Warschau in alten Fotos (Galerie)

  • Anbei noch einige Vergleichsfotos mit Abbildungen des Vorkriegs-Warschau.


    Wir beginnen auch hier ganz im Süden des Königswegs mit der Aleje Ujazdowskie, damals wie heute Repräsentationsstraße und Ort von Militärparaden o. ä.:


    11.jpg


    Es fällt auf, daß die heutige Bebauung (ganz zu Anfang der Warschau-Fotos gezeigt) eine einheitlichere Höhe aufweist.


    Hier der Platz der drei Kreuze:


    4.jpg


    Kaum zu erkennen - die Neue Welt, die sich heute einheitlich präsentiert, war damals eine Mischung aus unterschiedlichsten Baustilen und Gebäudehöhen:


    10.jpg


    17.jpg


    Etwas weiter im Norden - die Krakauer Vorstadt, die näher am historischen Vorbild aufgebaut wurde, allerdings auch hier mit reduziertem Fassadenschmuck:


    20.jpg


    Nochmals etwas weiter nördlich, rechts das Haus ohne Kanten, erbaut als Offiziers-Wohnhaus und später als Sitz von NS-Behörden genutzt und daher nicht zerstört:


    5.jpg


    Der heute so leere Pilsudski-Platz noch mit der Alexander-Newski-Kathedrale:


    21.jpg


    22.jpg


    Der Sächsische Garten noch mit Originalbebauung, die ja möglicherweise doch rekonstruiert werden soll, nach dem Krieg wurde wohl aus Kostengründen, aber auch aufgrund des Bezugs zu Deutschland darauf verzichtet:


    7.jpg

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Weiter in Richtung Altstadt, die Bebauung ging hier noch bis zum Schloß lückenlos weiter:


    2.jpg


    Das Königsschloss, ursprünglich war der Schloßplatz eine der am stärksten befahrenen Kreuzungen - erst mit dem Bau der Ost-West-Trasse wurde der Schloßplatz zu einer Fußgängerzone.


    Nebenbemerkung: Das erste Wiederaufbauprojekt in Warschau war Marienstadt und entstand gleichzeitig mit der Ost-West-Trasse, dabei handelt es sich um traditionelle Architektur, aber keine Rekonstruktion.


    Das Königsschloß:


    19.jpg


    Die Miodowa-Straße, unter der die Ost-West-Trasse wieder ans Tageslicht kommt, entsprechend wurde das Gebäude links der Verklärung-Christi-Kirche nicht rekonstruiert:


    9.jpg


    Der Krasinski-Palast am heutigen Obersten Gerichtshof:


    3.jpg


    Die Senatorska-Straße mit Blick zum Theaterplatz:


    13.jpg


    Und gleich eine Reihe von Aufnahmen zum Großen Theater:


    1.jpg


    18.jpg


    16.jpg


    Die gründerzeitliche Bebauung wurde nicht rekonstruiert, das ehemalige Rathaus stammt wie erwähnt von 1997, die St. Andreas-Kirche gleich daneben wurde aus Platzgründen verkürzt in etwa zur gleichen Zeit wiederhergestellt.


    Klassische Ansicht der Neustadt mit der Kasimirkirche:


    12.jpg


    Noch ein wenig gründerzeitliche Pracht etwas außerhalb: Marschallstraße und Napoleonplatz, heute südlich des Kulturpalasts:


    8.jpg


    15.jpg


    Und die spannendste Aufnahme zum Schluß - Altstadt und Neustadt:


    6.jpg


    Hier sehen wir deutlich, daß der Wiederaufbau in weiten Teilen (genauso wie in Danzig und teilweise in Breslau) eine idealisierte Nachempfindung früherer Bauzustände war.


    Wir stellen unter anderem fest, daß die Stadtmauer inkl. Barbakane fast vollständig fehlt, daß die klassizistischen Palais - soweit überhaupt noch vorhanden - durch Wohnbebauung verdeckt wurden (man stellt auch fest, daß die Hyazinthkirche ziemlich chaotisch zugebaut wurde).


    Auch weichen die Gassen und Plätze in der Altstadt teilweise stark vom heutigen Zustand ab: die meisten Gassen sind breiter und gerader, die vormals platzartige Straße "Szeroki Dunaj" hingegen um einiges schmaler, speziell Richtung Weichsel und Neustadt wurde die Bebauung bereinigt und zugunsten des Stadtgrabens auch nicht mehr errichtet.

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Von wem wird die Idealisierung des Nachbaus der Altstadt ernsthaft infrage gestellt?


    Und was daran wäre zu kritisieren, so dieses Vorgehen problematisiert werden soll, vor dem Hintergrund des typischen, katastrophalen Nachkriegswiederaufbaus der Zentren sowie deren modernistischen Zerstörungen infolge wie sie die meisten Städte erlebt haben und somit auf unbestimmte Zeit ihrer "Seele" beraubt wurden?


    So gesehen war und ist der Warschauer Weg vorbildlich.

  • vor dem Hintergrund des typischen, katastrophalen Nachkriegswiederaufbaus der Zentren

    Hört, hört.

    Und was daran wäre zu kritisieren, so dieses Vorgehen problematisiert werden soll

    Ich denke nicht, dass eine solche Kritik angeklungen ist. Lediglich eine sachliche Konstatierung, eines Zustandes, der mir in dieser Drastik nicht bewusst war.


    Hier sehen wir deutlich, daß der Wiederaufbau in weiten Teilen (genauso wie in Danzig und teilweise in Breslau) eine idealisierte Nachempfindung früherer Bauzustände war.

    Was Breslau betrifft, so bin ich mir da nicht so sicher. Sicherlich wurde am Ring teilweise ein Vorzustand rekonstruiert, mE sicherlich zu recht. Ich denke, dass dies von gewissen Vereinfachungen abgesehen auf weit höherem Niveau, dh mit mehr historischer Genauigkeit erfolgte als in Warschau, jedenfalls ohne allzu viel Idealisierung. Breslau ist überhaupt sehr wenig idealisiert.


    Dass in Warschau der richtige Weg eingeschlagen worden ist, steht außer Zweifel. Man kann drüber streiten, ob das DDer NM-Projekt oder die neue FFer Altstadt nicht noch gelungener sind - eine sehr schwer zu entscheidende Problemstellung. Auch denn der Warschauer Fassadentyp leichter zu konstruieren war als DDner Barockfassaden und FFer FWH vermag die Flächigkeit der neuen Warschauer Innenstadt jedenfalls zu beeindrucken - sie wurde in D nirgendwo auch nur ansatzweise erreicht. Nicht auszudenken, wenn man derartiges in Pforzheim oder Duisburg probiert hätte...

    Ein Beispiel für einen derartigen Wiederaufbau wäre wohl Donauwörth, während mir das heutige Stadtbild von Freudenstadt nicht sehr bedeutend vorkommt - jedenfalls auf Bildern, mehr kenn ich nicht.

  • Dass in Warschau der richtige Weg eingeschlagen worden ist, steht außer Zweifel.

    Da wäre ich mir nicht so sicher - das Büro für den Wiederaufbau der Altstadt (BOS) wurde ja bereits 1950 wieder aufgelöst (entsprechend kam das Schloß ja erst viel später und die Sächsische Achse kommt vielleicht irgendwann mal in der Zunkuft) und die komplette Altstadt hätte in etwa auf der Fläche des Münchner Olympiastadions Platz, um mal die Größenordnungen zu verdeutlichen. Der Wiederaufbau der Neustadt und der Krakauer Vorstadt blieb ja ein ziemliches Fragment und besteht im Wesentlichen nur aus einer Gebäudereihe entlang einer Hauptachse. Auch Marienstatt, der Beginn des Wiederaufbauprojekts, ist ja ein Fragment.


    Vermutlich könnte man mit allen rekonstruierten Gebäuden zusammen nicht mal die Münchner Theresienwiese füllen, und das, obwohl Warschau um einiges größer ist als München - in erster Linie besteht Warschau flächendeckend aus grüner Wiese und Plattenbauten, gefolgt vom Sozialistischen Realismus entlang der großen Hauptachsen (speziell auch westlich des Zentrums), wobei sich viele Gebäude wiederholen, und erst mit deutlichem Abstand folgt dann das Rekonstruktionsprojekt. Erhaltene historische Bebauung gibt es kaum, selbst Praga fand ich sehr enttäuschend.


    Spätestens ab 1955 wechselte dann der Schwerpunkt zum Sozialistischen Realismus, es gab flächendeckende Abrisse um das Areal des Kulturpalasts, auch in der Neuen Welt wurde die vorhandene Bebauung überwiegend abgerissen, gleiches gilt für die komplette Westseite der oben gezeigten Marszałkowska-Straße, der neueren Hauptachse in Nord-Süd-Richtung gegenüber dem älteren Königsweg.


    Wirklich viel investiert wurde dann in das MDM-Viertel, zu dem ich auch mal eine Galerie einstellen werden, die Fotos habe ich schon längst aufgenommen, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/…ka_Dzielnica_Mieszkaniowa


    Das ist eigentlich das bedeutendste Aufbauprojekt in Warschau und nicht die kleine Altstadt (zum Vergleich: Altstadt 350 m Länge, MDM-Viertel rund 2000 m).

    Ce qui arrive en fin de compte, ce n’est pas l’inévitable mais l’imprévisible.

    John Maynard Keynes

  • Na ja, man kann alles so und so sehen... Aber letztlich ist doch eine intakte Innenstadt entstanden, wenngleich nur sozusagen linear, jedoch weitläufig wirkend. Ausdehnung ist eben nicht nur Fläche, daher war mein entsprechender Satz unpräzise. Die Länge von geschlossenen Zeilen ist wohl ein ebenso wichtiger Parameter. Verglichen mit dem dt. Wiederaufbau aus "klassischer" Zeit (also bis in die 60er Jahre) ist diese sich daraus ergebende mangelnde Tiefe ohnehin kein Kriterium, weil es dort weder das Eine (Flächigkeit) noch das andere (intakte Zeilenhaftigkeit), sondern allenfalls Stückwerk gibt. Praga selbst ist mit seiner alten Substanz eher als Schandfleck empfunden und in späten Jahren wohl auch so behandelt - abgerissen worden. Generell muss man sich den sozialistischen Rigorismus nicht unbedingt zum Vorbild nehmen - letztlich schreckte man dort, wenn es "drauf ankam" - vor nichts zurück, also vor keinerlei Flächenabrissen, und die bürgerliche Stadt war sowieso alles als ein eigentliches Anliegen. Schlimmer als in Bratislava wurde auch im Westen wohl kaum eine Altstadt dem Verkehrsmoloch geopfert, ein Pendant im Bergwerksektor wäre Brüx- Most. Die Bedeutung des in Warschau-Danzig (ev auch Posen, sicher nicht Breslau und generell Niederschlesien)-Konzeptes liegt mE in der Herangehensweise: die ziemlich stilsichere Schaffung einer "ungefähren" Altstadt, also zumeist Verzicht auf genaue Rekonstruktion, aber eben mehr als bloße "Anpassung". Das wäre für Städte mit bedeutenden alten Bauten aus Barock (DD) oder Mittelalter/ Renaissance (FF, Hildesheim) entschieden kein gangbarer Weg gewesen, wohl aber für unzählige andere Städte, etwa um einen "Altstadt-Normalzustand" zu schaffen, in welchem dann einzelne erhaltene bzw rekonstruierte Einzelbauten- Zeilen-Ensembles eine weit sinnvollere Einbettung erfahren hätten als wie weitgehend der Fall. Mit dem späten, dh tw aktuell laufenden Wiederaufbau (DD., Potsdam, FF) ist jedoch ein verglichen mit allem Bisherigen idealer Weg entstanden. Der an sich zu lobende Münchner Wiederaufbau gewisser Innenstadtteile ist hier nicht zu vergleichen, da dieser nicht ex nihilo erfolgt ist, also kein klassisches Rekoprojekt darstellt.

  • während mir das heutige Stadtbild von Freudenstadt nicht sehr bedeutend vorkommt - jedenfalls auf Bildern, mehr kenn ich nicht.

    In Freudenstadt wurde außer der Stadtkirche nichts rekonstruiert. Man hat zwar die Arkaden als Gestaltungsmittel und auch die alte Parzellierung beibehalten, aber die Stadt wurde neu erbaut in einem konservativen Heimatstil mit Anleihen aus der typischen 50er Jahre-Architektur. Als "bedeutend" würde ich das Ergebnis auch nicht bezeichnen. Angenehmer als Stuttgart oder gar Pforzheim ist es freilich allemal.

  • Der riesige Hauptplatz gefällt mir in Freudenstadt recht gut, fast schon besser als das Original ... das Drumherum ist leider teilweise recht ungepflegt, wie für den nördlichen Schwarzwald und speziell den östlichen Teil leider nicht so unüblich.

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Könnte man sich darauf einigen, dass sowohl der Freudenstädter Weg, als auch das Warschauer Konzept im Vergleich und Rückblick weitsichtige Entscheidungen waren, die anderorts mehrheitlich wegen modernistisch-ideologischer Vorstellungen bis in unsere Gegenwart hinein nicht umgesetzt wurden/ werden und letztere zur optischen Verwüstung der Stadtkerne beitragen?


    Das Warschauer Beispiel zeigt wie entscheidend der Fokus auf die Stadtmitte als Identifikationsfaktor ist. Vielleicht sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass dies der Grund ist, warum Städte wie Stuttgart, trotz erhaltener Gründerzeit-Stadtviertel, Ulm, trotz Traditionsinseln und Würzburg, trotz bedeutender Solitäre am Ende architektonisch wie städtebaulich in der öffentlichen Wahrnehmung mehrheitlich schlechter abschneiden. Ohne eine intakte, identitätsstiftende Mitte (ja, Großstädte rühmen sich um ihre Stadtteilzentren, die jedoch keinen Ersatz für einen verlorenen Stadtkern sind) ist das Drumherum zu wenig, um nicht zu sagen nichts.

  • Was Warschau anlangt, so ist das eigentliche Zentrum schon schon seit Ende des 17. Jahrhunderts immer weiter nach Süden gewandert, in die Krakauer Vorstadt und die Neue Welt, die winzige Altstadt interessierte eigentlich niemanden so großartig, wenn sich städtebaulich etwas tat, dann südlich und westlich davon (Długa, Miodowa bis zum Plac Bankowy).


    Die Altstadt war halt noch irgendwie da, aber irgendeine Bedeutung hatte sie nicht mehr, denn nicht nur der Adel verlagerte sich nach Süden, auch das Geschäftszentrum um die Marszałkowska-Straße lag und liegt ja im Süden. In den Zwischenkriegsjahren wurde ja dezidiert modern im Stil der damaligen Zeit gebaut, entsprechende Viertel sind teilweise noch erhalten, auch einige der Großbauten wie Wirtschaftshochschule, Nationalmuseum, Gläsernes Haus usw. sind ja erhalten bzw. rekonstruiert.


    Ob eine hypothetisch erhaltene Altstadt in einem unzerstörten Warschau irgendeine Bedeutung hätte, ohne die ganze Thematik Zerstörung und Wiederaufbau, ist schwer zu beurteilen. Die mangelnde Wertschätzung kommt ja auch in der obigen Luftaufnahme zum Ausdruck, die Altstadt war ja rundherum zugebaut, so malerisch wie heute sah sie im Original nie aus.

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Offensichtlich übernimmt die heutige Warschauer Altstadt in ihrer idealisierten Form doch genau diese Rolle, die als Identifikationsfaktor entscheidend ist. Dass man dies mehrheitlich ignoriert und nicht erkennen möchten, ist hingegen auch bekannt. So sehen die Stadtzentren im Ergebnis dann eben auch aus.

  • Ob eine hypothetisch erhaltene Altstadt in einem unzerstörten Warschau irgendeine Bedeutung hätte, ohne die ganze Thematik Zerstörung und Wiederaufbau, ist schwer zu beurteilen

    Na ja - Ring bleibt schließlich Ring, und das heißt halt was in einer östlichen Stadt. Und dazu noch ein Königgschloss und die Kirchen. Die heutige Zeit ist eher in ihrer Reflexion auf "Altstadt" ausgerichtet. maW; ganz sicher hätte diese Altstadt eine Renaissance erlebt. Schon der Umstand ihrer besonders massiven Zerstörung als "Strafaktion" spricht für eine gewisse schon damalige Bedeutung, Man hätte zB auch Praga zerstören können...

  • Man hätte zB auch Praga zerstören können

    Das ging nicht, weil da ja schon die Rote Armee und die von ihr abhängige Armia Ludowa standen und wie üblich erst mal abwarteten, bis die bürgerliche/katholische Armia Krajowa gewissermaßen als "nützliche Idioten" (aus Sicht der Kommunisten) die Gegner geschwächt hatten. Üblicherweise wurde erst danach eingegriffen und dann auch gegen die Heimatarmee vorgegangen ... abgesehen davon war die Altstadt ja ein Kampfgebiet und wurde auch dabei schon teilzerstört.


    Zerstört wurde ja auch praktisch der gesamte Königsweg ... der ja am Königsschloß endet (das zwar am Rande der Altstadt liegt, aber eben doch außerhalb) und eben nicht durch die Altstadt und Neustadt führt.


    Großartig in den Ring investiert wurde ja nicht gerade, im Gegenteil wurde das dortige Rathaus ersatzlos abgerissen und nach der Verlegung der Hauptstadt von Krakau nach Warschau entstanden alle bedeutenden Neubauten außerhalb der Altstadt, eben am Königsweg oder wie erwähnt westlich der Altstadt.

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto