• So, damit habe ich fertig.
    Für das bescheidene Ausmaß meines Rundganges gibt es einen skurrilen Grund, der in Wahrheit tragische Züge trägt und auf den Niedergang des alten Europas hindeutet.
    Es ist einfach so, dass es auf Ferraras Bahnhof keine Gepäckaufbewahrung gibt. Wegen Terrorismusgefahr, wie es in der Tourismuszentrale hieß. Nun ja, multikulturelle Bereicherung hat eben ihren Preis. Dafür sind eben all diese schönen Menschen aus Afrika und Vorderasien da, das müssen wir schon aushalten.
    Wer sich den eingangs verlinkten Stadtplan ansieht, muss zugestehen, dass ich mit meinem vollen Mehrtagesgepäck (/Ferrara war der geplante Endpunkt der Reise, das Quartier in Montegrotto war bereits geräumt) eine ganz schöne Strecke hingelegt habe (vom Estenschloss zum Bahnhof bin ich dann natürlich per Taxi gefahren). Für mehr hat's nicht gereicht, so leid es mir tut. Dafür gibt es all die schönen Abendbilder vom Canale Grande zu bewundern (in Venedig gibt es - noch eine Gepäckaufbewahrung). Außerdem war das Wetter in Venedig ohnehin besser.
    Man wird mir zugestehen müssen, dass mir Ferrara gründlich verleidet war.
    Was ist zur Stadt zu sagen?
    Mit Ausnahme des grandiosen Corso Ercole I d'Este und der Judenstadt war ich herb enttäuscht.
    Was man auf den Bildern nicht sieht und was auch vor Ort überhaupt nicht erörtert wird (und im Internet sehr schwer eruierbar erscheint): Ferrara ist im Kriege arg zerstört worden.
    Überhaupt haben die oberitalienischen Städte einiges abgekriegt, was wir vielleicht an anderer Stelle noch erörtern werden).
    Im Falle Ferraras wird die zerstörte Fläche sicher mit Lübeck mithalten können (wenngleich die Auswirkungen nicht so gravierend erscheinen).
    Wie groß die erhaltene Altstadt ist (vor allem nach Westen) weiß ich nicht. Nach Norden zum Bahnhof sieht es schon kritisch aus. Hier tut sich ein aus der BRD gewohntes Bild auf: vieles ist zerstört, und die erhaltene Substanz dazwischen ist ungepflegt bzw lieblos behandelt. Außer einem grandiosen Palazzo findet man zwischen Bahnhof und Palazzo die Municipio absolut nichts von Bedeutung.
    Die Viale Cavour ist überhaupt ein brutale Magistrale, die wohl schon vor der Zerstörung historistisch geprägt war (und wahrscheinlich in dieser Zeit angelegt worden ist).
    Leider wurde auch die Südostseite des Domplatzes, DER eigentlichen Piazza der Stadt, die in diesem Bereich Piazza Trento Trieste heißt, getroffen und völlig unzulänglich wiederaufgebaut.
    https://www.google.at/search?q…ieste%252Fen%3B1181%3B886
    Diese historisierende Architektur wird zwar hier ihre Bewunderer finden, ist aber diesem Ort alles andere als angemessen. Für mich ist der neue Palazzo della Ragione eine einzige Zumutung http://it.wikipedia.org/wiki/P…della_Ragione_Ferrara.JPG und eine ganz üble Beeinträchtigung des edlen Stadtbildes. Hier wäre eine Rekonstruktion die einzige vernünftige Option gewesen.



    Hier ein Bild des zerstörten Palazzo die Ragione:


    http://it.wikipedia.org/wiki/P…ella_Ragione_nel_1913.jpg


    Man sieht, dass auch in Italien BRD-Fehler gemacht wurden!

  • Na ja, ich hab ja nur die schönen Vierteln photographiert, von denen es glücklicherweise noch genug gibt. Aber den neuen Palazzo della Ragione hab ich doch gezeigt, und der erinnert fatal an das neue Nürnberger oder Emdener Rathaus bzw an andere Perlen neuzeitlicher Ideenlosigkeit.
    Auch über Lübeck oder Ulm ließe sich eine Galerie erstellen, in welcher die Zerstörungen nicht ersichtlich sind. Das war zwar etwas polemisch, weil in Ferrara letztlich doch mehr erhalten ist, aber so ist es nunmal.

  • Zitat

    Übrigens zeigen Ursus Bilder nur ein kleiner Teil der riesigen Altstadt Ferraras und seiner Neustadt, die sich nach Größe und Qualität mit den besten anderen Planstädten der frühen Neuzeit in Europa messen kann


    Ich hab ja geschrieben, warum ich nicht allzu weit gekommen bin.
    Andererseits ist nicht alles in Ferraras riesiger Innenstadt wunderschön. Gleich hinter dem Estenschloss fängt die Armseligkeit der Nachkriegszeit mit voller Wucht an.Die Nebengassen um den Corso Ercole... sind nicht so berauschend, und nach Westen hin beansprucht der hässliche, hier so viel bewunderte neue Palazzo Ragione eine gar nicht so kleine Fläche.
    Nach Süden hin wirkt die Altstadt allerdings in der Tat uferlos, glücklicherweise ist hier alles erhalten. Die beeinträchtigte Piazza schmerzt dennoch.
    Ich bin schon als Kind in Ferrara gewesen und hatte alles viel prächtiger in Erinnerung. Das ziemlich belanglose Dominnere ist eine herbe Enttäuschung.
    Außerdem war mir, wie gesagt, die Stadt verleidet. Dazu kömmen die vielen, für einen Ortsfremden lebensgefährlichen Radfahrer.
    Nicht unerwähnt sei, dass die Stadt in einigen Bereichen einfach nur verkommen wirkt.
    Gut, das war jetzt viel Negatives, wahrscheinlich auch sehr parteiisch. Ich verzeih der Stadt halt nicht die Strapazen durch das fehlende Schließfach.