Maastricht (Limburg, Galerie)

  • "Treppengiebel-Brandmauern"? Das klingt ja sehr spannend. Hatten niederländische Städte etwa mal Treppengiebel? Das kann ich mir gar nicht recht vorstellen. Aber das kann natürlich daran liegen, daß so alte Gebäude schon zigmal umgebaut worden sind. Hast Du vielleicht irgendwo einen Rest fotografieren können?

  • Die beiden Looiersstraßen (Looier = Gerber, also brauchte man hier Wasser) sahen um 1900 noch völlig anders aus! Hier die Grote Looiersstraat, gen Südosten:

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    Der Bach in der Straßenmitte war mal der mittlere Zweig des Flüsschens Jeker (ein kleiner Fluss, der in Maastricht in die Maas fließt), der vor etwa 110 Jahren umgeleitet und dichtgemacht wurde. Die beiden anderen Zweige gibt's aber immer noch - Hauptlauf ist heute der südliche Zweig, der außerhalb der Stadtmauer fließt. Die Grote Looiersstraat ist auch nach diesem "Eingriff" eine der schönsten Straßen der Stadt geblieben, im Gegensatz zur Kleine Looiersstraat, die dadurch ihren einst unverwechselbaren Charakter leider völlig verloren hat, auch wenn die Häuser fast alle erhalten geblieben sind! Die Häuser auf der nordöstlichen Straßenseite waren alle nur über kleine Brücken erreichbar, weshalb die dortigen Häuser auch viel kleiner sind als die oft recht monumentalen Häuser auf der anderen Straßenseite:

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    Offenbar war eine ständige Hochwassergefahr der Grund für das Verschwinden dieses Flusslaufes:

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  • Hm, ja, daß man ein solches Hochwasser nicht haben will, kann ich schon verstehen... aber daß man das nicht mit einem regulierten Zufluß in den Griff bekam und stattdessen das ganze Flüßchen weggesteuert hat, ist schon ein bißchen schade.

    Es gibt ja irgendwo in Maastricht noch so eine Ecke, wo noch so ein bißchen Flüßchen zwischen den alten Häusern zu sehen ist, aber das scheint nur eine winzige Ecke zu sein (weiß leider den Straßennamen nicht mehr).

    Das 2. Haus von links im 2. Überschwemmungsbild von unten hat tatsächlich einen Treppengiebel.


    Mal eine Frage wg. Looiersstraat/Gerberstraße:

    Die Häuser sehen ja sehr anders aus als die Gerberhäuser, die Zeno mal in seiner Augsburg-Galerie im APH zeigte.

    Wurde da noch gegerbt, als die Überschwemmungsfotos gemacht wurden, oder waren das damals schon vor allem Wohnhäuser? Oder wurden die gegerbten Häute vielleicht in die höheren Häuser auf der anderen Straßenseite gebracht?

  • Ich weiß nicht genau, wie dort gegerbt wurde, nur, dass die maastrichter Gerber sehr wohlhabend waren! Derart monumentale Gerberhäuser wie in Maastricht (manchmal sogar mit Toreinfahrt!) gibt's ansonsten vermutlich nur kaum - ein vergleichbares "Gerberviertel" kenne ich auf jeden Fall nicht!


    Und ja, die Jeker ist heute leider fast nur noch auf Brücken sichtbar (Looiersgracht, Verwerhoek, Bisschopsmolengang). Nur an der Bonnefantenstraat, bei der Musikhochschule, kann man noch entlang des Flüsschens laufen. Dort gibt's auch das einzigartige "Huys op den Jeker" (wird noch folgen!). :)

  • Looiersstraat/Gerberstraße:


    Das Wort niederländische Wort Looier entspricht wohl den deutschen Wort Löher, das waren die Gerber, die die Gerberlohe herstellten. Der Familienname Löhr geht darauf zurück. Zur Gerberlohe dienten die Rinden von Eichen, die in Becken (ob nur mit Wasser oder auch anderen Zusätzen versehen weiß ich nicht) angesetzt waren. In dieser Lohe wurden dann die Häute zu Leder gefärbt. Die Gerber waren immer dort, wo es reichlich Wasser gab, weil sie dieses benötigten. Die Gerberlohe stank übrigens schrecklich, weshalb auch die Gerber mit ihrem Gewerbe in aller Regel an Stadtrand angesiedelt waren.

  • Villa1895 : Ach, Du auch hier? Ein erfreutes Hallo! -

    Ja, das Stinken, das ist mir bekannt. Es gibt ja auch den Spruch "stinkichts Fellche, blinkichts Geldche", und aus eigener Nasenerfahrung - in Lauchringen gab es bis in die 90er eine Abdeckerei, deren Produkte u.a. auch als "Schlichte" d.h. als Fadenverstärkung während der Weberei, verwendet wurden. Fellche stinken sicher etwas anders, aber halt auch. -

    Mein Vater wuchs als Kind in einer "Gerberstraße" auf, das war in den 1930ern, aber da waren damals wohl schon keine Gerber mehr tätig, jedenfalls hat er nie sowas erwähnt; ich denke, er hätte schon, wenn es so gewesen wäre (die empfindliche Nase habe ich von ihm, und sein Vater war Tischlermeister).

    Worauf ich hinauswill: Spätestens Anfang des 20. Jhdts ging es doch vermutlich mit diesen kleinteiligen Gewerken zurück, und sie hielten sich nur an ziemlich "zentralisierten" Orten. In Augsburg, das entnahm ich Zenos Galerie, scheinen sich bis vor vielleicht 30, 40 Jahren Gerber gehalten zu haben, evt. bis heute (und die müssen auch, wenn man nach der Größe der Häuser geht, recht gut zurechtgekommen sein). Deshalb die Frage, die sich mir bei den Bildern von der Überschwemmung der Looiersstraat stellt: waren das damals noch Häuser, in denen gegerbt wurde, oder war das schon Vergangenheit?

  • @ Loggia,


    auch ich grüße dich freundlich. Heute hatte mir Fachwerkliebhaber mitgeteilt, ich solle mich doch hier mal blicken lassen und so mir was Passendes einfällt, auch was dazu schreiben.


    Als Kind war nicht weit weg von unserem Häusle eine Gerberei und ich muss gestehen, dass wenn ich dort mal vorbei ging, der Gestank kaum auszuhalten war. Es waren mitunter auch außen vor dem Haus Felle aufgehängt, an denen noch Fleischreste hingen. Und das im Sommer, es war entsetzlich. Die Häuser der Gerber hatten oft im Speicher oder Dachboden, wo die Felle zum Trocknen aufgehängt waren, oft Lamellen (ähnlich wie die Schallöffnungen von Kirchtürmen). Dadurch konnte die Luft oder der Wind durchziehen und die Trocknung ging dadurch schneller vonstatten.

  • Loggia


    Vermutlich wurde dort um 1800 schon nicht mehr gegerbt. Maastricht wurde ja schon waehrend der franzoesischen Besatzung (Abschaffung der Zuenfte) zu einer Industriestadt, wobei die Industrie ausserhalb der Stadtmauer angesiedelt wurde.

  • Es geht wieder weiter - hier nochmal das auffällige Haus Tafelstraat 13 aus dem frühen 17. Jahrhundert, mit "eckigem" Treppengiebel und sogar einem Treppenturm:

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    Auch die Häuser links (Tafelstraat 30-26) haben wir schon mal gesehen:

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    Blick in die Straße "Achter de Molens", gen Nordwesten (wird noch folgen) - ganz links das ehemalige Torhaus des schon längst verschwundenen Looierstores, heute Teil des bereits vorgestellten Wohnhauses Grote Looiersstraat 6:

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    Und es geht in die Tafelstraat, wohl eine der am besten erhalten gebliebenen Straßen der Stadt, hinein:

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  • Im Hinterhof der Nr. 28 (links) scheinen sich noch Reste einer spätgotischen Kapelle zu befinden:

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    Rechts die schöne, vermutlich historistische Tür der Nr. 13:


    Und dann taucht im Hintergrund plötzlich die Wallonische Kirche von 1733 auf (auch dazu später mal mehr):

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    Links Tafelstraat 10 und 8 (vlnr.) aus dem 17. Jahrhundert, rechts einige interessante Häuschen aus dem 17.-19. Jahrhundert:


    Auch mal ein Blick zurück (rechts die Nr. 10):

  • Blick ins Sint Hilariusstraatje, nun von der Tafelstraat aus (also gen Südwesten):


    Auch die Nr. 8 (rechts) ist mal wieder ein besonders schönes Beispiel der Maasrenaissance, mit Fensterrahmungen, profiliertem Fries und Eckquader aus Naturstein (grauer und gelber Kalkstein) und dazwischen Backstein:


    Die Nr. 8 erinnert sogar schon irgendwie an Frankreich (ab hier wieder sommerliche Bilder ;) )!

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    Und es geht jetzt über die Tafelstraat auch wieder zurück, also gen Westen:

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    Hinter dem sehr breiten Giebel rechts, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, verbirgen sich 3 ältere Häuser (Tafelstraat 16-20):

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  • Blick in die Gasse "Klein Grachtje", die wir uns demnächst mal anschauen werden:


    Rechts das "Mauerhaus" Achter de Molens 26 (17. Jahrhundert):

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    Ansonsten hat diese Straße nicht viel zu bieten, also geht's jetzt gleich in die Gasse "Klein Grachtje", die sich der schon vorgestellten Gasse "Lang Grachtje" sehr ähnelt (aber dennoch deutlich schöner ist!). Blick zurück zur "Achter de Molens", gen Südosten, mit in der Bildmitte nochmal die Nr. 26 (mit Treppengiebel):


    Das Wort "Grachtje" kommt hier offenbar von "Stadtmauergraben", auch wenn wir uns hier auf der Stadtseite befinden - rechts noch einmal die auch hier wohlerhalten gebliebenen Ersten Stadtmauer des frühen 13. Jahrhunderts:

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  • Dann biegt die Gasse auf einmal nach Norden ab, und heißt ab dort "Verwerhoek". Gerade an diesem Ort sehen wir, von einer kleinen Brücke aus, auch erstmals die Jeker (genauer: der nicht verschüttete nördliche Zweig des Flüsschens), Blick gen Osten (der Blick gen Westen wird leider von einer kleinen Bausünde verstellt...):


    Blick gen Norden (in die Verwerhoek also) - links ein spätgotischer Steinbau, der zum ehemaligen Katholischen Waisenhaus an der Lenculenstraat gehört, rechts wieder mal Fassaden des 18. Jahrhunderts:

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    Etwas weiter nördlich werfen wir auch mal wieder einen Blick zurück (zum Süden also):

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    Und fast haben wir die Lenculenstraat schon erreicht:

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  • Die schon wirklich beeindruckende Hinterseite einiger Häuser an der Lenculenstraat (die Nr. 15-19):


    Das Haus mit den barocken Ornamenten ist Lenculenstraat 16:

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    Auch die Lenculenstraat ist sehr gut erhalten geblieben, wie dieses Bild (Blick gen Nordosten) schon zeigt:


    Vlnr. Lenculenstraat 15-19 (alles 18. Jahrhundert, im Kern älter):

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    Und der Blick gen (Süd-)Westen, rechts die Nr. 18 (ebenfalls 18. Jahrhundert):

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  • Gen Südwesten geht's jetzt auch:


    Nochmal ein Blick zurück - beachte die für den Wagenverkehr "ausgesparte" Hausecke rechts unten:

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    Rechts das eher unscheinbare "Vorderhaus" des ehemaligen Katholischen Waisenhauses:

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    In der Bildmitte auch mal wieder eine Fassade des 17. Jahrhunderts (die Nr. 27), rechts daneben die Nr. 29 (wieder mal 18. Jahrhundert) und links ist der Seitenflügel des frühmodernen Alten Gouvernements der Provinz Limburg sichtbar, von dem ich leider aber keine eigene Bilder besitze...

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  • Also greife ich hier jetzt mal auf Fremdbilder zurück:

    Maastricht, Oud Gouvernement01.jpg
    Door Kleon3 - Eigen werk, CC BY-SA 3.0, Koppeling


    Bild 2: 8635340418_0b0967c6f4_b.jpg


    Und jetzt das wohl auffälligste Haus der Straße, ein sehr schönes Giebelhaus des 17. Jahrhunderts (Lenculenstraat 34):


    Wieder mal ein erstklassiges Straßenbild!

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    Und auf der anderen Straßenseite gibt's hier auch noch das ehemalige Reformierte Waisenhaus (ja, Protestanten gab und gibt es auch in Maastricht, wenn auch nicht so viele), ein großartiger "Gebäuderiegel" des 17. Jahrhunderts, der direkt entlang der Stadtseite der (hier nicht mehr sichtbaren) Ersten Stadtmauer gebaut wurde:


    Auch der in diesem Bild sichtbare Historismusbau gehörte zum reformierten Waisenhaus (heute Schauspielakadiemie):

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