiden Hälften im 1. Obergeschoss die Stube mit ehemals Reihenfenstern liegen, und darüber eine oder zwei Kammern mit Zwillingsfenstern. Am den Mittelpfosten des 2. Obergeschosses sass wahrscheinlich zu beiden Seiten eine Strebenkombination in „Tropfenform“, hingegen keine solche seitlich des Mittelfeldes mit den beiden Rauten.


    Überreste des Zierfachwerks in den Brüstungen sieht man keine; deshalb wurde das mit einer Raute kombinierte Andreaskreuz in Fassadenmitte für die Stubenbrüstungen übernommen. In Analogie zu andern Bauten dieses Typs (es handelt sich ja wahrscheinlich um ein Werk unseres „unbekannten Zimmermeisters“) wurden für die Brüstungen des 2. Obergeschosses geschweifte Streben angenommen.


    Die sich aus dem ersten spontanen Rekonstruktionsversuch ergebenden Fenstermasse harmonieren untereinander, ebenso auch die Breiten der Verstrebungsfelder, womit man sich das ursprüngliche Bild der Fassade durchaus so vorstellen kann.



    lim125und125x.jpg
    Links: Fassade von Plötze 19 im heutigen Zustand; rechts: Rekonstruktionsvorschlag.

  • Kornmarkt 10/11



    Zitat von Mündener

    An der Giebelseite dürften zumindest die Grundelemente des Kerngerüsts überlebt haben - etwa der Mittel- und die Eckständer. Dennoch sieht man, dass auch dort beim Umbau des 19. Jahrhunderts einiges verloren ging. Denn die Geschosshöhen wurden allesamt denen der neuen Traufseite angepasst (die untere Fensterreihe liegt für 2 Vollgeschosse über der Vorkragung eindeutig zu hoch, und die Obere würde in einem - im Mittelalter völlig unüblichen - Attikageschoss liegen).

    So ist es wahrscheinlich, dass auch Schwelle bzw. Rähm zwischen Geschoss III und IV des vermuteten Kernbaus nicht oder nur noch als Fragmente existieren.



    ich gehe mal auf einzelne Passagen aus beiden Zitaten ein:

    Zitat von RMA

    Die Giebelfassade zur Fleischgasse lässt eine einst hohe Halle erkennen, darüber kragen mittels dreier langer Knaggen zwei sicher auch noch zum Kernbestand gehörige Obergeschosse aus.

    Weshalb bist du dir da so sicher? Die bisher bekannten Limburger Bauten aus dem 14. Jh. weisen über den starken Auskragungen immer nur ein Geschoss auf. Darüber folgt dann ein steiles Dach. Das heutige Dach von Kornmarkt 10/11 scheint von der Neigung her jünger zu sein (aber auch älter als die Umbauten des 19. Jh's., wenn man das eigenartig aufgesetzte Traufgesims betrachtet).


    Zitat von RMA

    Da die Knaggen nicht bündig mit der Überkragung abschließen, ist eine Hängepfostenkonstruktion anzunehmen.

    Die Annahme von Hängepfosten scheint mir auch plausibel. Nur frage ich mich, welche Bauteile die heutige Unterseite der Auskragung bestimmten. Ist es die Unterkante der Hängepfosten? Oder die Unterkante der Längsunterzüge, auf denen dann die Querbalkenlage ruht? Im Zusammenhang mit dem linken Hängepfosten frage ich mich auch noch, wie die kleine Auskragung zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss an der Kornmarktseite zusammenspielt. Ist diese kleine Auskragung bereits das Resultat eines Umbaus zwischen dem 16. und 18. Jh.? Die entsprechende Auskragung an der Rückseite fehlt nämlich.


    Zitat von RMA

    Die geringe Durchfensterung des Giebels lässt auf ein gut erhaltenes Gefüge hoffen, die Fenster im zweiten Obergeschoss (bzw. heute vierten) könnten sogar noch die bauzeitliche Größe haben.

    Du meintest wohl "bzw. heute dritten", oder nicht? Das linke und mittlere Fenster liegen genau symmetrisch zur Mittelaxe. Es könnten wirklich noch originale Öffnungen aus der Bauzeit sein, auch wenn das 3. Obergeschoss nachträglich aufgestockt wäre.


    Zitat von RMA

    Die Traufseite zum Kornmarkt, aufgrund der Lage eine Schaufassade zum Platz, dürfte dagegen weitgehend auf die Umbauten des 19. Jahrhunderts zurückgehen.

    Die beiden geringen Auskragungen über dem Erd- und 1. Obergeschoss scheinen aber älter als das 19. Jh. zu sein, aber auch jünger als der Kernbau. Da wird es wohl schon mehrere tiefgreifende Umbauten gehabt zu haben (siehe vorletzten Abschnitt).


    Zitat von RMA

    Bezüglich des Daches bin ich mir nicht sicher, es wirkt zumindest älter als das 19. Jahrhundert.

    Das denke ich auch, vor allem hinsichtlich des eigenartig aufgesetzten Traufgesimses. Man muss auch bedenken, dass die effektive Traufkante (also die Schnittkante von Fassade und Dachoberfläche) in die Fenster des 3. Obergeschosses zu liegen kommt. Auf der Rückseite verhält es sich ebenso. Somit wäre das 3. Obergeschoss eine Art "Kniestockgeschoss".


    Zitat von Mündener

    Denn die Geschosshöhen wurden allesamt denen der neuen Traufseite angepasst (die untere Fensterreihe liegt für 2 Vollgeschosse über der Vorkragung eindeutig zu hoch, und die Obere würde in einem - im Mittelalter völlig unüblichen - Attikageschoss liegen).

    Wurden die Geschosshöhen wirklich verändert? Mein erster Eindruck war das auch, aber ich frage mich, wie die giebelseitige Auskragung effektiv konstruiert ist. Dazu verweise ich nochmals auf meinen zweiten Kommentar in diesem Beitrag (Nur frage ich mich, welche Bauteile die heutige Unterseite der Auskragung bestimmten. Ist es die Unterkante der Hängepfosten? Oder die Unterkante der Längsunterzüge, auf denen dann die Querbalkenlage ruht?). Bevor das nicht geklärt ist, darf man über eine Geschosshöhenveränderung nur mutmassen.


    Zitat von Mündener

    ... und die Obere würde in einem - im Mittelalter völlig unüblichen - Attikageschoss liegen).

    Was meinst du genau mit Attikageschoss? Meintest du nicht eher ein Kniestockgeschoss? Kniestockgeschosse sind ja oft das Resultat eines Umbaus, aber es gibt auch schon im Mittelalter sehr niedrige Geschosse, die gewerblichen Zwecken (zum Beispiel als Trockenböden) dienten und in den Dachraum reichten.




    Nun habe ich in der Zwischenzeit einige Konstruktionsskizzen zu erstellen versucht und bin zu keiner sinnvollen Ecklösung mit Hängepfosten gekommen. Dies unter der Annahme, dass die Geschosshöhen nicht verändert worden sind. Insbesondere irritierte mich die Auskragung an der Vorderfassade gegen den Kornmarkt hin.


    Hätte man nachträglich die Geschosshöhen verändert, weshalb dann diese letztere Auskragung, die das ganze Unterfangen nur unnötig verkompliziert hätte? Könnten die Auskragungen über dem Erd- und 1. Obergeschoss an der Traufseite ihre Ursache darin haben, dass das ganze originale Gefüge in den Jahrhunderten schief zu stehen kam, und man die Fassaden pro Geschoss neu in der Senkrechten erstellte? So ein Vorgang hätte dann solche Auskragungen zur Folge (was auch oft genug bei andern Bauten beobachtet werden kann). Dies könnte auch die drei unterschiedlichen Fassadenebenen des Hallengeschosses (also heute Erd- und 1. Obergeschoss) unter der giebelseitigen Auskragung erklären.


    Das ursprüngliche Hallengeschoss hätte sich sehr stark gegen die Fleischgasse hin geneigt, und weniger stark gegen den Kornmarkt.


    Noch eine Bemerkung zur Giebelwand: es ist denkbar, dass das 3. Obergeschoss nachträglich aufgestockt worden ist, aber die ursprünglich Firstlinie beibehalten werden musste. Dies würde dann eine für das 14. Jh. typische Dachneigung von etwa 60 Grad ergeben. Das 3. Obergeschoss wäre dann lediglich vorne und hinten an den ursprünglichen Dachstuhl angefügt worden, und hätte eine geringere Höhe als das ursprüngliche 1. Dachgeschoss gehabt.




    Nach einem weiteren Skizzenversuch stelle ich mir das Ganze so vor:


    kornmarkt11rek_foto+kornmarkt11rek.jpg
    Bildgrundlage: Foto von RMA.

  • Zitat von Mündener

    Tja, da hab ich wohl falsch übersetzt - im englischen fachwerk heißt ein Kniestockgeschoss 'attic' :biggrin:.Und die Skizzen lasse ich ohne jeden Einwand durchgehen; der Gedanke mit den Aubauten und der verringerten Dachneigung kam mir irgendwie nicht. :wink:

    Zitat von RMA

    Deine Erklärung erscheint völlig plausibel. Insbesondere kann deine Rekonstruktionsskizze aber ziemlich befriedigend die heute seltsame Lage der Fenster im dritten (ja, da hatte ich mich verzählt) Obergeschoss an der Giebelseite erklären und löst ja auch sonst einige Merkwürdigkeiten des jetzigen Erscheinungsbildes auf, vor allem der Dachform und wie es dazu kam. Sie ist auch kongruent mit der Meisterschaft von Zimmerleuten, die es verstanden, das Raumprogramm eines bereits Jahrhunderte alten Hauses an veränderte Anforderungen anzupassen, ohne in dessen Grundstruktur einzugreifen. Leider ist das Leihen einer Wärmebildkamera immer noch extrem teuer, sonst würde ich bei diesem Gebäude wirklich gerne mal Mäuschen spielen. :wink:


    Soweit ich folgen bzw. etwas dazu ausführen kann, will ich nachfolgend noch auf ein paar deiner Aussagen eingehen:


    Zitat von Riegel
    Weshalb bist du dir da so sicher? Die bisher bekannten Limburger Bauten aus dem 14. Jh. weisen über den starken Auskragungen immer nur ein Geschoss auf. Darüber folgt dann ein steiles Dach. Das heutige Dach von Kornmarkt 10/11 scheint von der Neigung her jünger zu sein (aber auch älter als die Umbauten des 19. Jh's., wenn man das eigenartig aufgesetzte Traufgesims betrachtet).
    Zitat von RMA

    Ich bin jetzt nicht ganz sicher, was du mit nur einem Geschoss über der starken Auskragung meinst? Ich hätte das Gebäude (ohne deine Expertise) spontan in die Nähe von Salzgasse 17/19 von 1348 (d)gerückt, das zwei Obergeschosse über der hohen Halle aufweist. Ich habe jetzt nochmal den Katalog der Limburger Fachwerkbauten des 14. Jahrhunderts studiert (Nr. 3 der „Forschungen zur Altstadt“) und komme im Abgleich mit deiner Rekonstruktion zunehmend zu dem Schluss, dass unser Gebäude wohl auch eher in die Zeit nach 1342 gehört.


    Zitat von Riegel
    Die beiden geringen Auskragungen über dem Erd- und 1. Obergeschoss scheinen aber älter als das 19. Jh. zu sein, aber auch jünger als der Kernbau. Da wird es wohl schon mehrere tiefgreifende Umbauten gehabt zu haben (siehe vorletzten Abschnitt).
    Zitat von RMA

    Diese Elemente stehen ja im Zusammenhang mit einer horizontalen Teilung der Halle, nicht? Dies geschah in Limburg meistens im fortgeschrittenen 17. Jahrhundert, man liegt also sicher nicht allzu fern, in diese Zeit einen ersten bedeutenden Umbau zu setzen.


    Zitat von Riegel
    Das denke ich auch, vor allem hinsichtlich des eigenartig aufgesetzten Traufgesimses. Man muss auch bedenken, dass die effektive Traufkante (also die Schnittkante von Fassade und Dachoberfläche) in die Fenster des 3. Obergeschosses zu liegen kommt. Auf der Rückseite verhält es sich ebenso. Somit wäre das 3. Obergeschoss eine Art "Kniestockgeschoss".
    Zitat von RMA

    Hinsichtlich des zuvor Gesagten würde ich wagen, dieses wirklich sehr eigenartige Traufgesims rein von der (frühbarock wirkenden) Profilierung durchaus ins 17. Jahrhundert setzen. Die erste Veränderung des Daches also eventuell zeitgleich mit den Umbauten an der Halle? Und das Gesims hat man dann bei der zweiten Veränderung des Daches im 19. Jahrhundert einfach wieder draufgesetzt?


    Mit "nur einem Geschoss über der starken Auskragung" meinte ich das heutige 2. Obergeschoss über der Halle, und nicht auch noch das 3. Obergeschoss, dass ich als eine spätere Aufstockung betrachte. Salzgasse 17/19 hatte tatsächlich von Anfang an zwei Geschosse über der Halle, aber alle andern bekannten Limburger Bauten des 13./14. Jahrhunderts offenbar nur eines.


    Die Profilierung der Dachuntersucht hat nichts mit Frühbarock zu tun. Solche Profilierungen wurden auch im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert verwendet. Ich gehe auch davon aus, dass das Fachwerk bis ins 18. Jahrhundert sichtbar bleib, evtl. sogar bis zur 1813 erfolgten Regularisierung der Fenstereinteilung. Bei Sichtfachwerk waren meistens die Sparren oder Aufschieblinge sichtbar und nicht verschalt. Ich denke, dass das höhergesetzte Traufgesims samt Profilierung ein Produkt dieses Umbaus ist.


    Die Aufstockung um das heutige 3. Obergeschoss muss nicht zwingend gleichzeitig mit der horizontalen Unterteilung der Halle erfolgt sein. Die horizontale Teilung der Halle wird gemäss Inventar im 16./17. Jahrhundert vermutet.


    Inventarseite: mapwalk.pl?gg=167906972&obj=53202&session=953846&event=query.details

  • [...] Das Haus Plötze 17 (Bild Denkmaltopographie, wohl zweite Hälfte 2000er Jahre).[...]
    Die jetzige Restaurierung strebt nun offenbar eine Wiederherstellung des Erscheinungsbildes an, der vor den Umbauten des 19. Jahrhunderts bestand – Erdgeschoss und Zwerchhaus im Zustand von 1678/79, die Obergeschosse im Zustand von 1536. Leider scheint die Maßnahme etwas zu stocken oder der Innenausbau dauert sehr lange, jedenfalls ist, wie ich gestern festgestellt habe, äußerlich seit knapp zwei Jahren nur ein Anstrich und der Verputz draufgekommen, die offenbar ebenfalls avisierte Wiederherstellung des Erdgeschosses mit teils schönen geschnitzten Partien lässt weiterhin auf sich warten:

    (Klicken zum Vergrößern)


    Das Haus wurde jüngst mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege ausgezeichnet:
    Ein neues Schmuckstück - Nassauische Neue Presse


    Das Erdgeschoss ist m. E. nicht gerade ein Augenöffner geworden:
    Mutmaßlich recht aktuelles Bild der endgültigen Gestaltung


    Einige Innenaufnahmen befinden sich auf den Seiten
    - des im Haus betriebenen Übernachtungs- und Beherbergungsbetriebs: Plötze N°17
    - des beteiligten Tischlereimeisterbetriebs: Tischlerei Kremer

  • In Diez, wenige Kilometer südwestlich von Limburg, gibt es das 1610 errichtete, sogenannte "Alte Rathaus", Altstadtstr. 1. Seine Giebelform und die Muster der Zierformen des Fachwerks erinnern mich wiederum sehr an die Bauten des Zimmermeisters, der die Häuser Salzgasse 1, Nonnemauer 7 etc. errichtete. Auf das Haus gehe ich in einem separaten Strang über Diez ein, setze aber trotzdem hier unter 'Limburg' einen Hinweis darauf, denn die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass 'unser unbekannter Zimmermeister' auch hier tätig war - oder zumindest einer seiner Schüler.


    Aus der Liste der Kulturdenkmäler in Diez stammen die beiden folgenden Abbildungen:


    800px-Diez_Altstadt_1.jpg
    Links: Alter Markt 11/12, eine Pseudorekonstruktion des 1975 des abgebrochenen Vorgängerbaus; rechts: "Altes Rathaus".
    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Christian Bickel, 2008.



    659px-Diez%2C_Altstadtstra%C3%9Fe_1.jpg
    "Altes Rathaus". Vergrösserung

    Bildquelle: Wikimedia Commons, Bild gemeinfrei, Urheber: Karsten Ratzke, 2013.

  • Kornmarkt 7


    (aus: 8. Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts)


    Seit letztem Herbst befindet sich der 'Goldene Löwen' im Umbau. Bauherr ist Achim Kramb, der kürzlich auch Plötze 14, das Weinhaus Schultes, durch Architekt Stephan Dreier aus Berechen-Niederbrechen umbauen und restaurieren liess. Dreier ist auch mit dem Umbau des 'Goldenen Löwens' beauftragt. Wenn ein Fachwerkhaus in Limburg in seine Hände fällt, kann man sicher sein, dass ein Resultat herauskommt, dass denkmalpflegerischen und bauhistorischen Aspekten höchste Rechnung trägt. Durch seine Hand wurden in den letzten Jahren allein in Limburg folgende Gebäude saniert:

    - Fischmarkt 6 (siehe unter 'Referenzen' in der Homepage von Architekt Dreier)

    - Plötze 14 (Zeitungsartikel)

    - Plötze 16 (Beitrag hier)

    - Plötze 17 (zwei Beiträge hier und hier)


    Aus dem Verzeichnis des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen: Kulturdenkmäler in Hessen

    Zeitungsartikel vom Beginn der Sanierungsarbeiten: Frankfurter Neue Presse

    Neuster Bericht (mit toller, vergrösserbarer Innenaufnahme des Dachstuhls!) : Deutsche Stiftung Denkmalschutz


    Gemäss dem letzten Artikel wurden das 2. Obergeschoss und der Dachstuhl 1581 auf einen älteren Bau aufgesetzt. 1581 liegt somit ganz in der Zeit, während derer der mutmassliche Zimmermeister, der meiner Meinung nach für eine ganze Reihe von Fachwerkbauten in Limburg als Ersteller in Frage kommt, wirkte. Auch wenn ich das zu Tage getretene Fachwerk im Giebeldreieck betrachte, zeigt dieses ebenfalls seine Handschrift (siehe Innenaufnahme des Dachstuhls). Im Zeitungsartikel vom Beginn der Sanierungsarbeiten befindet sich folgende Projektskizze:


    limburg_kornmarkt-7_dreier.jpg

    Kornmarkt 7. Entwurfsplan von Architekt Stephan Dreier (aus dem Link 'Frankfurter Neue Presse').


    Im Gegensatz zu meiner Fotomontage oben besteht gemäss dem Projektplan die Giebelkontur aus zwei geraden Sparren und aufgesetzten Segmenthölzern. Die Spezialität des mutmasslichen Zimmermeisters war aber die, dass er keine geraden Sparren mit aufgesetzten Segmenthölzern in der Fassadenebene verbaute, sondern bogenförmige Hölzer als Fassadenabschluss anwendete. Ich bin gespannt, wie sich dieses Detail nach der Restaurierung effektiv entpuppen wird.

  • Endlich wird ein weiteres rheinischen Fachwerkhaus in Limburg freigelegt, mit all seinen verzierten Streben, Andreaskreuzen und dem typisch konkav-konvex-gekrümmten Renaissancegiebel. :daumenoben:


    Davon könnte sich zb manche Stadt in Württemberg wie Tübingen eine Scheibe abschneiden!

  • Fachwerkliebhaber Ein kleines, aber gerade für die Bauten des mutmasslichen Zimmermeisters ein ganz wichtiges Detail:


    Seine Giebelkonturen zeichnen sich eben gerade dadurch aus, dass sie nur aus konvexen Formen bestehen, und nicht abwechslungsweise aus konkav-konvexen Formen (von der Giebelspitze mal abgesehen). Das ist im Fassadenplan möglicherweise falsch gezeichnet. Wenn man aber im Zitat auf meinen Fotos mit der Schieferverkleidung schaut, sieht man keinerlei konkaven Formen.

  • Plötze 14



    Ende 2017 bin ich zufällig auf folgenden Artikel gestossen:

    https://www.fnp.de/lokales/lim…jahrhundert-10444326.html

    Darin wird von der Restaurierung von Plötze 14 berichtet. Das Dach, der Quergiebel und das Giebeldreieck der Westfassade waren zu diesem Zeitpunkt bereits neu verschiefert und an den Fassaden der Verputz abgeschlagen worden. Diesen Zustand zeigt ein Bild im Artikel (das Fassadengerüst musste den Winter über wegen des Weihnachtsmarktes kurzfristig abgebaut werden).



    Ploetze 14 alt

    Plötze 14 von Südwesten her im November 2017. Bild aus dem Artikel in der Frankfurter Neue Presse. Bild: Lormann Bernd.


    Das Haus sollte innen wie aussen sanft restauriert werden, so wie sich das Gasthaus am Ende des 19. Jahrhunderts präsentierte. Ende 2018 war es dann soweit, dass die Traditionsgaststätte 'Weinhaus Schulten' wieder eröffnet werden konnte. 2019 wurde die Restaurierung mit dem 2. hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet:

    https://lfd.hessen.de/bilderga…weinhaus-schultes-limburg (mit Bildergalerie).



    Ploetze 14 neu

    Plötze 14 nach Abschluss der Restaurierung 2018. Bild Achim Kramb (Bauherr).


    Im hessischen Denkmalverzeichnis ist die Baugeschichte beschrieben. Demnach wurde das Haus 1567 über älteren Bauteilen errichtet. Ob das genmauerte Erdgeschoss und die Südwand bis zum 1. Obergeschoss vom Vorgängerbau stammen, geht daraus nicht hervor. Jedenfalls passen die Fachwerkreste mit gebogenen Fussstreben und genasten Gegenstreben sowie die Giebelkontur des Aufzuggiebels in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.


    Obwohl ich das Haus während und nach der Renovation nie gesehen habe, möchte ich aufgrund einiger im Netz gefundener Aufnahmen das Fachwerk beschreiben. Vom ursprünglichen Fachwerk war kaum mehr die Hälfte vorhanden, und am Erker selbst noch weniger. Dies rührt von einer klassizistischen Fensterumdisponierung her. Wohl aus der Prämisse einer sanften Restaurierung sah man von einer Rekonstruktion des Fachwerks ab. Ich vermute auch, dass das Holz in einem sehr schlechten Zustand war.


    Doch vor der genaueren Beschäftigung mit dem Fachwerk noch ein bisschen Werbung für das darin beheimatete Gastlokal:

    https://schultes-weinhaus.de

    In den Obergeschossen sind Gästezimmer und eine Ferienwohnung eingerichtet. Wenn man im Seitenkopf rechts die drei Striche anklickt, gelangt man zu vielen Innenansichten.

  • Trotz der rigoros erfolgten Neuanordnung der Fensterdisposition im 19. Jahrhundert haben Teile des ursprünglichen Sichtfachwerks überdauert. Man erkennt diese in der Fotografie oben an den Bereichen mit geschwungenen Streben und teilweise auch an den Lehmgefachen. Die Backsteingefache gehören zur Fensterumdisponierung, als das Fachwerk auch verputzt wurde. Ein Versuch einer Durchzeichnung des Fachwerks aus der relativ unscharfen Fotografie (rot = ursprünglich (1567?), gelb = 19. Jh.):



    ploetze 14 fachwerk suedfassade

    Südfassade 2. Obergeschoss. Befundskizze nach dem Bild im vorangehenden Beitrag.



    ploetze 14 fachwerk westfassade

    Westfassade 1. und 2. Obergeschoss. Befundskizze nach dem Bild im vorangehenden Beitrag.


    Bei der Westfassade sind die Details weniger gut zu erkennen, sodass es möglich ist, dass noch weitere Zierbalken überdauert haben. Es ist zudem bemerkenswert, dass am Erker überhaupt kein ursprüngliches Fachwerk mehr vorhanden ist ausser den Rahmen. Ich vermute, dass ursprünglich an jeder Seite ein Fenster vorhanden war, aber mit höher liegenden Brüstungen.


    Bei Google maps gibt es zwei Ansichten von 2015, gemäss denen das Giebelfeld damals Sichtfachwerk zeigte. 2017 wurde dieses ja verschiefert. Es passt in seinere Art zu den ursprünglichen Fachwerkresten an beiden Obergeschossen. Es sieht nicht nach verwittertem Brettchenfachwerk aus dem Historismus aus, wie ich es mal bei Plötze 16 so vermutete. Wenn man sich bei der jetzigen Fassadenrestaurierung auf den verputzten Zustand im 19. Jahrhundert fokussierte, so war es richtig, dass man dieses Fachwerk nun verschieferte. Nicht umsonst hat man ja im ganzen hessischen Raum schon früh begonnen, die exponierten Giebel zu verschiefern, insbesondere die nach Westen gerichteten. Beide Ansichten (> Bildlinks) zeigen auch die gesamte Farbgebung vor der Restaurierung. Mir gefällt die jetzt realisierte, dumpere Farbgebung besser, bei der sich das Rot auf die ursprünglichen, sichtbar gebliebenen Teile des Fachwerks beschränkt.



    ploetze 14 googlemapsx1

    Westlicher Giebel. Ausschnitt aus einer Google-Ansicht von 2015.



    ploetze 14 googlemapsx2

    Westlicher Giebel von Norden. Ausschnitt aus einer Google-Ansicht von 2015.