Limburg an der Lahn - Fachwerkbauten

  • Limburg an der Lahn


    Der äusserst sehenswerten, gepflegten und gut erhaltenen Altstadt von Limburg an der Lahn widmete ich nicht bloss einen Besuch ihres Flairs und aller Sehenswürdigkeiten, sondern mich interessierte hier vor allem die Häufung der ältesten erhaltenen Fachwerkbauten Deutschlands. Limburg liegt auf der Linie zwischen Frankfurt am Main und Köln.



    1. Erster Rundgang durch die Altstadt
    2. Zweiter Rundgang mit Schwerpunkt auf baugeschichtlichen Beobachtungen

    3. "Giebelkunde"

    4. Rekonstruktionen

    5. Analytische Freilegungen

    6. Letzter Rundgang durch die Altstadt

    7. Quintessenz (älteste Fachwerkbauten, Erdgeschosshallen, Entwicklung des geschweiften Giebels)

    8. Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, Teil 1 / Teil 2



    Einzelbauten:


    Fischmarkt 20, Allgemeines / Teil 2: Restaurierung Fachwerkgiebel
    Kolpingstrasse 3 (APH)

    Kornmarkt 10 u. 11
    Plötze 16
    Plötze 17, Teil 1 / Teil 2
    Plötze 19-20
    Salzgasse 10-12 (APH, hinunterscrollen)

    Salzgasse 21- Erster Rekonstruktionsversuch der Westfassade

    - Bauetappenplan Nordfassade

    - Denkmalpflegerisch-kritische Gedanken zu einer Rekonstruktion der Fassaden

    - Eckturm

    "Altes Rathaus" in Diez



    Kulturdenkmäler-Inventar / Literatur:


    DenkXweb - Startseite

    - Die Limburger Fachwerkbauten des 13. Jahrhunderts (1997)
    - Limburger Fachwerkbauten des 14. und 15. Jahrhunderts (2002)

    ..(Publikationen der Limburger Sanierungsstelle)

    - Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Band 41. Stadt Limburg. Verena Fuchß, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2007. ISBN 3-8062-2054-9

  • 1. Erster Rundgang durch die Altstadt



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    Dem Ursprung der Stadt ging vor dem 10. Jh. die Gründung einer Burg voran, und innerhalb des Burgareals der Bau einer Kirche anstelle des heutigen Doms. Der Altstadtkern entwickelte sich im 11. Jh., welcher dann im 12. Jh. mit einer Mauer umschlossen wurde. Nachdem die Stadt zu Beginn des 13. Jh's das Stadtrecht erhalten hatte, führten in der Folge Feuer, Verpfändung der Stadt, Pest sowie auch der Aufstieg von Territorialfürsten zu ihrem Niedergang. Ein Wiederaufstieg gelang ihr erst wieder im 19. Jh. in ihrer Funktion als Bischofsresidenz, Eisenbahnknotenpunkt und Kreisstadt. Wohl aus diesen Gründen wurden während Jahrhunderten die Häuser nicht einfach abgerissen und ersetzt, sondern immer wieder repariert und vergrössert.


    In der Literatur über die ehemalige Altstadt von Frankfurt heisst es oft, dass man sich anhand von Limburg am besten ein Bild der nachmittelalterlichen Altstadt Frankfurts machen kann. Auch deshalb weckte Limburg mein Interesse.




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    Am 14. Mai 1289 vernichtete ein verheerender Stadtbrand weite Teile der Stadt. Aus der Wiederaufbauphase sind noch einige Häuser erhalten, deren Alter während Restaurierungen in den letzten Jahren dendrochronologisch nachgewiesen werden konnte. So auch zum Beispiel beim Haus Kleine Rütsche 4, welches 1289 als Hallenhaus errichtet worden ist, und um 1670 durch einen durchgreifenden Umbau sein heutiges Aussehen erhielt. Es steht an der engsten Stelle der Stadtdurchfahrt auf dem alten Handelsweg Flandern - Byzanz, oder bescheidener ausgedrückt, von Köln nach Frankfurt.




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    Beim ersten Rundgang ist mir aufgefallen, wie schmuckfreudig die Fassaden sind. Dies im Gegensatz zu Frankfurt, dessen Häuser einst nach aussen ein zurückhaltenderes Gesicht zuwandten. Hier ist bereits der rheinische Einfluss im fränkischen Fachwerkbau spürbar, welcher sich vor allem ab dem 17. Jh. mit reichen Zierfachwerken manifestierte.


    Limburgs Wiederaufstieg im 19. Jh. ging beinahe spurlos an der Altstadt vorüber. Das hat sicher massgebend auch damit zu tun, dass der Bahnhof relativ weit weg vom Burghügel angelegt worden ist, und sich deshalb das Geschäftszentrum an die Verbindungsaxe und in die flacher gelegenen Quartieren verlagerte. Somit ist auch der Historismus nur sehr spärlich in der Altstadt vertreten (dies im Gegensatz zu Marburg an der Lahn, wo zwischen 1870 und 1900 zahlreiche jahrhundertealte Bauten historistischen Fachwerkgebäuden Platz machen mussten).


    Einer dieser wenigen Historismus-Bauten (siehe Bild oben) steht nahe beim Kornmarkt, dem heutigen Hauptzugang zur Altstadt. Die jüngste Restaurierung ist von der Farbgebung her sehr gelungen und dezent ausgefallen. Zwischen diesem Gebäude und dem vorhin gezeigten Haus Kleine Rütsche 4 liegen 700 Jahre Fachwerkentwicklung auf engstem Raum vereint!




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    Wenn man vom Bahnhof her geradlinig zur Altstadt läuft, erreicht man nach dem Überqueren der Grabenstrasse (dem Namen nach dem Verlauf der ehemaligen Stadtmauer folgend) den Kornmarkt. An seinem oberen Ende empfängt einen dieses Haus, ebenfalls dem Historismus (um 1900) entstammend. Man erkennt dies am untektonischen Verlauf der Holzbalken, welche in dieser Anordnung keine aussteifende Funktion mehr ausüben können. Der Historismus läutete bereits das Ende der uralten, traditionellen Zimmermannskunst ein (nachdem diese ja gerade durch den Historismus selbst nochmals ein kurzes Aufblühen erlebte!), indem er im Fachwerk mehr das Dekorative als denn das Konstruktive sah.


    Die Versprossung der Fenster, auch wenn letztere wohl dem ursprünglichen Vorbild gemäss ersetzt worden sind, weisen ebenfalls auf die vorletzte Jahrhundertwende. Auch hier stand der Gestaltungswille im Vordergrund, indem man die Sprossen vor allem auf die Oberlichter beschränkte. Bei historischen (nicht hisoristischen!) Fenstern musste die Sprossung aus technischen Gründen (Glasgrösse) zwingend auf die ganze Fensterfläche verteilt werden. Leider ist das Erdgeschoss in jüngerer Zeit unnötig "rustikal-dunkel" lasiert worden.




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    Am Ende des Kornmarkts beginnt auch der innere Kern der Altstadt. Die Gassen sind geschlossener bebaut und teilweise recht eng, wie die hier beginnende Salzgasse. Auffallend sind die oft anzutreffenden zweigeschossigen Erker, welche aus dem Fachwerkgefüge herauswachsen. Hier sieht man bereits, dass die gesamte Altstadt farblich sehr ansprechend gestaltet ist, und dies bei einem Nebeneinander von verputzten, verschieferten und freigelegten Fassaden. Nur dem Besitzer der mittleren beiden Häuser würde ich den 1. Preis "Limburg's schönste Erdgeschossfront" verleihen!!




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    Detailaufnahme des Erkers am Preisträgerhaus: das Traggerüst hat sich deutlich abgesenkt. Nachträglich ist die Basis begradigt und mit neuen geschnitzten Bügen unterstützt worden. Auch die Fensteröffnungen sind, teilweise durch Aufdoppelung und Abschrotung des Brustriegels, begradigt worden. Ich vermute, dass diese Massnahme etwa zur gleichen Zeit wie der Bau des historistischen Nachbarhauses erfolgte; dazu passten auch die Fenster mit den auf die Oberlichter beschränkten Sprossen.


    Im Marburger Bildindex findet sich tatsächlich eine Photographie, welche den Erker vor dieser Reparatur festhält. Aussergewöhnlich ist die Aufteilung der beiden Giebelhäuser auf drei Besitzer, wovon der mittlere je eine Hälfte besass.


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    Ein Ausschnitt zweier Häuser an der Salzgasse belegt die enorme Schmuckfreudigkeit der Limburger. Meistens sind die Profile und Schnitzereien der Balken in Ocker- und Blau/grün-Tönen hervorgehoben. Der Rot-Ton des linken Hauses ist allerdings etwas zu grell geraten; ich denke kaum, dass man früher mit natürlichen Pigmenten ein solches Rot hinbekam.


    Um sich ein Bild jüngerer Veränderungen oder Teilrekonstruktionen an den Fassaden zu machen, lohnt es sich, die Oberflächen der Balken genau zu betrachten. Die neuen Hölzer haben meistens eine glatte oder maschinengesägte Oberfläche, was unschwer beim rechten Haus festgestellt werden kann. Aber aufgepasst: es kann auch altes Holz wieder verwendet werden...




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    Ein kurzer Blick zurück: auffallend das mächtige Giebelhaus Salzgasse 10/12 in Bildmitte. Dreifache Auskragungen, und dies auch in dieser Ausladung, sind hier eine Seltenheit. Wahrscheinlich eines der interessantesten noch zu restaurierenden Gebäude hier... Beim linken Haus erkennt man leicht zwei Bauphasen: die klassizistische Fensteranordnung und die Schaufenster sind ziemlich horizontal, während die Böden stark duchhängen. Die profilierten Schwellen beweisen, dass der ursprüngliche Bau als Sichtfachwerkbau (16./18 Jh.) konzipiert, und im 19. Jahrhundert dann die Fenstereinteilung egalisiert worden ist, unter gleichzeitigem Verputzen des Balkenwerks.




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    Auch Schiefer hat einen vielfältigen Reiz (Blick von der "Plötze" zur Salzgasse). Bemerkenswert ist der rechts angeschnittene Erker: seine Grundform beschreibt einen Halbreis, und kein Polygon, was im Fachwerkbau sehr selten ist!




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    Das untere Eckhaus des Häuserblocks, dessen Auftakt das am Anfang gezeigte Haus Rütsche 4 bildet, zeigt eine Besonderheit Limburgs: Verzierungen in den Wandflächen seitlich der Fensterstürze, welche in vielfältigen Formvariationen vorkommen. Ob die hier gewählte Variante mit dunkler Ausmalung dem ursprünglichen Aussehen entspricht, entzieht sich meiner Kenntnis; bei den meisten andern Fassaden sind diese eingetieften Formen mit Verputz ausgefüllt und weiss gestrichen.




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    Eine besonders gut gelungene Restaurierung kam der Fassade von Fischermarkt 18 zu gute, bei welcher die ursprüngliche Fensterteilung nicht vollständig rekonstruiert wurde. Der neuzeitliche Einbau des achtteiligen Reihenfensters ist an den glatten Balkenoberflächen sowie am fehlenden Durchhang zu erkennen.




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    Von hoher Zimmermannskunst zeugt dieses kleine Eckhaus am Fischmarkt mit dreifach abgewinkelter Fassade! Während der jüngst vorgenommenen Restaurierung wurde das Haus monumenten-archäologisch genau untersucht, und ein Kernbau aus dem Jahre 1291 festgestellt. Die hier zu sehende Fassadenpartie des 1. Obergeschosses dürfte allerdings konstruktives Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert sein, während das 2. Obergeschoss mit den überkreuzten Streben dem 15. Jahrhundert entstammen dürfte.




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    Nochmals dieses herrliche Haus...!




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    Beim Eckhaus beginnt eine kleine Nebengasse, welche zur Lahnbrücke hinunterführt. Rechts ist eines der ganz wenigen massiv gebauten Hallenhäuser zu sehen, deren Ursprünge möglicherweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen.




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    Ein paar Schritte weiter unten scheint es sich gut zu wohnen; die Häuserzeilen sind aufgelockert, und immer wieder findet man kleine Plätzchen dazwischen. Sogar den Bodenbelägen schenkte man gewisse Aufmerksamkeit, damit diese nicht zu gekünstelt und überperfekt aussehen. Schade ist nur, dass es den Restaurantbesitzern am nötigen Feingefühl für Ästhetik mangelt. Aber das ist ein weit verbreitetes Übel. Gut, diesem Wirt hier seien seine schweren Bänke verziehen, da auf unebenem Boden leichte Tische und Stühle dauernd wackeln würden. Es gibt aber Städte, welche den öffentlichen Grund den Gewerbetreibenden nur mit der Auflage zur Verfügung stellen, dass Sonnenschirme und Mobiliar keine Reklamen tragen dürfen, und keine störenden grellen Farben aufweisen dürfen. Da hätte Limburg noch ein grosses Nachholbedürfnis. Na ja, wenigstens man findet keine Palmen als Abgrenzung...




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    Man kann sich fragen, weshalb hier ein Neubau (mit aufgeschraubten Holzbalken!) steht, und was für ihn geopfert worden ist... nicht übermässig störend, aber... ich finde einfach keine Worte dafür! Öfters begangene Strassen und Gassen sind mit Betonverbundsteinen belegt, welche ihrerseits auch wieder uneben geworden sind, und eine Patina angesetzt haben.

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    Gleich dahinter findet sich diese rekonstruierte Erdgeschossfront mit Spitzbogen.




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    Eine sehr idyllische Wohnlage findet man am Römer. Das Haus im Hintergrund, Römer 1, war lange Zeit im Guiness book of records als ältestes Fachwerkhaus Deutschlands verzeichnet. Sein Kernbau reicht ins Jahr 1296 zurück, und wurde 1975-77 restauriert. Der dafür verantwortliche Architekt, Franz Josef Hamm, hat sich bei vielen fachmännischen Restaurierungen in Limburg grosse Verdienste erworben!




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    Von der höher gelegenen Gasse "Nonnenmauer" erheischt man zwischendurch Blicke an die Rückfronten der Häuser an der Salzgasse, wie hier beispielsweise an die zusammengefassten Häuser mit der unpassenden Ladenfront vorne.




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    An einer andern Nebengasse steht dieses merkwürdige Haus. Es scheint eine profanierte ehemalige Kapelle zu sein, welche wohl um 1900 eine Aufstockung erhielt.




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    An der Kolpinggasse stösst man auf dieses merkwürdige Haus. Das 1. Obergeschoss ist ein Sichtfachwerk aus dem 17./18. Jahrhundert; beim 2. Obergeschoss und Dachgeschoss handelt es sich um eine Aufstockung im 19. Jahrhundert, welche möglicherweise aus einem Quergiebel über dem 1. Obergeschoss hervorgegangen ist. Eine Verschieferung der oberen beiden Geschosse hätte diesem Haus besser angestanden, als die dünnen Balken hervorzuholen. Gleich danach folgt wieder ein sehr interessantes Haus...




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    Bild aus: Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen, G. Ulrich Grossmann, 1983


    Kolpinggasse 6 ist wieder ein Gebäude aus der Zeit des Wiederaufbaus der Stadt nach dem Brand von 1289. In der Literatur habe ich zwar nichts über dieses haus gefunden, aber die Grundstruktur besteht auch wieder aus haushohen Ständern mit angeblatteten Riegeln und der markanten Auskragung an der Giebelseite. Diese Auskragungen waren weder konstruktiv bedingt noch dienten sie der Vergrösserung des Wohnraumes über die Gasse hinaus; vielmehr hatten diese repräsentativen Charakter. Dies sieht man bei andern Bauten, welche massiv gebaut sind, aber eine Hauptfassade aus eingestelltem Fachwerk haben.


    Das Dach oder mindestens das Giebeldreieck ist nachträglich ersetzt worden, ebenso ist der Vorbau eine spätere Zutat. Die vorgezogene Baulinie des jüngeren Nachbarhauses hat der Nr. 6 zusätzlich an Wirkung eingebüsst. Betrachtet man die Photographie von vor der Restaurierung, merkt man schnell, dass der Laie in diesem Haus alles andere als seinen ausserordentlichen bauhistorischen Wert sah, und stattdessen einem allfälligen Abbruch nur hätte zustimmen können.




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    Gleich gegenüber wieder mal einen Blick hinauf zum Dom, welchen insgesamt sieben Türme bekrönen. Aus dieser Perspektive sieht es fast so aus, als ob zwei Kirchen nebeneinander stünden; dabei umgeben vier kleinere Türme den Vierungsturm, und lassen dieses Bauteil von hier aus als eigenständiges Bauwerk erleben.




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    Rossmarkt 15, ein Gebäude, wie man es sich ganz gut auch im alten Frankfurt hätte vorstellen können.




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    Parallel zum Kornmarkt führt der Bischofsplatz wieder zur Grabenstrasse hinunter. Nicht die Aufnahme ist schief geraten, sondern dieses Eckhaus (Nr. 9) auf viertelkreisförmigem Grundriss ist in Schieflage geraten! Beim ebenfalls schiefen Nachbarhaus (Nr. 7) kann man aus diesem Blickwinkel gut erkennen, dass die Fenster begradigt worden sind.




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    In den Bischofsplatz mündet rechts die Barfüssergasse als Verbindung zum Kornmarkt, und findet ihre Fortsetzung wieder in der Salzgasse, wo wir den Rundgang begonnen haben.




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    Anschliessend ans Eckhaus, welches (abgesehen vom Erker) ans abgewinkelte Haus am Fischmarkt erinnert, folgen Barfüssergasse 20 bis 4.




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    Ein Blick nach oben zeigt, wie eng diese Gasse ist (vor Nr. 14 und 12).




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    Am Ende der Barfüssergasse erreicht man wieder den Kornmarkt, wo auch die Kolpinggasse, Salzgasse und Böhmergasse (nicht sichtbar, links vom Haus in Frontalansicht) einmünden.




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    Die Böhmergasse liegt bereits wieder abseits vom Touristenstrom, und wird durch eine uneinheitliche, lockere Bebauung geprägt.




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    Weiter unten durchkreuzt die Fleischgasse den Kornmarkt. Die Häuser sind hier meist wieder niedriger, und auch einfacher in der Ausgestaltung




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    Die Rückseite derselben Häusergruppe im Stil der 80-er Jahre...




    Nun habe ich mal einen ersten Rundgang durch das alte Limburg gemacht. Ich plane noch zwei weitere Rundgänge, einen mit Schwerpunkt "baugeschichtliche Beobachtungen", und einen zweiten mit Schwerpunkt "kritische Bemerkungen". Ich möchte aber vorausschicken, dass mich diese Altstadt sehr fasziniert hat. Mit dem Schwerpunkt "kritische Bemerkungen" möchte ich lediglich das Auge schärfen; dies könnte man aber auch in jeder beliebigen Stadt tun.

  • 2. Rundgang mit Schwerpunkt auf baugeschichtlichen Beobachtungen



    Der Schwerpunkt der Fortsetzung dieser Bildergalerie über Limburg liegt auf baugeschichtlichen Beobachtungen. Es sind keine grossen kunsthistorischen Vorkenntnisse nötig, sondern lediglich ein scharfes Auge. Kritik wird natürlich wie immer auch nicht fehlen, aber ich versuche, mich in Grenzen zu halten... Einige Häuser sind leider im Gegenlicht fotografiert, da ich nur in den späten Morgenstunden und über Mittag in Limburg verweilte.




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    Der wichtigste Profanbau in Limburg: Römer 2, 4, 6.


    Über das haus gibt es eine vergriffene baugeschichtliche Monografie, die aber noch zu finden ist: Altwasser, Elmar: Das gotische Haus Römer 2-4-6. Limburg a. d. Lahn - Forschungen zur Altstadt. Heft 1


    Das Haus stammt wieder in grossen Teilen aus dem Jahr des Stadtbrandes von 1289, hat also mehr als 700 Jahre auf dem Buckel, und auch die besten Aussichten, weitere Jahrhunderte zu erleben! Diesmal stammt sogar noch der Dachstuhl ais jener Zeit, wenn auch mit geringfügigen Abänderungen (Abwalmung, Quergiebel). 1581-83 fand ein umfassender Umbau statt, welcher entscheidend das heutige Aussehen des Hauses prägte. Insbesondere wurde das Fachwerk der östlichen Giebelseite und der südlichen Traufseite ausgewechselt, sodass hier die Rähmbauweise (geschossweise Abzimmerung) mit reichen Verzierungen über den gotischen Kern hinwegtäuscht.




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    Die nördliche Traufseite ist weitgehend im Ursprungszustand des 13. Jahrhunderts erhalten, wenn auch mit einigen Wiederherstellungen im Rahmen der Restaurierung von 1989. Prägnantes Merkmal ist hier die Ständerbauweise (über mehrere Geschosse hinweg verlaufende Ständer). Weshalb 1981 das Nachbarhaus Römer 8, welches annähernd aus derselben Zeit stammte, abgebrochen worden ist, ist mir ein Rätsel.


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    Die Trauffassade nach dem Abschlagen des Verputzes. Bild aus: Der spätmittelalterliche
    Fachwerkbau in Hessen, G. Ulrich Grossmann, 1983




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    Fischmarkt 16/17 ist ein spätgotisches Hallenhaus aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, und wurde vor 30 Jahren restauriert. Die linke Hälfte der Halle wurde dabei rekonstruiert, aber für die bessere Ausnützung eine von der Holzkonstruktion losgelöste Galerie eingebaut, sodass die hohe Halle immer noch nachvollzogen werden kann. Interessant ist der Farbbefund; ob es sich um den ursprünglichen handelt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, jedenfalls konnten mehrere Farbbefunde dokumentiert werden. Die Fensteranordnung wurde nur teilweise annähernd rekonstruiert.




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    Die tadellose Restaurierung hätte aber in einigen Details mehr Respekt verdient! Kleinkarierte Türe, rot zugedeckte Schaufenster, knallrote Auslageständer... müsste alles nicht sein, und niemand hätte einen Nachteil davon.




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    Auch heute kann man am Fachwerk noch Spuren von älteren Bauzuständen erkennen (Ausschnitt aus dem 2. Obergeschoss): das Sims des Einzelfensters ist einmal tiefer gesetzt worden. Der Brustriegel läuft immer noch durch, scheint aber auf ganzer Länge auf die Fassadenebene zurückgeschrotet worden zu sein. Bei den rechten beiden Feldern sind an der Unterkante des Brustriegels möglicherweise zwei Fasen zu erkennen, wie sie beispielsweise am ehemaligen "Roten Haus" in Frankfurt vorhanden waren (dort allerdings in reicherer Ausführung). In beiden Fensterpfosten und dem Pfosten links davon sind noch die Einschnitte eines Sturzriegels vorhanden, was mindestens auf ein Zwillingsfenster, eventuell mit Oberlichtern, schliessen lässt.




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    Rütsche 12: nach Befund rekonstruierte Spitzbogenarkaden, um 1500. Ganz schön sieht man hier das Zusammenspiel von Fassade und innerer Konstruktion, indem die freiliegenden Deckenbalken des Erdgeschosses und die an der Fassade sichtbaren Balkenköpfe effektiv identisch sind. Also das pure Gegenteil von Fassadismus! Einzig der Steinsockel ist gar zu rustikal geraten.




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    Von links nach rechts: Rütsche 1 (mit ebenfalls rekonstruierter Erdgeschossarkade), 3 (vermutlich ca. 1980 komplett abgebaut und mit einem Teil des alten Holzes neu errichtet) und 5, dem "Werner-Senger-Haus", sowie der bereits im ersten Beitrag gezeigte Neubau.




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    Das "Werner-Senger-Haus" ist aus einem gotischen Hallenhaus aus dem 13. Jh. hervorgegangen. Die beiden Seitenwände sind sehr stark gemauert, offenbar weil hier ein Kaufmann seine Warenlager vor Feuersgefahr schützen wollte. Die eingestellten Fachwerkfassaden belegen den repräsentativen Charakter des Holzbaus, wie es auch die starken Auskragungen der andern noch erhaltenen Fachwerkbauten des 13. Jahrhunderts tun.

    Die heutige Fassade entstand im 16. Jahrhundert, und bei ihrer letzten Restaurierung entschied man sich für die Wiederherstellung der äusserst bemerkenswerten Farbfassung des Barocks. Eine ähnliche Diamantquaderbemalung der Balken kam um 1920 bei der Restaurierung des "Schwarzen Sterns" in Frankfurt a. M. zum Vorschein (siehe Beitrag im Strang Römerberg Ostzeile bzw. Samstagsberg, und dann weiter nach unten scrollen).




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    Im Grunde genommen handelt es sich um ein rot gestrichenes Fachwerk mit breitem grauen Begleitband zur Putzkante hin, sowie aufgesetzten, grau gestrichenen Diamant- und Bossenquader. Der horizontale Abschluss jedes der drei Obergeschosse ist der Art einer Marmorierung nachempfunden.




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    Brückengasse 9, Haus der sieben Laster, erbaut 1567. Die in die Balkenköpfe geschnitzten Fratzen stellen symbolisch die Hauptlaster des Christentums dar (an der abgewandten Traufseite zur Strasse hin). Ganz speziell ausgebildet ist die doppelte Nase am First.


    Dieses Haus ist ein typischer Vertreter der Übergangszeit im Fachwerkbau. Man erkennt dies an der noch archaisch anmutenden Verstrebung (geschosshohe, überkreuzte Streben) und am Zierfachwerk im Giebel sowie den profilierten Schwellen. Zierfachwerk vermute ich auch ursprünglich in den Fensterbrüstungen der beiden Obergeschosse. Zur Rekapitulation: Fachwerk wird nicht nach den Stilepochen unterschieden, sondern in die folgenden drei Epochen
    - Mittelalter (bis ca. 1450)
    - Übergangszeit (ca. 1450 - 1550)
    - Beharrungszeit (ca. 1550 bis 1750)




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    Die Traufseite zeigt Lehmgefache im Rohzustand. Zur besseren Haftung des Deckputzes wurden sie mit einem gabelähnlichen Werkzeug aufgeraut. Man erkennt links noch alte Gefache, und rechts neu ausgestrichene Gefache am noch schärferen "Aufrauhmuster".




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    Von links nach rechts: Fischmarkt 3/4, 5, 6 (Hausnummern unsicher; G. Ulrich Grossmann verwendet in "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau" teilweise andere Nummern). Diese Häuser bereiten mir noch Kopfzerbrechen, speziell das niedrige 2. Obergeschoss der Nr. 3/4. Handelt es sich hier um ein ehemaliges Lagergeschoss, oder wurde einmal der Boden höher gesetzt? Beim mittleren Haus scheint es genau der umgekehrte Fall zu sein: ursprünglich wohl ein sehr niedriges 1. Obergeschoss, dafür ein umso höheres 2. Obergeschoss. Bei einem Umbau (19. Jahrhundert) wurde zum Ausgleich der Geschosshöhen der Boden höher gesetzt und die Fensterdisposition verändert (man erkennt unter den oberen Eckpfosten schwach die Reste der durchgesägten, profilierten Schwelle, auch hinter dem Regenabflussrohr!). Auch die unterschiedliche Durchbiegung des oberen Rähms und der Schwelle des Giebelfelds deuten auf unterschiedliche Bauphasen hin. Die Konsole des Nasengiebels wiederum zeigt eine Form um 1900. Den Ursprung der Fassade datiere ich auf Grund des Zierfachwerks ins 17. Jahrhundert.


    Ein so hohes Geschoss, wie es das zweite ursprünglich gewesen sein mag, deutet auf eine repräsentative Nutzung hin, und es würde mich nicht wundern, wenn dort im Innern eine Deckenmalerei zum Vorschein käme.

  • 3. "Giebelkunde"



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    Auffallend sind die vielen breiten Gebäude, welche auf zwei Hausbesitzer aufgeteilt sind, wie hier beispielsweise am Übergang von der Salzgasse zum Fischmarkt (Salzgasse 23-25). Obwohl die Fassade einheitlich restauriert ist, verraten die unterschiedlichen Fensterformate und das Vorhandensein von zwei Läden die Teilung in der Mitte. Der beide Hausteile zusammenfassende Giebel lässt darüber beinahe hinwegtäuschen.


    Wahrscheinlich erfolgten solche Teilungen vor allem zu dem Zeitpunkt, als begonnen wurde, nach 1800 die Stadt über die Stadtmauern hinaus zu vergrössern. Gutbetuchte Bürger errichteten dann neue Gebäude dort, wo mehr Licht und Luft herrschten, und den alten Familiensitz in den engen Gassen teilten sie in mehrere Mietwohnungen auf. Von da her kommt das Vorurteil, dass in Altstadtgebäuden die Räume klein und niedrig sind... Dabei wird man bei Umbauten immer wieder überrascht, wie gross die Räume einst waren! Schliesslich handelte es sich ursprünglich meist um Einfamilienhäuser für drei Generationen.


    Falls einem in Limburg mal der Akku der Kamera ausgehen sollte, kann ich dieses Café nicht empfehlen. Obwohl ich einen Kaffee und gleich zwei Stück Torten bestellte, wurde meine nachträgliche Bitte, kurz den Akku aufladen zu dürfen, abgeschlagen. Die Werbung für ein wohlgesinnteres Café folgt im nächsten Beitrag...




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    Gleich links steht dieses Doppelhaus (Plötze 22-23), welches einiges an Ungemach über sich ergehen lassen musste. Zuerst wurde es auch einmal geteilt. Dann wurde beim Verputzen des Fachwerks der einst geschweifte Giebel brutal abgeschrotet (siehe nächsten Bildausschnitt). Eine Regularisierung der Fensteranordnung brachte einschneidende Eingriffe in das Fachwerk. Bei einer abermaligen Fenstererneuerung wurden die Sprossen weggelassen, und die Fenster werden nun als Schaufenster missbraucht. Schliesslich ist die aktuelle Vernachlässigung an den Wasserschäden nicht zu übersehen...




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    Erst zu Hause beim Betrachten des Bildes habe ich die Schnitzereien auf den Randsparren wahrgenommen, welche das Giebeldreieck abschliessen. Offensichtlich sind diese bei einer Reparatur oben abgeschrotet worden, nur das Sonnenmotiv an der Giebelspitze ist diesem Schicksal entgangen. Man kann sich anhand der Reste gut den einst geschwungenen Verlauf der Giebellinie vorstellen. Die vier Kopfwinkelhölzer (kleine Dreiecke) an der Mittelaxe zeigen eingetiefte Schnitzereien, welche eigentlich mit weissem Putz ausgefüllt sein müssten, und so die Feingliedrigkeit des Fachwerks unterstützten.




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    So präsentierte sich die Fassade nach einer 20-minütigen Photoshop-Pinselrenovation...




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    Plötze 19-20 ist ein Kuriosum: über die zwei eng aneinander geschmiegten Giebel über einer einheitlichen Hauskonstruktion kann nur gemutmasst werden. Wurde das Haus schon sehr früh auf zwei Besitzer geteilt, welche erst danach die Giebel aufbauten? Der Normalfall ist folgender, dass ein Haus mit einem hausbreitem Giebel errichtet wird, und erst danach eine Teilung erfährt; also auch der Giebel (resp. Dachraum) wird einfach durch eine Wand in der Mitte geteilt, was aussen in der Folge nur durch eine unterschiedliche Schieferverkleidung und leicht unterschiedliche Fenster bemerkt werden kann. Trotz der massiven Fensterveränderung ist viel vom originalen Zierfachwerk erhalten geblieben.




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    Eine sehr frühe Form eines geschweiften Giebels besitzt das Eckhaus Salzgasse 21/Plötze. Das spezielle daran ist, dass das Fachwerk bis an die Giebellinie hinaus läuft, also über die Dachfläche hinausragt. Bei den meisten anderen Giebel findet das Fachwerk logischerweise seinen Abschluss in den Dachsparren, auf welche dann mit Schnitzereien versehene Bohlen aufgedoppelt werden. Diese bilden dann mit ihren Ein- und Ausbuchtungen die geschweifte Giebelform, so wie wir es beim zweiten Beispiel (mit den Abschrotungen) gesehen haben.

    Beim Giebel von Salzgasse 21 müssen aber zwingend krumm gewachsene Hölzer in Balkenstärke vorhanden sein, in welche dann die Riegel und Pfosten eingezapft werden konnten.


    Eine solche Konstruktion hat zwei Nachteile: erstens ist der Wandaufbau losgelöst vom Dachstuhl, da der erste Sparren erst dahinter folgt. Nur die Pfetten des Dachstuhls durchstossen die Giebelwand, und binden diese somit nur punktuell zurück. Zweitens verformen sich krumm gewachsene Hölzer beim Trocknungsprozess viel stärker; gerade Balken schwinden lediglich ab und verdrehen sich ein bisschen. Diese beiden Nachteile führen dazu, dass sich der ganze Giebel stark verformt. Deshalb wohl führte die weitere Entwicklung der geschweiften Giebel zur Konstruktion mit den Sparren und aufgedoppelten Bohlen.




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    Die Aufsicht auf die Giebellinie beträgt hier etwa 25 bis 30 cm, während es bei der Variante mit aufgedoppelten Bohlen nur etwa 20 cm sind. Diese Masse sind wichtig, um bei einem verschieferten oder verputzten Giebel die verdeckte Konstruktionsweise ermitteln zu können.


    Walter Sage vermutet in "Das Bürgerhaus in Frankfurt am Main", dass das Haus "Roseneck", Grosse Fischergasse 14, ebenfalls diese frühe Form der Giebelausbildung besessen haben könnte (erbaut wahrscheinlich 1545). Das Rathaus in Butzbach (1559/60) und das "Deutsche Haus" in Rhens (1566/70) zeigen ebenfalls diese Giebelform.




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    51

    Die Seitenfassade ist in einem bedenklichen Zustand, aber die neuen unpassenden Fenster lassen auf eine baldige Renovation hoffen. Bei der Freilegung des Fachwerks vor x Jahren wurde die Verschieferung des Giebels belassen, weil dort wahrscheinlich extreme witterungsbedingte Schäden vorhanden sind. Vermutlich zeigte früher auch das obere Geschoss einen geschweiften Umriss, und erhielt bei einer Reparatur die heutige Trapezform. Immerhin schaut diese Fassade gegen Westen. Das Wirrwarr unterschiedlicher Fensterformate, verlängerter Schwellen und Rähme, rechtwinklig und schräg hervortretender Balkenköpfe etc. verbirgt eine äusserst komplizierte Baugeschichte dieses Hauses!




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    52

    Frisch renoviert thront das Haus Nonnenmauer 7 über der Stadt. In allen Details gleicht es sehr dem Eckhaus Salzgasse 21, und deshalb vermute ich, dass es vom selben Zimmermeister erstellt worden ist. Ganz gut kann man an der rechten Giebelwand die Ausbuchtung erkennen, welche durch die Verformung des runden Abschlussbalkens entstanden ist.




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    53

    Die Farbgebung der verzierten Balken ist trotz der grellen Farben äusserst gelungen! Schade ist nur, dass man das Orange-ocker auch für die Fenster übernommen hat. Bestimmt waren die beiden Felder links und rechts der aktuellen Fenster auch einmal Fensteröffnungen, sodass einst zwei Zwillingsfenster die geschnitzte Mittelpartie säumten, in welcher ein Hausspruch mit der Jahrzahl 1584 verewigt ist.




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    Eine Öffnung der zugemauerten Fenster hätte ein noch harmonischeres Bild und auch mehr Licht ins Hausinnere gebracht. Eine Veränderung der Fensteranordnung käme freilich nur dann in Frage, wenn gleichzeitig auch das Innere renoviert würde, was mir in diesem Fall unbekannt ist. Trotzdem finde ich diese Renovation eine der gelungensten in Limburgs ganzer Altstadt!




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    Wieder eine Pinselrenovation mit Photoshop, wie man sich das ursprüngliche Aussehen vorstellen muss...




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    55

    Das Haus "Trombetta", Frankfurter Str. 2, liegt in der Vorstadt, unmittelbar vor der ehemaligen Stadtmauer. Auch der Ladenbesitzer weiss es zu schätzen, dass es sich um ein sehr schmuckes Haus aus dem 17. Jahrhundert handelt! Speziell aufgefallen ist mir die Farbgebung mit den grün hervorgehobenen Balken, und zwar sind alle Zierbalken mit einer runden Form so behandelt. Ob dies einem historischen Befund entspricht, weiss ich nicht, aber zusammen mit dem verzierten Giebel wirkt die Fassade trotzdem recht einheitlich.

    Auch dem grössten Laien kann hier gut demonstriert werden, wie die Fenster des 19. Jahrhunderts regelrecht in die Fassaden hineingesägt worden sind, insbesondere im 1. Obergeschoss.




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    56

    Beim Betrachten der Schnitzereien ist mir etwas aufgefallen, und zwar konnte ich diese sägeblattartigen Gebilde am 2. Dachgeschoss nicht deuten. Im 1. Dachgeschoss erkennt man Margriten mit Rankenwerk, und im First oben wiederum eine Halbsonne. Nun musste ich mich nach langem Grübeln mal ablenken, und hatte geschaut, was denn für ein Laden im Erdgeschoss beheimatet ist: "Blumen & Haarkunst" steht geschrieben. Sind etwa ein stilisierter Kamm, Haarlocke und eine Schere auf den oberen Bohlen dargestellt? Das könnte nun heissen, dass die Schnitzereien eine Neuschöpfung mit Bezug auf das Ladengeschäft sind...




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    Trotz Bauzaun strahlt dieses freistehende Haus (Rossmarkt 15, Rückansicht vom Mühlberg her) bereits grossen Stolz aus! Auch bildet die Fensteranordnung eine Einheit mit dem Fachwerk. Selten sieht man noch mit einem "Kreuz" unterteilte Fenster; von daher stammt auch der alte Ausdruck "Kreuzstock" für Fenstereinfassung, auch wenn keine Unterteilung mehr vorhanden ist.




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    Drei verschiedene Verputzarten sind an der Giebelseite angebracht. Rauputze waren in der Mitte des 20. Jahrhunderts selbst bei Fachwerkbauten in Mode, und daraus entnehme ich, das diese Seite bereits damals im oberen Bereich freigelegt worden ist. Die Balken erfuhren keine Verbreiterung beim Anstrich, wie es beim Rest des Hauses sonst der Fall ist. Historische Befunde belegen aber fast immer eine solche Verbreiterung in die Gefache hinein, und man kann sich selbst ein Bild machen, was nun besser aussieht. Bei stark waldkantigen Balken verschwand ein Teil des Querschnitts hinter dem Verputz, was die Balken dann zu schmal aussehen liess. Ganz deutlich, besonders am Sturzriegel, ist auch hier ein zugemauertes Zwillingsfenster zu eruieren, und zwar am zugedeckten Falz für die Fensterläden.

  • Zitat von Gast

    Ist das Haus vielleicht im 19. Jahrhundert komplett verputzt worden, und sind deshalb die Schnitzereien abgeschlagen? Verputzung von Fachwerkhäusern (zwecks Vortäuschung eines Massivbaus) war anderenorts ja eine beliebte (Un-)Sitte jener Zeit.

    Zitat von RMA

    Ist ja eine schreckliche Barbarei, dieses "Abschroten". War mir bisher unbekannt und erinnert an die nicht minder perversen Entstuckungswellen des 20. Jahrhunderts. Auch wenn mir hier nicht klar ist, weshalb man es überhaupt getan hat - zur Vortäuschung eines Steinbaus wohl kaum, denn die hatten ja auch oft Volutengiebel.

    Es wäre interessant zu klären, ob eine Rekonstruktion des verstümmelten Giebels anhand alter Fotografien oder auch anhand der verbliebenen Farbreste bzw. anhand der Gegenüberstellung von erhaltenen Häusern der gleichen Zeit möglich ist.

    Ich würde fast empfehlen, einfach mal dein Photoshop-Bild an die Stadtverwaltung oder einen Bürgerverein dort zu schicken, vielleicht kann es ja etwas bewirken? An Sanierungen scheint man in Limburg ja vorbildlich interessiert zu sein!


    Ich denke, dass dieses Abschroten in Folge von Fäulnissschäden erfolgte. Sieh Dir nur mal die Schäden an der Seitenfassade von Salzgasse 21 an (Bild 51; ich bin gerade daran, einen Aufnahmeplan, Schadensplan sowie eine Rekonstruktion davon zu zeichnen), dann verstehst Du, weshalb man auch bei Fachwerkbauten mal "entstuckte". Ich kann jetzt schon sagen, dass die fachgerechte Sanierung dieser Seitenfassade ein Vermögen kosten würde! Nur ein Maler und Kundenmaurer genügen da nicht mehr.


    Für eine Rekonstruktion des abgeschroteten geschweiften Giebels wären genug Anhaltspunkte vorhanden, wenn man sich das Bild 47 genau anschaut. Von den Schnitzereien ist der grösste Teil zum Glück noch erhalten, es fehlen ja vor allem nur die Abschlussprofile. Für die Rekonstruktion der genauen Form der Enden der Kehlbalken müsste auf analoge Beispiele zurückgegriffen werden. Eine Fotografie dürfte kaum zu finden sein, da ich die Abschrotungsmassnahme im frühen 19. Jahrhundert vermute, als das Fachwerk zugedeckt wurde.


    Als Barbarei würde ich diese Vereinfachung nicht bezeichnen, wenn man sich in den damals herrschenden Stil des Klassizismus hineinversetzt, welcher ja einfache, gerade Formen verlangte.

  • Salzgasse 21



    Bevor ich den nächsten Teil zur Bildergalerie hineinstelle, gibt's ein kurzes Intermezzo zur Rekonstruktion der Westfassade von Salzgasse 21 (siehe im letzten Beitrag Bild 49 - 51). Es ist mal ein erster Versuch, welcher nur auf der Basis von Fotos entstanden ist, und mit einem Blick auf ein anderes Haus, von welchem ich vermute, dass es 1584 vom selben Zimmermann errichtet worden ist (siehe im letzten Beitrag Bild 52 - 54). Ohne gross zu kommentieren soll sich jeder selbst mal ein Bild über die Veränderungen an diesem Haus machen...


    [edit. 2.2.2009: das Haus besass ursprünglich einen Eckerker, was ich zum Zeitpunkt dieses ersten Rekonstruktionsversuchs noch nicht wusste. Dieser wird in späteren Beiträgen behandelt.]




    salzgwest_photo_bauphasen.jpg


    Links: Fotomontage aus vier Einzelbildern (nachdem jedes entkrümmt, perspektivische entzerrt und vergrössert/verkleinert worden ist); rechts: Umzeichnung mit Eintragung der Bauetappen.




    salzgwest_rek_bauphasen.jpg


    Links: Umzeichnung als Rekonstruktion; rechts: Umzeichnung mit Eintragung der Bauetappen.

  • Zitat von Gast

    Besten Dank! Die Veränderungen sind wirklich unübersehbar. Gibt es denn Bemühungen einer Rekonstruktion? :applaus:

    Ich war ja nur während etwa fünf Stunden als Tourist in Limburg; so habe ich keinerlei Kenntnis über das aktuelle Baugeschehen in Limburg. Wie ich ja mit Bild 49 gezeigt habe, ist die Nordfassade kürzlich renoviert worden. Es handelte sich aber nur um eine Unterhaltsrenovation, insbesondere einem Neuanstrich, wobei die Farbgebung ziemlich unharmonisch ist! Rekonstruiert wurde dabei absolut nichts. Man erkennt zimmermannmässige Reparaturen beim linken Giebelansatz, wobei ich nicht weiss, ob diese bei der kürzlichen Renovation erfolgten oder bei der Freilegung des Fachwerks vor einigen Jahrzehnten. Insbesondere ist auch der linke, untere "Giebelbogenabschlussbalken" mit einem geraden Stück Balken geflickt, die Schnitzereien aber in Bogenform ergänzt worden. Die neuen Fenster sind ja schrecklich ausgefallen! Auch stammt auf dieser Seite die Fensterdisposition aus dem 19. Jahrhundert.


    Diese Renovation hätte besser ausfallen können, ohne den Geldbeutel des Hausbesitzers mehr zu strapazieren. Man muss aber bedenken, dass sich der Hausbesitzer mit diesem Gebäude eine grosse Hypothek aufgehalst hat. In diesem Sinne glaube ich kaum an eine Rekonstruktion der Westfassade.


    Zitat von RMA

    Riegel hat ja bereits die andere Seite gezeigt, die vorbildlich restauriert wurde, das lässt auch auf Restaurierung und Rückgängigmachung der Veränderungen des 19. Jahrhunderts an der gezeigten Westfassade hoffen!

    Eben genau nicht, leider! Siehe Kommentar oben.


    Zitat von RMA

    Noch eine Frage an den Experten: warum fehlt im ersten Giebelgeschoss ganz links ausgerechnet ein Holz in der Rauten-/Andreaskreuzkombination?

    Von diesem Punkt aus entstanden schon sehr früh Fäulnisschäden, welche den grossflächigen Ersatz der Wandpartien bis hinab ins erste Obergeschoss erforderten (siehe den hohen "Gelbanteil" im Bauphasenplan weiter oben). Der fehlende Balken der Raute ist verfault und nicht mehr ersetzt worden. Unterhalb des rechten Giebelansatzes ist die Fassade in viel besserem Zustand.


    Dazu mal ein Ausschnitt:


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    Der Schaden ist unübersehbar, vor allem auch die beiden Flicke darunter. Ein Rest des fehlenden Rautenbalkens ist im Andreaskreuz erhalten geblieben.


    Nun noch zu einigen weiteren Details, welche Hinweise zur Rekonstruktion lieferten:


    - obere zwei Quadrate: Löcher für die Scharniere eines Fensterladens; diese nehmen in der Höhe Bezug auf das ursprüngliche Fenster, welches einen höheren Brustriegel besass


    - mittleres Quadrat: Holznagelloch für die Sicherung eines Pfostens; liegt genau in der Mitte zwischen dem rechten Fensterpfosten und dem Pfosten links des Regenabflussrohrs


    - untere zwei Quadrate: Holznagellöcher für die Fixierung zweier Zierknaggen, so wie sie auf gleicher Höhe am rechten Bildrand zu sehen sind


    - oberer Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendeter profilierter Balken; dieser gehörte ursprünglich wohl zu einem entfernten profilierten Pfosten, wie sie jeweils links und rechts der Felder mit den Zierknaggen vorhanden sind


    - mittlerer und unterer Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendete, aber gekürzte Zierriegel, wie sie jeweils unter den Zierknaggen vorhanden sind




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    - rechteckiges Feld, linker Pfeil: Fensterladenfalz des ursprünglichen Fensters, welcher mit neuem Holz ausgefüllt worden ist. Der Pfeil zeigt auf das Holznagelloch, in welchem der ursprüngliche Brustriegel gesichert wurde. Die Löcher der Fensterladenscharniere erkennt man auch leicht.


    - rechter Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendeter profilierter Balken; dieser gehörte urspünglich wohl zu einem entfernten profilierten Pfosten, wie sie jeweils links und rechts der Felder mit den Zierknaggen vorhanden sind


    - vier Quadrate: weitere Löcher ehemaliger Ladenscharniere. Die Putzfelder links davon reichen jeweils in die Balken hinein, was hier ebenfalls Ladenfälze belegt. Man sieht deutlich, wie die Pfosten auf Fenstersimshöhe durch einen Absatz oben schmaler sind als unten; dasselbe auch im Sturz



    Alle diese erwähnten Details sind im Bauphasenplan übrigens eingetragen! Die beiden Bildausschnitte sind anhand des Balkenbilds leicht zu finden... Auf diese Art und Weise kann man ohne Sondierungen bereits viel über das ursprüngliche Aussehen einer Fassade zeichnerisch rekonstruieren. Bei den eigentlichen Bauarbeiten werden weitere Befunde sichtbar, wenn die Gefache entfernt werden. Hier wird aber oft der Fehler gemacht, dass alle Gefache entfernt werden, sogar auch die ursprünglichen! Das darf auf keinen Fall geschehen, da diese genau gleich erhaltenswert sind wie die Holzbalken und dort ja auch keine Befunde zu erwarten sind!

  • Salzgasse 21, Nordfassade


    Eine Umzeichnung der vor kurzem renovierten Nordfassade mit Eintragung der Bauetappen zeigt deutlich, dass auch diese sehr inhomogen ist. Eine Rekonstruktion hat also nicht stattgefunden! Insbesondere wurden, nebst Verputz- und Malerarbeiten, im linken Giebelbereich statische Probleme behoben. Diese erfolgten von der formellen Seite her nicht mit viel Fachkenntnis. Auch vermute ich, dass alle "Giebelbogenabschlussbalken" bis auf ein kleines Stück ersetzt worden sind, wobei jeder Bogen aus zwei zusammengesetzten Teilen besteht... Der Plan entstand lediglich aus nebenstehender Photographie, und basiert nicht auf einer eingehenden Untersuchung!




    salzgnord_photo_bauphasen.jpg



    Zitat von Gast

    Wie muss man sich die ursprünglichen Fenster vorstellen? Waren das viele Butzenscheiben?

    Wie die ursprünglichen Fenster in Limburg aussahen, weiss ich nicht. Ich denke schon, dass es Butzenscheiben waren. Es wurden ja bei einigen Häuser in Limburg wieder Butzenscheibenfenster eingesetzt, wie man der Fotogalerie entnehmen kann. Der Übergang von Butzenscheiben zu Klarsichtglas dürfte im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts eingesetzt haben. Das linke Nachbarhaus, Salzgasse 17/19 hat auch solche Butzenscheibenfenster erhalten:



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    Salzgasse 17/19, rechts Salzgasse 21; man beachte, wie lieblos mit derselben roten Farbe das Fachwerk, die Erdgeschossverkleidung und die Haustüre überzogen worden sind...

  • 4. Rekonstruktionen



    An Literatur hatte ich nur das Buch "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen" von G. Ulrich Grossmann, Verlag Langewiesche "Die blauen Bücher", 1983 zur Hand, und zusammen mit einem für die Forschung eigentlich unbrauchbaren Stadtplan (aus der Website der Stadt) konnte ich schliesslich die meisten Häuser des im Buch enthaltenen Kurzinventars den fotografierten Bauten zuordnen. Gross war die Überraschung, bis ich nach Tagen endlich das Haus Salzgasse 17/19 in meinem Bildmaterial identifizieren konnte:




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    Bild aus: Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen, G. Ulrich Grossmann, 1983.


    Es ist zufällig das Nachbarhaus von Salzgasse 21, welches mir schon beim Stadtrundgang aufgefallen war! Heute sieht es so aus (siehe auch das letzte Bild im letzten Beitrag):




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    Die Ladenbesitzerin erklärte mir, dass vor ein paar Jahren das Haus abgetragen, und mit dem alten Baumaterial wiederaufgebaut worden sei. Das erklärt, weshalb es keine Setzungen und schiefen Wände hat, sowie eine sehr altertümliche, ungestörte Fenstereinteilung. Heute ist es kein Doppelhaus mehr. Die einstige Zweiteilung sah man an den unterschiedlichen Fenstern, und beide "Teil-Hausbesitzer" hatten ihre schmalen Hälften jeweils durch das Zubauen der Zwischenräume zu den Nachbarhäusern (Ehgräben?) erweitert. Das heisst, dass die ursprünglichen Seitenwände entfernt wurden, und so das Haus äusserst instabil wurde.


    Um grössere Geschosshöhen zu erhalten, wurde beim Wiederaufbau jeweils auf die Deckenbalkenlage zuerst eine neue Schwelle gelegt, und erst auf diese die alte Wand mit der originalen Schwelle. Dies bewirkte eine Mehrhöhe von 15 bis 20 cm pro Geschoss.


    Und Werbung muss auch sein: links von Salzgasse 17/19 befindet sich das Café "Kolorit". Hier wurde ich wirklich freundlich bedient und durfte auch meinen Akku für die Kamera aufladen. Also besucht doch dieses Café auch einmal, und denkt dabei daran, dass die Leute dort eine wesentliche Hilfe für diese Bildergalerie beigetragen haben!




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    Die Erdgeschossfront wurde im Stil der Obergeschosse frei nachempfunden. Die Lösung mit einer zurückversetzten Schaufensterfront in Stahl-/Glaskonstruktion mit freier Grundrissform ist gelungen, und jederzeit ohne grösseren Eingriff reversibel.




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    Beim Betreten des Ladeninneren erkennt man sofort, dass das Haus durch und durch rekonstruiert worden ist, und nicht bloss einen Neubau mit vorne herangeklebter historischer Fassade darstellt. Die hohe Erdgeschosshalle ist zwar durch ein Galeriegeschoss unterteilt, aber von jedem Standpunkt aus ist die ursprünglich hohe Halle trotzdem noch erlebbar. Auch das Galeriegeschoss ist völlig unabhängig von der Holzkonstruktion eingebaut, und daher jederzeit reversibel. Die Stirn runzelte ich lediglich beim Unterzug, der in der Mitte stumpf gestossen ist. Ohne eine versteckte Verstärkung (Eisenträger oberhalb der Decke?) hält das nicht, aber wenigstens wurde die ergänzte Hälfte in der Form und auch im Schwundrissbild der originalen Hälfte angeglichen.




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    Sogar die ehemalige Rückwand existiert noch! Die blinden Fenster verraten aber, dass das Haus gegen hinten eine Erweiterung erfuhr.




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    Ein anderes bemerkenswertes Verkaufslokal ist in einem der seltenen Steinhäuser untergebracht, und zwar in Fischmarkt 1. Das Haus ist bereits 1350 als "domus lapidea" (steinernes Haus) erwähnt, und hat eine pofilierte Mittelsäule aus Eiche aus dem Jahre 1555. Ich vermute, dass damit die im Bild hinten sichtbare Säule gemeint ist. Die im Vordergrund sichtbare Säule ist eine exakte neue Kopie der hinteren. Durch Stellwände ist es möglich, dass die Halle zwei verschiedene Geschäfte beherbergt, und ihre grosszügige Dimension trotzdem noch als Ganzes erhalten ist.




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    Stilleben neben dem kopierten Pfeiler...
    Der Schwindriss mit dem sichtbar gewordenen hellen Holz bezeugt, dass für die Säule ein echter Baumstamm verwendet wurde, und nicht irgendein Holzverbundstoff!




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    Ein wunderbarer Anblick erwartet einen an der Strassengabelung Salzgasse - Fahrgasse - Fischmarkt. Weil die Fassade so prächtig restauriert ist, überwand ich mich, in Deutschland eben italienisch essen zu gehen...




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    ... doch die Speisekarte belehrte mich eines Besseren: "Fischmarkt 8 - Das 40-50 Jahre alte Foto zeigt das um 1520 erbaute Gebäude am Fischmarkt. Bei der Renovierung 1989 wurde das Haus komplett abgetragen, ein Stahlskelett mit Betonfundament errichtet und die Original-Fassade in der ursprünglichen Form wieder davor gesetzt".




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    Die rechte Seitenfassade offenbart dies augenfällig... zwar ungewohnt in einer historischen Altstadt, aber der mit Backsteinen ausgefachte Stahlskelettbau hatte seine Blüte schon vor 100 Jahren im Industriebau. Die Renovation solcher Stahlskelettbauten beschert heute grosse Probleme, wenn die Stahlprofile durchgerostet sind. Ein verfaulter Holzbalken kann von aussen herausgestemmt werden, und mit einem neuen Balken ersetzt werden. Aber wie geht das bei einem Stahlträger? Hier wurde also eine fast 500-jährige, jederzeit reparierbare Holzkonstruktion durch eine praktisch unrenovierbare Eisenkonstruktion ersetzt!




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    Das "Herankleben" der Hauptfassade an den Neubau wurde noch unterstrichen, indem die Eckpfosten auf einen dünnen Querschnitt zurückgeschrotet wurden. Auch die Schwelle darüber ist aus verschiedenen Teilen zusammengeschustert, und nicht einmal mit der Fassade verbunden. Ohne Schrauben hält das nicht...


    Die Fenster schliessen auch nicht sauber ans Eisenfachwerk an, ts-ts-tssss.... Und was soll eine historische Bleiverglasung an einem modernen Gebäude? Alles in allem: sicher kein alltäglicher Versuch, aber von der planerischen Seite her in vielen Details misslungen.




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    Eckpfosten, Brustriegel, Bug, Rähm, auskragende Deckenträger, Schwelle usf., alles ist vom traditionellen Fachwerkbau übernommen. Aber weshalb in der teureren und erst noch schwer reparierbaren Stahlbauweise, als in der bewährten Holzbauweise? Solche Experimente fördern nur das Vorurteil, dass renovieren zwangsläufig teurer ist als neu zu bauen!!!




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    Wohl nachträglich wurde an der linken Seitenfassade eine Lüftung installiert, und dies in direkter Nachbarschaft zum Haus Kleine Rütsche 4 aus dem Jahre 1289 (siehe Bild 2 im ersten Beitrag)!




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    Beim Nachbarhaus an der Fahrgasse wurde auf eine komplette Freilegung des Fachwerks verzichtet. Leider harmoniert das unnatürliche Rot nicht mit der Farbe des Schiefers. Ungewöhnlich gross ist die Auskragung über Eck über dem Erdgeschoss, welche sich auf geschosshohe Büge abstützt.

  • 5. 'Analytische' Freilegungen



    Eine Restauration besteht oft in der Rückführung eines Hauses in einen früheren Zustand, worunter auch die Freilegung von Fachwerk fällt. Das heisst nun nicht, dass der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wird. Ein Haus wurde immer wieder umgebaut, und hat dabei sein Aussehen verändert. Bei Teilrekonstruktionen wird ein neuer Zustand geschaffen, den es früher gar nie gegeben hat. Mehrere erhaltenswerte Bauetappen werden dabei berücksichtigt, und in sich restauriert. Ein anschauliches Beispiel wäre beispielsweise die Freilegung eines romanischen Natursteinmauerwerks einer Kirche, welche Fenster aus barocker Zeit aufweist. Zur barocken Zeit war aber das Mauerwerk sicher bereits verputzt, und die Fensterausbrüche sind nach der Renovation am wieder sichtbaren Mauerwerk ablesbar - ein Zustand, welcher vom Baumeister des Barocks sicher nicht vorgesehen war! Diese Art und Weise einer Restauration, bei welcher am gleichen Bauwerk verschiedene Bauzustände gezeigt werden, wird analytische Restauration genannt, und wurde in den 70er- und 80er- Jahren oft angewandt. Die aktuelle Denkmalpflegepraxis lehnt das Prinzip der analytischen Restauration eher ab, und gibt der Erhaltung eines jüngeren Zustandes den Vorzug.


    Eine analytische Freilegung erfolgte an der Fassade von Fischmarkt 20:




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    Der Ausbildung der Fenster nach dürfte es heute mit dem sehr schmalen Haus links eine Einheit bilden. Im Erdgeschoss erkennt man konstruktives (also nicht auf Sicht bestimmtes) Fachwerk, wobei die Eckpfosten reiches Schnitzwerk zeigen, und eine ältere Bauetappe dokumentieren. Die Deckenbalkenköpfe und die Zwischenräume sind ebenfalls reich geschnitzt. Über einem klassizistischen Abschlusssims folgen zwei verputzte Fachwerkgeschosse, wiederum mit Schnitzwerk an den unteren Eckpfosten. Die Giebelwand schliesslich zeigt Sichtfachwerk, deren abschliessende Bogenlinie über die Dachflächen hinausgreift (wie bei Salzgasse 21).


    Die drei grundlegend unterschiedlich behandelten Fassadenteile finden ihren Zusammenhalt nur im überall verwendeten Rot-Ton. Eigentlich sind verputzte Geschosse über einem Fachwerkgeschoss unzulässig, da eine schwere massive Wand über einer leichten Fachwerkwand konstruktiv fragwürdig wäre. Der wertvollen Schnitzereien wegen wurde wohl das Vorgehen der analytischen Freilegung gewählt.




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    Ausschnitt vom Erdgeschoss




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    Einige der Fratzen an den Balkenköpfen sind aufgedoppelt. Beim Verputzen des Fachwerks wurden die vorstehenden Teile abgebeilt, da diese der Verkleidung im Weg waren, und bei der analytischen Freilegung wieder ergänzt. Die profilierte Verkleidung mit dem Abschlussims ist heute nur noch in ihrem oberen Teil erhalten, und wirkt sehr schwer. Bei der Restaurierung der Fassade hätte man dieses Sims besser durch ein schlankeres Brett ersetzt.


    Der Dachstuhl hat sich stark in Richtung Gasse verzogen, und dabei die Giebelwand nach aussen gedrückt.




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    Die immensen Schäden an der Giebelwand sind auf den ersten Blick kaum erkennbar. Einige davon wurden bei einer früheren Renovation saniert, aber eine abermalige Renovation wäre sehr dringend! Ob die beiden Reliefs mit den Engeln ursprünglich sind, weiss ich nicht; jedenfalls sind sie farblich sehr gelungen und auf Fensterhöhe gut platziert.




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    Interessante Spiegelung am Erdgeschoss; linkst die einem Stahlskelettbau vorgehängte Fachwerkfassade (siehe den letzten Beitrag).



    >>> Fotografie mit einem älteren Zustand des Hauses siehe in diesem Beitrag.





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    Beim Haus Kornmarkt 2 wurde an der Seite zur Böhmergasse ebenfalls 'analytisch' freigelegt. Dadurch erkennt man, dass die Erdgeschossdecke einmal auf eine tiefere Lage abgesenkt wurde. Die Fenstersimse des 1. Obergeschosses liegen heute auf der Höhe der ursprünglichen Decke, deren Balkenköpfe noch in der Giebelwand stecken. Das Haus dürfte aus dem 17. Jahrhundert stammen. Die geschnitzten Brüstungstafeln gehören noch zu diesem älteren Zustand mit der höher liegenden Decke; das stukaturähnliche Schnitzwerk weist sie aber eher ins 18. Jahrhundert. Die Umrandung der beiden verschlossenen Fenster hingegen stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, wie auch die Fenster im 2. Obergeschoss und die Dachuntersicht mit den Konsolen. Ob die Erdgeschossdecke auch erst zu diesem Zeitpunkt ihre Höhenveränderung erfuhr, kann von aussen nicht bestimmt werden.

  • Die Betrachtung des folgenden Bildes aus dem Marburger Bildindex hat doch noch meine Zweifel aufkommen lassen, ob die Decke des zuletzt beschriebenen Hauses tatsächlich versetzt worden ist. Es handelt sich um das zweite Haus von links:


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    Quelle: bildindex.de, Kornmarkt von Süden


    Um die vorletzte Jahrhundertwende waren zweigeschossige Ladenfronten in Mode, vor allem, weil dann im Obergeschoss zusätzliche Schaufensterfläche gewonnen werden konnte. Es ist möglich, dass die Fensterbrüstungen des 1. Obergeschosses durch deren Ausbruch bis auf den bestehenden Boden hinabgezogen wurden, der Boden selbst aber in der Höhe unverändert blieb. Grossflächige Ladenbeschriftungen sowie Reklamen konnten zwischen dem Erd- und 1. Obergeschoss angebracht werden, indem die Öffnungen im Erdgeschoss relativ niedrig gehalten wurden. Die heute eingesetzten Fenster haben wiederum eine fixe Brüstung... >>> Nachkontrolle beim nächsten Besuch!


    Insofern ändert diese Vermutung aber nichts an der Beispielhaftigkeit einer analytischen Freilegung.

  • 6. Letzter Rundgang durch die Altstadt



    Nun folgt der letzte Teil meines Rundgangs, welcher wiederum im Uhrzeigersinn durch die engere Altstadt führt. Mein Blick richtet sich dieses Mal auf Fussgängerebene, und nicht mehr zum Himmel hinauf. Das Schwergewicht bilden wie in den vorangehenden Beiträgen baugeschichtliche Bemerkungen, aber auch Kritiken an Renovationen und an der "Gassen(ver)möblierung".




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    Zuoberst am Kornmarkt: schreierische Farben und das Verstellen mit unpassenden Passantenstoppern nur vor einem einzigen Geschäft beeinträchtigen das Erlebnis eines Stadtbummels. Weshalb soll ein Kioskladen vor allen anderen Läden so herausstechen?




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    Unmittelbar dahinter, an der Böhmergasse, steht dieses unscheinbare Haus. Die Vorkragungen und die vorstehenden Balkenköpfe verraten das Fachwerk unter dem Verputz. Dies wäre einer meiner Lieblingskandidaten für eine fachgerechte Restaurierung!




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    Vis à vis wurde vor ca. 20 Jahren ein ebenfalls verputztes Fachwerkhaus in Massivbauweise aufgestockt. Wie lange die Holzkonstruktion dies aushalten wird, bleibt offen...




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    Ebenfalls an der Böhmergasse findet sich ein seltenes Exemplar eines Kastenerkers. Die übliche Grundform der Erker in Limburg beruht auf einem Polygon. Die Fassade ist prächtig restauriert; einziger Kritikpunkt ist die farbliche Nicht-berücksichtigung der geschnitzten Kopfwinkelhölzer über den Streben. Ihre vertieften Verzierungen müssten weiss herausgestrichen werden.




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    In extreme Schieflage geraten ist die Erdgeschosshalle von Fischmarkt 14. Ich fragte mich, ob da im April immer noch ein Teil der Weihnachtsdekoration hängt. Überhaupt ist die Fassade mit viel zu viel "Zierrat" verhängt!




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    Soll ich mal mit Aufzählen beginnen? Ist mir zuwider... Am schlimmsten finde ich dieses asymmetrische Dreiecksschild mit der weissen Laterne darüber. Alles ist sehr lieblos verhangen und verstellt; man beachte nur schon die kalten Pflanztröge aus Beton.




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    Män würde kaum denken, dass der Kern von Fischmarkt 15 wahrscheinlich bis um 1300 zurückreicht! Eine alte Aufstockung und die klassizistische Fensteranordnung haben an der Hauptfassade nicht mehr viel ursprüngliche Bausubstanz übrig gelassen. Im nicht zugänglichen Hof ist vom Kernbau mehr sichtbar: G. Ulrich Großmann beschreibt 1983 in "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen" das Hausgerüst als Wandständerbau, dessen Ständer traufseitig von Riegeln überblattet sind, mit später jedoch entfernten Schwertungen. Giebelseitig kragt das 2. Obergeschoss mit Eckhängepfosten aus, und in den Schwellen sind die Blattsassen der früher aufgeblatteten Pfosten erkennbar.




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    Ich enthalte mich wieder mal der Kritik am ungepflegten Hauseingang des oben beschriebenen Hauses...




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    Fachgerecht restauriertes Fachwerk an der Kolpingstrasse oder Rossmarkt, auch wenn die Fenstereinteilung im 18./19. Jahrhundert verändert worden ist. Man rechne sich mal aus, wie viel Prozent der Fensteröffnung durch die überdimensionierten Fensterrahmen verdeckt werden; ich denke, an Glasanteil sind höchstens noch zwei Drittel verblieben... Entsprechende Verdunkelung im Hausinnern!




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    Ein obligatorischer Stahl-/Glasanbau darf natürlich auch in Limburg nicht fehlen. Durch den massiven Hofabschluss und das breite, weiss gestrichene Garagentor fühlte ich mich beinahe nach St. Tropez versetzt... schade um das Fachwerk... schnell weiterlaufen!




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    miefig... (Kolpingstrasse)




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    Unterhalb des Domplatzes stiess ich auf eine moderne Erdgeschossgestaltung an einem wunderbar restaurierten Fachwerkhaus. Das Ganze ein bisschen gesucht, aber eine gute Gesamtwirkung der Fassade.




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    Einfach ein schönes Fachwerkhaus zwischen Kornmarkt und Kolpingstrasse. Am Fenstererker spürt man bereits den fränkisch/rheinischen Einfluss. Anhand der vielen neu eingesetzten Hölzer erkennt man, dass die Fensterteilung rekonstruiert worden ist. Es ist selten, dass bei einem privaten Wohnhaus die Fenster rekonstruiert werden, da die ursprünglichen Fenster meist kleiner waren als diejenigen des 18./19. Jahrhunderts. Mit einer Rekonstruktion einher geht nämlich oft wieder ein Lichtverlust.




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    Vergewaltigung!!! (zwischen Barfüssergasse und Kolpingstrasse)




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    93

    Barfüssergasse 6: trotz beträchtlicher Fenstervergrösserung hat viel vom ursprünglichen Fachwerk überdauert. Bemerkenswert sind die geschnitzten Eckpfosten, welche, wie die gesamte Fassade überhaupt, farblich sehr gelungen gefasst sind. Als Besonderheit fielen mir die beiden ebenfalls geschnitzten Bundpfosten im 2. Obergeschoss und 1. Dachgeschoss auf.




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    Beim Nachbarhaus Barfüssergasse 4 hat bei der klassizistische Fassadenumgestaltung viel weniger vom ursprünglichen Fachwerk überlebt. Einzig das Giebelfeld ist noch vollständig erhalten. Die drei aufgedoppelten, mit Schnitzereien versehen Bretter haben an dieser Fassade überhaupt nichts verloren, das ist Kitsch! Hingegen haben mich die alten Fenster aus dem 19. Jahrhundert mit dem unebenen Glas gefreut.




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    Auch beim Haus Barfüssergasse 10 wurden solche beschnitzten Bretter angebracht, welche überhaupt nicht im Einklang mit dem Fachwerk stehen! Die Fensteranordnung ist ebenfalls jünger und entstammt dem (18.?)19. Jahrhundert, während das Haus wahrscheinlich im 17. Jahrhundert errichtet worden ist.




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    Wieder zurück am Kornmarkt blickt man auf diese Fassade. Auffallend sind die hochformatigen Einzelfenster, die im Einklang mit dem Zierfachwerk stehen. Eigentlich ist das ein Fensterformat des Klassizismus und Historismus, also den Stilepochen lange Zeit nach der Fachwerkblüte! Tatsächlich handelt es sich um ein um 1900 neu errichtetes Fachwerkhaus, welchem vor ca. 15 Jahren ein postmodernes Sockelgeschoss untergeschoben worden ist.




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    97

    Im Unterschied zum historistischen Fachwerkhaus zuoberst am Kornmarkt bei der Abzweigung der Salzgasse und Barfüssergasse (s. Bild 4 im ersten Beitrag dieses Stranges) orientiert sich das Fachwerkbild weitgehend den originalen Vorbildern früherer Jahrhunderte.

  • Zitat von Gast

    Was mir in Limburg gar nicht gefiel, war das "historisierende" Betonpflaster in vielen Gassen, welches die Wirkung des Stadtbildes noch zusätzlich schmälert.


    Die Art der Gassenpflästerung ist natürlich in jeder Stadt ein Diskussionspunkt. Einerseits wird eine Pflästerung gefordert, welche keine grossen Lärmemmissionen verursacht, für Gehbehinderte kein Hinderniss darstellt und unterhaltsfreundlich ist. Andererseits sollte sie auch ästehtisch ansprechend sein. In Limburg findet man aber eine Vielzahl von unterschiedlichen Gassenpflästerungen, wie man sich in der Galerie davon überzeugen kann. Das Spektrum reicht von den erwähnten Betonverbundsteinen (s. Bild8) bis hin zum unebenen Kopfsteinpflaster (s. Bild 14). Betonverbundsteine wurden vor allem in von Passanten intensiv begangene Gassen verlegt.


  • 7. Quintessenz aus meinem Limburg-Besuch



    Da ich schon mehrmals gelesen hatte, dass man an Hand von Limburg ein gutes Bild über das Aussehen der ehemaligen Altstadt von Frankfurt erhält, galt dieser Stadt mein spezielles Interesse. National gesehen trifft diese Aussage wahrscheinlich zu, da beide Städte in Hessen liegen, und auch im Gebiet des Fränkischen Fachwerks. Zur Frage hingegen, ob das auch für die Region zutrifft, machte ich vorerst ein Fragezeichen, da immerhin eine Distanz von 75 km zwischen ihnen liegt. Auch kann sich Limburg nicht mit der Grösse und wirtschaftlichen Bedeutung Frankfurts messen, was seinen mittelbaren Niederschlag in der Baukultur finden musste.


    Mich interessierte vor allem der Fachwerkbau im Detail, denn mit diesem Wissen hoffte ich, mich an Rekonstruktionen von Frankfurter Fachwerkbauten näher heranwagen zu können. Aus Kenntnis der Fachwerkstädte in meiner Heimat, Ostschweiz/Bodenseegebiet, wusste ich, dass nur schon in Nachbargemeinden grosse Unterschiede bestehen, was das Fachwerkbild betrifft (also der Balkenverlauf, Zierfachwerk etc.), hingegen eine Verwandtschaft in der Konstruktion besteht. Diese Feststellung musste ich auch in Limburg machen, da ich hier keine Fachwerkbauten finden konnte, welche den bisher bekannten in Frankfurt ähnlich sind.


    Aus meinem nur 5-stündigen Besuch in Limburg sind mir vor allem folgende Aspekte geblieben:


    - die ältesten Fachwerkbauten aus der Wiederaufbauphase nach dem Stadtbrand von 1289
    - Erdgeschosshallen
    - die Entwicklung des geschweiften Giebels


    Zu diesen drei Punkten möchte ich eine kurze Zusammenfassung geben, zusammen mit bereits eingestellten Bildern. Abschliessen möchte ich meinen Bericht aber mit einem Kapitel mit dem folgenden Titel:


    - Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts


    Diesen vierten Punkt werde ich eingehender erläutern, denn schliesslich machte mir während meiner Limburg-Studien gerade die zufällige Entdeckung einiger auffallend ähnlichen Gebäude und deren möglicherweise Zuordnung an ein und denselben Zimmermann am meisten Spass!






    7.1 Die ältesten Fachwerkbauten


    Die ältesten bekannten Häuser, welche unmittelbar nach dem Stadtbrand von 1289 entstanden, haben alle eine identische Grundstruktur. Gemeinsam ist ihnen die Zweigeschossigkeit mit Halle und ein- oder zweiseitig auskragendem Wohngeschoss darüber. Konstruiert sind sie als Wandständerbauten. Ursprünglich standen sie wohl frei, und dürften ihrer Grosszügigkeit wegen von vermögenderen Bauherren errichtet worden sein.




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    34

    Römer 2, 4, 6: zweigeschossiger Wandständerbau von 1289 mit hoher Halle und giebelseitig stark vorkragendem Obergeschoss (Halle nachträglich mit Zwischengeschoss unterteilt, Umbau 1581-83).




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    22

    Kolpingstrasse 6: zweigeschossiger Wandständerbau nach 1289 mit hoher Halle und giebelseitig stark vorkragendem Obergeschoss (Halle nachträglich mit Zwischengeschoss unterteilt).




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    2

    Kleine Rütsche 4: zweigeschossiger Wandständerbau von 1289 mit hoher Halle und giebel- sowie traufseitig vorkragendem Obergeschoss (durchgreifender Umbau um 1670).




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    18

    Römer 1 (rechts): zweigeschossiger Wandständerbau von 1296 mit hoher Halle und giebelseitig stark vorkragendem Obergeschoss (Halle nachträglich mit Zwischengeschoss unterteilt, gegen 1500 Anbau).




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    12

    Ecke Fischmarkt - Rütsche: Vom Alter her gehörte dieses Eckhaus mit einem Kern von 1291 auch in diese Gruppe. Es ist allerdings auf unregelmässigem Grundriss errichtet, und stand wahrscheinlich nie frei. Es zeigt keinerlei gemeinsame Merkmale mit den vier Bauten oben. Vom Kernbau ist aussen nichts sichtbar. Vielmehr beschreibt dieses Haus einen Gebäudetypus der sich allmählich verdichtenden Stadt.






    7.2 Erdgeschosshallen


    In Limburg fällt die hohe Zahl noch erhaltener und wiederhergestellter Erdgeschosshallen bis ca. 1600 auf. Ihre Besonderheiten und allfällige konstruktive Gemeinsamkeiten untereinander habe ich allerdings noch nicht weiter betrachtet. Zwei Erdgeschossfronten mit Spitzbogenarkaden sind rekonstruiert worden.




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    35

    Fischmarkt 16/17: Mitte 15. Jh.




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    62

    Salzgasse 17/19: 1347/49, nach Abbau rekonstruiert.




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    17

    Rütsche 1: kurz nach 1474, Arkaden rekonstruiert.




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    38

    Rütsche 12: ca. 1500, Arkaden nach Befund rekonstruiert.






    7.3 Die Entwicklung des geschweiften Giebels


    Eine mir bisher unbekannte Datierungshilfe sind die geschweiften Giebel. Walter Sage ("Das Bürgerhaus in Frankfurt am Main, 1959") hat sich mit dieser Thematik eingehend befasst, und nicht zuletzt deshalb versuchte ich, seine Erkenntnisse auf Limburg anzuwenden. Dabei fielen mir zwei Gruppen von Giebelformen auf:


    - Giebel, welche ausschliesslich aus konvex gebogenen Balken gebildet werden
    - Giebel, welche aus konvex/konkav geschwungenen Bohlen gebildet werden


    Dabei gibt es auch Mischformen, welche teilweise durch Umbauten entstanden sind. Auch konnte ein geschweifter Giebel nachträglich auf ein bestehendes Haus aufgesetzt werden, genau so, wie solche Giebel auch abgeschrotet wurden, wenn sie grosse Fäulnisschäden aufwiesen. Mangels Baudaten konnte ich keine chronologische Abfolge zusammenstellen, aber auf Grund stilistischer Eigenheiten am Fachwerk gelang dennoch eine grobe Einteilung.


    So konnte ich Walter Sages Feststellungen auch in Limburg bestätigen, dass die Giebelformen aus ausschliesslich konvex gebogenen Balken die ältesten sind. Als Hauptvertreter stelle ich hier Salzgasse 21 und das wahrscheinlich vom selben Zimmermann errichtete, 1584 datierte Haus an der Nonnenmauer vor.




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    49

    Salzgasse 21: Das ausgemauerte Fachwerk reicht bis an die konvex gebogenen Randbalken, und damit über die Dachfläche. Konstruktiv hatte diese Lösung den Nachteil, dass die Fassade und Dachflächen voneinander getrennt wurden, und auch kein Dachvorsprung als Wetterschutz mehr vorhanden war. Insbesondere verzieht sich ein krumm gewachsenes Holz viel stärker als ein gerade gewachsenes. Das heisst, dass ein Randbalken nur nach vorne ausweichen konnte. Nach hinten war ein Ausweichen wegen der anschliessenden Dachfläche nicht möglich, und in der Vertikalen waren die Randbalken fest mit dem Fachwerk verbunden. Zwangsläufig musste sich somit ein Spalt zwischen Giebel und Dachflächen bilden, welcher Unterhaltsarbeiten erforderte. An der Nordfassade von Salzgasse 21 kann man dies gut an den rechten beiden Bogenfeldern beobachten, wo jeweils das ganze Wandfeld nach aussen buchtete.




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    50

    Die Aufsicht auf die Giebellinie beträgt in diesem Fall ca. 25 bis 30 cm. Wenn man den Kopf nach rechts neigt, kann man die "bewegte" Fassadenoberfläche sehr gut erkennen!




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    52

    An der Nonnenmauer: Baudatum 1584.




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    45

    Salzgasse/Fischmarkt: Die konvexen Bogenformen verraten, dass auch unter diesem Schieferschirm eine Giebelkonstruktion verborgen ist, welche den beiden vorangegangenen Beispielen entspricht. Beim links angeschnittenen Haus erkennt man anhand der Schnitzereien einen abgeschroteten Schweifgiebel (siehe dazu auch Teil 3, "Giebelkunde", Bild 47 und folgende).




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    48

    Plötze 19: Ein Beispiel einer Mischform mit gerader Ortlinie und geschweifter Giebellinie.




    Die jüngere geschweifte Giebelform ist feingliedriger und besteht aus konkav/konvex gebogenen Hölzern. Diese Hölzer werden nicht mehr aus krumm gewachsenen Balken gebildet, sondern aus ausgeschnittenen Bohlen, welche vor oder auf den Randsparren aufgesetzt wurden. Auch sind sie nicht mehr nur mit Profilen versehen, sondern mit freien Schnitzereien. Konstruktiv verhielt sich diese Form gegenüber der voran beschriebenen besser, da sie mit der Dachfläche fest verbunden war, und sich die Wände deshalb auch nicht mehr verzogen. Die Aufsicht beträgt hier nur noch etwa 20 cm.




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    5

    Salzgasse/Kornmarkt: Typische Giebelformen des 17. Jahrhunderts. Das Haus links entstand aus einem schmaleren Kernbau aus dem frühen 16. Jahrhundert durch Verbreiterung und Aufsetzen eines neuen Daches.




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    Haus "Trombetta", Frankfurter Str. 2: Das Haus ist im 17. Jahrhundert in einem Zug errichtet worden mit Eckerker und geschweiftem Giebel.

  • Danke für eure Reaktionen!


    Zitat von "Alexander"

    Vielen Dank, Reigel, für deine Abschlussbetrachtung. Hast du vor, deine Erkenntnisse im Vergleich Frankfurt - Limburg zu Papier zu bringen? Ich kann mir gut vorstellen, dass das Hessische Landesamt für Denkmalpflege die Veröffentlichung im Jahrbuch übernehmen würde.

    Den Vergleich Frankfurt - Limburg zu Papier zu bringen, wäre sehr reizvoll, aber auch zeitaufwändig. Und ein solcher Aufsatz wäre vor allem auch deshalb schwierig, weil ich ja zum Schluss gekommen bin, dass es praktisch keine Vergleichsbeispiele gibt. Hingegen gelang es mir aber, einen Weg zu zeigen, wie man Rekonstruktionen von Fachwerkbauten in Frankfurt angehen könnte. Dieser Weg wird aber erst nach dem Einstellen meines letzten Berichtes begreifbar, in wechem ich einige ausgewählte Bauten in Beziehung zueinander bringe.


    Zitat von "BautzenFan"

    An dieser Stelle mal ein ganz herzliches Dankeschön für Deine wunderbaren Beiträge zum Thema Fachwerk. Obwohl fachlich sehr anspruchsvoll, liest sich das auch für ziemliche Laien (wie mich) sehr genussvoll. Der Begriff *ziemlicher* Fachwerk-Laie deshalb, weil ich dank Deiner „Schulung“ (ganz positiv gemeint) auf diesem Gebiet schon kein totaler Laie mehr bin.

    Ich bin Dir doch solche Beiträge schuldig, nachdem sich deine Dresdner Schloss-Beiträge wie ein Kriminalroman lesen!!!


    Zitat von "baukunst-nbg"

    Riegel, auch ich habe alles gelesen und bin äußerst dankbar für Deine instruktiven Beiträge. Es regt an, selbst loszugehen und genau hinzusehen.

    Bald komme ich wieder mal Nürnberg unsicher machen... :zwinkern:


    Zitat von "spacecowboy"

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön. Während ich woanders in letzter Zeit feststellen musste, dass der architektonische Wert eines Gebäudes mitunter anhand dessen Höhe, Rendite, Auslastung und Finanzierung gemessen wird, tut es ungemein gut, ins APH-Forum zu schauen und zu wissen, worauf es bei Architektur wirklich ankommt. Deine Beiträge tragen ungemein dazu bei.


    Ein kleiner Kritikpunkt vielleicht noch von mir. Dass du als Fachwerk-Experte kritisch urteilst, ist nachvollziehbar, aber ich finde, nicht jede nicht fachgerechte Umbaumaßnahme wirkt wirklich störend.

    Ich gehe mit Dir einig, dass nicht jede nicht fachgerechte Umbaumassnahme wirklich störend wirkt. Als prominentes Beispiel dazu möchte ich auf das rekonstruierte Fachwerkhaus hinweisen, bei welchem das Fachwerk des ersten Obergeschosses nicht aus Holz, sondern aus Eisen errichtet worden ist (Bilder 65 -70, Seite 2). Ich bin überzeugt, dass sogar vielen APH-lern bei einem Kurzbesuch in Limburg dies nicht aufgefallen wäre...

  • 8. Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts


    (oder: eine Serie von Bauten, welche höchstwahrscheinlich alle vom selben Zimmermeister errichtet worden sind)




    Wie im Titel erwähnt, sind mir während meiner Limburg-Studien einige Häuser aufgefallen, welche auffallende Ähnlichkeiten untereinander besitzen. In der Galerie habe ich bereits darauf hingewiesen, dass Salzgasse 21 und das Haus Nonnenmauer 7 wahrscheinlich vom selben Zimmermeister errichtet worden sind. Nun gibt es aber noch weitere Bauten in Limburg, welche deren eigentümlichen Merkmale ebenfalls aufweisen.


    Ich beginne, diese Merkmale an den ersten beiden Bauten aufzuzeigen. Beide Bauten habe ich zwar schon mehrmals gezeigt, ohne aber auf diese Merkmale hinzuweisen. Dies hat auch zur Folge, dass ich bereits gezeigte Fotos ein zweites und ein drittes Mal einstelle, was aber der praktischen Arbeit mit der eingehenden Beschäftigung mit diesem Ort entsprach. Zuerst sichtete ich das gesamte Material und stellte es in einer Galerie vor, dann suchte ich Spezialthemen aus, behandelt diese, und schliesslich zog ich Schlüsse daraus. So hatte ich aus einem Fundus von rund 120 Bildern der ganzen Altstadt natürlich keine grosse Auswahl.






    Salzgasse 21 und Nonnenmauer 7




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    51

    Salzgasse 21, Westfassade.





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    Nonnenmauer 7, Ostfassade; Baudatum 1584.



    Zuerst mal eine Auflistung der gemeinsamen Merkmale:


    - ausschliesslich konvex gebogene, profilierte Giebelabschlussbalken
    - mehrfach profilierte Schwellen, Rähme und Ständer, teilweise mit Schiffstau
    - eigenwillig geschnitzte Balkenköpfe, insbesondere die mächtigen Köpfe der Unterzüge
    - vertiefte Wandpartien zwischen verstrebten Eck- und Bundständer und benachbartem Pfosten


    Diese "vertieften" Wandpartien erläutere ich an Hand des nächsten Bildes:


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    Salzgasse 21, Ausschnitt Westfassade (die gelben Einzeichnungen nicht beachten).



    Neben den Eckständern und den Bundständern (Pfosten, bei denen die Innenwände an die Aussenwand anschliessen) entstanden durch eine Profilierung vertiefte Wandfelder. In diesen sitzen jeweils eine gebogene Fussstrebe, eine kürzere Gegenstrebe und ein ausgeschnittenes Kopfwinkelholz. Ein Pendant zu diesem Kopfwinkelholz ist symmetrisch dazu am nächsten Fensterpfosten angebracht. Die vier Hölzer beschreiben eine "Tropfenform", sodass ein optisch geschlossener Kräftefluss entsteht. Dieses Motiv kann auch an vielen andern Häusern in Limburg und in Ortschaften der Region festgestellt werden (nicht aber in Frankfurt!), und stellt insofern noch nichts Spezielles dar. Der Zimmermeister von Salzgasse 21 und Nonnenmauer 7 hat dieses Motiv aber konsequent angewendet, und zudem in einem wenige Zentimeter vertieften Wandfeld angeordnet.




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    53

    Nonnenmauer 7, Nordfassade mit Bauinschrift und Jahrzahl "1584".



    Bei Nonnenmauer 7 sind diese vertieften Felder links und rechts ebenfalls vorhanden. Gut erkennbar sind auch die "Schiffstau-Profile", welche den Eckständer sowie die Schwelle, Rähm und gebogenen Abschlussbalken des Giebelfeldes zieren. Der Bundständer in letzterem ist ebenfalls profiliert. Die Schnitzereien an den Köpfen der beiden überstehenden Unterzüge sind wahrscheinlich aufgesetzt. Ganz eigentümlich sind die Balkenköpfe unten geschnitzt: an der Stirn eine Reihe von Plättchen, und an der Unterkante drei Rückenwirbel-ähnliche "Gebilde" (mir fällt jetzt kein passenderer Ausdruck ein). Weiter fällt auf, dass das Fachwerk ziemlich gleichmässig über die ganze Wand verteilt ist, ohne irgendwelche Schwerpunkte zu setzen.


    Spätestens jetzt dürfte die auffallende Ähnlichkeit beider Bauten klar sein. Vergleicht man nochmals das westliche Giebelfeld von Salzgasse 21 (Bild 51) mit dem östlichen Quergiebel von Nonnenmauer 7 (Bild 52), so stellt man fest, dass das Balkenbild praktisch identisch ist: links und rechts sitzt jeweils am Fusspunkt der Giebelwand ein Feld mit einem Andreaskreuz in Kombination mit einer gebogenen Raute. Auch ist bei beiden die Mittelpartie mit den Fussstreben und Kopfwinkelhölzern wieder vertieft zwischen dem profilierten Bundständer und profilierten Fensterpfosten angeordnet.


    Weitere identische Zierfachwerkformen stellt man fest, wenn man den Quergiebel von Nonnenmauer 7 mit dem Nordgiebel von Salzgasse 21 vergleicht:


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    49

    Salzgasse 21, Nordfassade.



    - Andreaskreuze in Kombination mit einem Kreis, dessen Segmente gegen innen eine Nase aufweisen
    - Vierpassformen (eigentlich eine Raute aus Viertelkreisbälkchen, mit Nasen innen und aussen)


    (mehr über Salzgasse 21 ab hier.)






    Unbekanntes Nebengebäude




    Mein Interesse hat auch das letzte Bild im Marburger Bildindex geweckt, welches ein unbekanntes Haus, möglicherweise aus Limburg, zeigt:


    MI12510d13b.jpg


    Quelle: www.bildindex.de



    Es wird sich kaum um eine reine Scheune handeln, sondern möglicherweise um eine Kutscherwohnung. Auch wenn ich nicht weiss, ob dieses Gebäude noch existiert, so ist mir das geschosshohe Feld mit Andreaskreuz und Raute aufgefallen, ebenso die Aneinanderreihung der geschwungenen Streben. Die Ähnlichkeit mit der Ostfassade vom "Nonnenmauer" ist frappant! War auch hier unser Zimmermeister am Werk?






    Römer 2, 4, 6




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    33

    Dieses Haus ist eines aus der Gruppe der ältesten Limburger Bauten, und wurde 1581/83 umgebaut. Insbesondere die Ostgiebelwand wurde damals wesentlich erneuert, und da interessiert vor allem das 2. Obergeschoss. Dass die Schwelle und der Rähm profiliert sind, ist noch nichts Spezielles. Dass aber der Rähm ein Schiffstauprofil aufweist, lässt aufhorchen. Zudem ist das Wandfeld beim rechten Eckständer vertieft und mit Streben in Tropfenform ausgesteift. Vertiefte Wandpartien finden sich auch in der Mitte des ersten Dachgeschosses, dort allerdings mit einer Strebenform des 15. Jahrhunderts (beim Umbau wiederverwendete Streben?). Das geschosshohe Motiv von Andreaskreuz und Raute findet sich ebenfalls wieder. Die Vermutung, dass unser Zimmermeister auch hier tätig gewesen sein könnte, liegt nahe. Diese These unterstützen auch die beiden Baudaten 1581/83 (Römer) und 1584 (Nonnenmauer 7).






    Fischmarkt 20




    (siehe auch Teil 5, "Analytische Freilegungen")


    Eine wortwörtliche Kopie des Balkenbildes der Giebel von Salzgasse 21 und Nonnenmauer 7 findet sich am Fischmarkt, allerdings auf viel geringerer Breite:


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    72

    Dieses Haus scheint in mehreren Etappen entstanden zu sein. Reich geschnitzte Eckständer finden sich bei den Bauten unseres Zimmermeisters nirgends, und so nehme ich an, dass das Giebelfeld jüngeren Datums als die untersten beiden Stockwerke ist, und wiederum er der Urheber ist (über das zweite Obergeschoss lässt sich im aktuellen Zustand nichts aussagen).






    Salzgasse 23-25




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    45

    Die konvexen Bogenformen verraten, dass auch unter diesem Schieferschirm eine Giebelkonstruktion verborgen ist, die den vorangegangenen Beispielen entspricht. Das Sichtfachwerk ist durch die Fenstereinbauten des 19. Jahrhunderts zwar verdorben, aber es gibt noch genügend Anhaltspunkte über das ursprüngliche Aussehen dieses Fachwerkhauses. Wesentliche Merkmale der bisher beschriebenen Bauten finden sich auch hier wieder:


    - Schiffstauprofil an Schwelle, Rähm und Eckständer des 1. Obergeschosses
    - Verstrebung in "Tropfenform" zwischen profilierten Bund- und Eckständern sowie Fensterpfosten
    - Balkenköpfe mit "Rückenwirbel" zwischen 1. und 2. Obergeschoss
    - Vierpass-Motiv (Raute)


    Als Neuerung kommt die Verzierung der unteren Balkenköpfe in Form eines kurzen Schiffstaues hinzu. Ohne nach Nachweisen an der Fassade gesucht zu haben, dürfte das ursprüngliche Fachwerk in etwa so ausgesehen haben:


    lim123xundxx.jpg


    Links: Ist-Zustand; rechts: Rekonstruktionsvorschlag des ursprünglichen Fachwerks.



    Und wenn man anstelle des Schieferschirms den Nordgiebel von Salzgasse 21 (identische Fensterteilung!) aufsetzt, erhält man eine Vorstellung des ursprünglichen Aussehens des Hauses:


    lim123xundxxx.jpg


    Links: Ist-Zustand; rechts: Rekonstruktionsvorschlag des ursprünglichen Fachwerks und Freilegung am Giebel.



    Allein schon die Tatsache, dass das Fachwerk des Giebels von Salzgasse 21 mit dem rekonstruierten Fachwerk der beiden Vollgeschosse äusserst harmoniert, könnte für eine Entstehung beider Bauten aus gleicher Hand sprechen!






    Plötze 19-20




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    48

    Den Giebel dieses Hauses habe ich bereits als Beispiel einer Mischform mit gerader Ortlinie und geschweifter Giebellinie im letzten Beitrag vorgestellt. Daher passte es nicht in die Reihe der Bauten unseres Zimmermeisters. Eine genauere Betrachtung fördert aber auch hier die meisten Merkmale der vorangehenden Gebäude zu Tage:


    - Profilierte Schwellen und Rähme
    - Profilierte Eckständer und Fensterpfosten, erstere mit Schiffstau
    - Strebenanordnung in Tropfenform
    - untere Balkenlageköpfe mit kurzem Schiffstau
    - obere Balkenlageköpfe meist mit Plättchen
    - Unterzugsköpfe unter dem Dachgeschoss mit Rückenwirbel


    Diese Merkmale könnten auch an andern Gebäuden vorkommen, aber die auffallende Häufung der gemeinsamen Merkmale weist auch dieses Haus in die untersuchte Gruppe. Der Giebel könnte einst abgeändert worden sein. Interessant ist nun ein Blick auf die Teilung des Hauses: meist sind breite Gebäude nachträglich halbiert worden durch Erbteilung oder Verkauf. Plötze 19-20 wird wohl von Anfang an als Doppelhaus konzipiert worden sein. Nebst dem Doppelgiebel (der wahrscheinlich aber nicht mehr das ursprüngliche Aussehen besitzt) weisen die Wandfelder in Gebäudemitte mit den reichen Zierformen auf diese Aufteilung hin. Dass der rechte Unterzugsbalkenkopf unter dem Dachgeschoss recht verloren direkt auf einer Wandfüllung ruht, ist statisch unmöglich. Wenn man sich nun die Gebäudetrennwand im 1. Obergeschoss hinter dem rechten Ständer des verzierten Mittelfeldes vorstellt, kommt diese direkt auf und unter einen Deckenbalken zu liegen. Die Trennwand im 2. Obergeschoss wäre dann hinter dem Wandfeld mit den beiden übereinander liegenden Rauten, just unter dem erwähnten Unterzugsbalkenkopf. Unmittelbar hinter dem Rautenfeld wäre dann ein Ständer, welcher die Trennwand abschliesst und den Unterzug trägt, an der Aussenfassade aber nicht in Erscheinung tritt. Diese Lösung wäre bei einer nachträglichen Teilung wohl kaum so ausgeführt worden.






    Kornmarkt 7, Gasthaus "Goldener Löwe"




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    29

    Ein weiteres Haus mit Rundgiebel schliesst den Kornmarkt oben ab. Die bewegte Oberfläche des Schieferschirms zeichnet neben einer leichten Auskragung vor allem im linken Teil das bekannte Schadenbild mit verzogenen Giebelabschlussbalken ab. Wäre da nicht der markante Balkenkopf in der Mitte, würde ich dieses Haus nicht unbedingt in die zu untersuchende Gruppe aufnehmen, da vom Fachwerk nichts sichtbar ist. Die Proportionen und die Fensterverteilung erinnern aber sehr an die Nordfassade von Nonnenmauer 7 (die ursprüngliche Fensterverteilung bestand dort einst ebenfalls aus zwei Zwillingsfenstern):


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    Links: Gasthaus "Goldener Löwe", 2. Obergeschoss und Giebelwand; rechts: Nordfassade von Nonnenmauer 7.



    Der Versuch einer Projektion der Fassade von Nonnenmauer 7 auf den "Goldenen Löwen" sei versuchsweise gestattet, und zeigt eine unübersehbare Übereinstimmung:


    lim142xund142x183x.jpg


    Links: Gasthaus "Goldener Löwe", 2. Obergeschoss und Giebelwand; rechts: Projektion der Nordfassade von Nonnenmauer 7 auf den "Goldenen Löwen".







    Kornmarkt 8/Kolpingstr. 1, rechtes Nachbarhaus des Gasthauses "Goldener Löwe"




    Das Haus ist auf den oberen Fotos rudimentär erkennbar. Das 1. Dachgeschoss hat ebenfalls einen konvex gebogenen Giebelabschluss, das 2. und 3. Dachgeschoss aber einen Giebel in Wellenform. Die Seitenfassade gibt mehr preis:


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    92

    Hier fällt besonders die Aneinanderreihung der geschwungenen Brüstungsstreben auf, und auch die Balkenlageköpfe sind in einer ähnlichen Weise wie bei den untersuchten Bauten geschnitzt. Der markante Unterzugskopf unter der oberen Auskragung gibt hingegen Rätsel auf. Der Eckpfosten des Erkers ist nicht profiliert, dafür aber ebenfalls geschnitzt.


    Im Ganzen sind hier zu wenig gemeinsame Merkmale im Vergleich mit den untersuchten Bauten vorhanden, weshalb dieses Gebäude nicht demselben Zimmermeister zugeordnet werden kann. Es ist wohl auch mehrfach umgebaut worden. War der "unbekannte Zimmermeister" an einer Umbauphase mitbeteiligt, oder haben wir es hier bereits mit einem Haus eines seiner Schüler zu tun?



    Edit. 25.10.2013: Eine Fortsetzung weiterer Bauten, die wahrscheinlich demselben Zimmermeister zugeordnet können, findet sich ab hier.






    Es gäbe noch viel über Limburg zu erforschen, aber nun möchte ich mich wieder dem Studium der Frankfurter Fachwerkbauten widmen, denn diese haben schliesslich den Ausschlag für meinen Kurzbesuch in Limburg gegeben! Mein Schluss ist nun Folgender:


    Ich habe in Limburg wie erwartet keine Bauten gefunden, welche jenen von Frankfurt entsprechen. Die Erforschung eines gemeinsamen Urtypus verläuft ebenfalls negativ, da die ältesten bekannten Bauten in Frankfurt erst dem 15. Jahrhundert entstammten, in Limburg hingegen dem späten 13. Jahrhundert, weshalb sich auch hier keine Vergleiche mehr tätigen lassen.
    Aber der Weg, nach gemeinsamen Merkmalen von verschiedenen Bauten untereinander zu suchen, wie es Walter Sage in "Das Bürgerhaus in Frankfurt am Main" praktiziert hat, hat sich als Erfolgsversprechend erwiesen!




    Abschliessen möchte ich meine Limburg-Galerie nochmals mit einem Bild des Hauses Salzgasse 23-25 mit seinem "cybermässig rekonstruierten" Fachwerk.





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  • Zitat von "RMA"

    Würdest du denn bei den von dir gezeigten Bauten für eine rekonstruierende Sanierung eintreten, sprich, den Zustand aus der Erbauungszeit wieder herzustellen? Insbesondere Salzgasse 21, in deiner rekonstruierten Fassung ein Haus höchster gestalterischer Qualität ist wohl ein unschlagbares Argument für so ein Vorgehen!


    Die Denkmalpflege vertritt ja mitunter (leider) oft die Auffassung, selbst die verstümmelnden Umbauten des 19. Jahrhunderts als sichtbare Spuren zu erhalten...


    Bei Salzgasse 21 und dem Haus Salzgasse/Fischmarkt würde ich für eine Rekonstruktion des Fachwerks plädieren (sofern innen keine Räume mit wertvoller Innenausstattung vorhanden sind, welche mit der aktuellen Fensteranordnung rechnen).


    Aber ich versuche mal, eine allgemeine Antwort auf Fachwerkfreilegung/-rekonstruktion zu geben. Die Fundamentalisten unter den Denkmalpflegern sind sicher nur schon generell gegen das Freilegen von Fachwerk, da der Zustand mit einer verputzten Fassade auch Teil der Hausgeschichte ist! Ein Denkmalpfleger mit differenzierterer Meinung fragt sich, ob denn durch das Freilegen ein erhaltenswerter Zustand zerstört würde. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn es im 19. Jahrhundert nicht nur beim Verputzen der Holzbalken blieb, sondern eine klassizistische Fassadenarchitektur mit Simsen, Lisenen, Fenstergiebelbekrönungen etc. geschaffen wurde, welche ihrerseits auch eine Daseinsberechtigung hätte.


    Dies war bei Salzgasse 21 sicher nicht der Fall, wenn man das Bild aus dem Marburger Bildindex betrachtet:


    mi06882c06b.jpg
    Quelle: bildindex.de


    Links ist Salzgasse 21 im verputzten Zustand. Es waren also höchst einfache Fenstereinrahmungen vorhanden, und sonst keinerlei architektonische Gliederung, wenn man von der Ladenfront absieht. Durch das Freilegen des Fachwerks nach ca. 1960 wurde also kein unbedingt erhaltenswerter Zustand zerstört. Anders sähe es aus, wenn das Haus in einer Umgebung aus lauter klassizistischen Häusern stehen würde. Da würde ich dem verputzten Zustand den Vorzug geben.


    Auch das Innere des Hauses muss in die Beurteilung einbezogen werden; es könnte ja sein, dass ein Raum mit wertvollem Interieur existiert, welcher mit den klassizistischen Fensteröffnungen rechnet. Durch eine Rekonstruktion der ursprünglichen Fensteröffnungen würde somit ein solcher Raum beeinträchtigt.


    Nun gibt es auch Denkmalpfleger, welche absolut auf Substanzerhalt aus sind. Das wäre diejenige Gruppe, welche die beiden Häuser mit dem sichtbaren, aber veränderten Fachwerk erhalten würden. Mit diesen hätte ich am meisten Mühe, denn erstens sind die Häuser heute in einem Zustand, welchen es in ihrer Geschichte gar nie gegeben hat, und zweitens ist das Fachwerk durch die übergrossen Fenster sichtlich verdorben. Fakt ist aber, dass bei einer Rekonstruktion grosse Teile einer Fassade neu gebaut werden müssen.


    Die Frage betreffend Fachwerkfreilegung muss also bei jedem Haus gesondert angegangen und beantwortet werden.


  • Danke für deine Ergänzungen! Vor allem jene zu Salzgasse 21 betreffend dem entfernten Eckerker hat mich im ersten Moment sehr überrascht. Ein Blick auf die Fotos liess auch mich dann sehr schnell überzeugen, dass es so gewesen sein muss. Jetzt sind mir auch die schräggestellten Balkenköpfe zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss klar, welche ich in den Bauetappenplänen als spätere Reparatur ansah. Bei der Rekonstruktion der Westfassade hatte ich effektiv mit der Fensterteilung im linken Fassadenbereich Mühe, indem ich dort je zwei Einzelfenster vorschlug, welche mich aber optisch nie befriedigten.


    Meine erste Frage war nun, ob dieser Eckerker ein- oder zweigeschossig war, und ob er auf rundem Grundriss (in Limburg wahrscheinlich nur einmalig, siehe Bild 9) oder polygonalem Grundriss aufgebaut war. Bei Zweigeschossigkeit würde das Erkerdach einen Teil des Nordgiebels verdecken, und damit auch einen Teil des Zierfachwerks. Auf dem Originalbild des Nordgiebels (Nr. 49) kann ich nicht genau erkennen, ob das Andreaskreuz mit der Raute am rechten Giebelfuss aus neuen Hölzern ergänzt ist, oder aus verwittertem besteht. In den profilierten Balken darunter (Rähm 2. OG, Dackbalken/Schwelle 1. DG) sieht man aber drei Flicke, welche auch hier auf den Eckerker hinweisen.


    Von der Grösse und dem Grundriss her kann man sich am ehesten ein Bild des ehemaligen Erkers anhand von Bild 55 (Haus "Trombetta", Frankfurter Str. 2) machen. Eine zeichnerische Rekonstruktion müsste ich wirklich mal anpacken, was aber sehr viel Zeit beanspruchen würde! Immerhin dürfte es das prachtvollste aller Fachwerkbauten Limburgs sein, auch wenn sein heutiger Zustand nicht sehr befriedigend ist.

  • Neues zum Haus "Salzgasse 21"



    Nun komme ich der Bitte RMAs endlich nach, und habe die Rekonstruktionszeichnungen von Salzgasse 21 überarbeitet. Den ersten Beitrag (samt Folgebeiträge) findet man hier.
    (Sorry, deine Bilder zum Limburger Dom sind mir tatsächlich bis jetzt entgangen! Es hat aber damit zu tun, dass alle Beiträge zu den Galerien nicht mehr in der Liste der 50 neusten Beiträge angezeigt werden!)


    Zitat von RMA

    Bild 49–51 und dein Beitrag hier: Salzgasse 21. Erbaut durch einen Limburger Bürgermeister kurz nach 1573 auf mittelalterlichen Kellern zweier Vorgängerbauten, sehr selten ist wohl das Stuckdekor der Giebelgefache. Deinem wachsamen Auge ist tatsächlich entgangen, dass das Haus einen Eckerker besaß, der wohl nach 1758 entfernt und angeblich am dort fehlenden Stuckdekor und den abgesägten Balkenköpfen noch erkennbar ist. Das Haus war also nochmal schöner als in deiner Rekonstruktion. Vielleicht kannst du deine Bilder ja nochmal durchsehen und eine Rekonstruktionszeichnung mit Erker machen?

    Zitat von Riegel

    Danke für deine Ergänzungen! Vor allem jene zu Salzgasse 21 betreffend den entfernten Eckerker hat mich im ersten Moment sehr überrascht. Ein Blick auf die Fotos liess auch mich dann sehr schnell überzeugen, dass es so gewesen sein muss. Jetzt sind mir auch die schräggestellten Balkenköpfe zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss klar, welche ich in den Bauetappenplänen als spätere Reparatur ansah. Bei der Rekonstruktion der Westfassade hatte ich effektiv mit der Fensterteilung im linken Fassadenbereich Mühe, indem ich dort je zwei Einzelfenster vorschlug, welche mich aber optisch nie befriedigten.


    Meine erste Frage war nun, ob dieser Eckerker ein- oder zweigeschossig war, und ob er auf rundem Grundriss (in Limburg wahrscheinlich nur einmalig, siehe Bild 9) oder polygonalem Grundriss aufgebaut war. Bei Zweigeschossigkeit würde das Erkerdach einen Teil des Nordgiebels verdecken, und damit auch einen Teil des Zierfachwerks. Auf dem Originalbild des Nordgiebels (Nr. 49) kann ich nicht genau erkennen, ob das Andreaskreuz mit der Raute am rechten Giebelfuss aus neuen Hölzern ergänzt ist, oder aus verwittertem besteht. In den profilierten Balken darunter (Rähm 2. OG, Dackbalken/Schwelle 1. DG) sieht man aber drei Flicke, welche auch hier auf den Eckerker hinweisen.


    Von der Grösse und dem Grundriss her kann man sich am ehesten ein Bild des ehemaligen Erkers anhand von Bild 55 (Haus "Trombetta", Frankfurter Str. 2) machen. Eine zeichnerische Rekonstruktion müsste ich wirklich mal anpacken, was aber sehr viel Zeit beanspruchen würde! Immerhin dürfte es das prachtvollste aller Fachwerkbauten Limburgs sein, auch wenn sein heutiger Zustand nicht sehr befriedigend ist.


    Ich möchte aber vorbemerken, dass man Rekonstruktionsvorschläge nur auf wissenschaftlich fundiertem Wissen veröffentlichen sollte! Ich war ja nur 5 Stunden in Limburg, und habe bis heute noch keine Literatur über Limburg durchgeackert. Da es sich hier aber nur um einen begrenzten Leserkreis innerhalb eines Diskussionsforums handelt und ich bereits einige Rekonstruktionsversuche zum Haus vorgestellt habe, möchte ich die Ergänzung dennoch vorstellen.


    Zuerst stellen sich aber einige Fragen zur Form und Grösse des Eckerkers. In erster Linie müssen diese Fragen anhand von Bauspuren am Haus selber beantwortet werden! Solche Spuren können aber nur bei eingehenden baugeschichtlichen Untersuchungen während Umbauarbeiten gefunden werden; die Nordfassade wurde zwar kürzlich renoviert, aber ich denke, dass es da nur bei einem neuen Anstrich blieb und keine Arbeiten an den Mauergefachen vorgenommen wurden, welche solche Spuren zu Tage gefördert hätten. Somit beschränke ich mich wie bis anhin auf oberflächlich sichtbare Befunde auf den Fassadenfotos.


    - Geschossigkeit: auf den Bauphasenplänen beider Fassaden erkennt man, dass die nordwestliche Hausecke im Bereich des 1. und 2. Obergeschosses grösstenteils aus jüngerem Konstruktionsfachwerk des 18./19. Jahrhunderts besteht (1758?). Einschnitte und Flicke sind dort an allen Deckenbalkenlagen des Erd-, 1. und 2. Obergeschosses zu sehen. Zudem hören die Wandschwellen der beiden Obergeschosse exakt übereinander auf. Dies alles spricht dafür, dass der Eckerker mindestens zweigeschossig gewesen war. Ein Hinabreichen des Erkers bis ins Erd- und Zwischengeschoss wäre möglich, aber von der Typologie in Limburg eher undenkbar. Ob der Erker zudem die leichte Auskragung zwischen den beiden Obergeschossen mitmachte, könnte nur durch genaues Ausmass der Fassadenbefunde nachgewiesen werden.


    - Grundriss: in der ganzen Altstadt dominieren die polygonalen Erker, egal ob es sich um Wand- oder Eckerker handelt. Diese Dominanz darf aber nicht bestimmend sein für Rückschlüsse auf Salzgasse 21! Einzelne feststellbare schräggestellte Balkenköpfe würden auch hier eine Rundform (sehr selten im Fachwerkbau!) wie bei Plötze 16, Bild 9, oder einen 45° übereck gestellten Kastenerker zulassen. Zur ersten Visualisierung habe ich mich nun für die wahrscheinlichste Grundform auf einem Oktogon entschieden.


    - Dachform: die eher kümmerlichen Erkerhauben sind heute typisch für Limburg. Ob ehemals Spitzhelme oder geschwungene Hauben vorhanden waren, müsste anhand von historischen Ansichten nachgeprüft werden.


    - Materialisierung: mit Ausnahme eines einzigen Erkers in der Altstadt (Böhmergasse, Bild 81) sind alle Erker in Fachwerk erstellt. Teilweise wurde das Zierfachwerk der Fensterbrüstungen der Fassaden übernommen, teilweise aber auch reichere Figuren angewendet. Am Erker bin ich auf breitere Fenstermasse gekommen als jene an den Fassaden. Dies würde bedingen, dass in den Erkerfensterbrüstungen wahrscheinlich auch andere Fachwerkfiguren vorhanden waren. Für die Visualisierung habe ich die 'Feuerböcke' des 1. Obergeschosses und die geschweiften Brüstungsstreben des 2. Obergeschosses übernommen. Alles andere würde zu spekulativ.


    salzgnordwest_rek_turm.jpg


    Neuste Version mit Eckerker auf oktogonalem Grundriss.



    Zum Vergleich mit den Bauphasenplänen seien diese nochmals angehängt. Beim ersten Rekonstruktionsversuch (ohne Turm) befriedigten mich nämlich die Einzelfenster an der Westfassade nicht; anhand der Holznägel und dem Wechselspiel von Wand- und Brüstungsstreben kam ich damals auf diese Lösung. Mit dem Wissen um diesen Eckerker hat sich nun auch dieses Problem gelöst!


    salzgwest_rek_bauphasen.jpg


    Nicht mehr gültige Version ohne Eckerker!



    salzgwest_photo_bauphasen.jpg